Das Programmheft ruft die Zusammenhänge des zwischen 1917 und 1920 in Wien entstandenen Werkes mit der Situation der im Ersten Weltkrieg versunkenen Habsburgischen Monarchie in Erinnerung. Ob sich der damals erst 19-jährige Komponist und Mitautor des Textbuches dessen bewusst war, als er sich 1916 für das von Siegfried Trebitsch übersetzte Drama Das Trugbild des belgischen Dichters Georges Rodenbach begeisterte? Für ihn war es wohl vor allem ein spannungsgeladener Opernstoff, der seine Fantasie entzündete. Der Kunstgriff der Librettisten Hans Müller und Vater Julius Korngold alias Paul Schott, die wesentlichen Vorgänge als Vision des Hauptakteurs Paul spielen zu lassen, steigerte seine Fantasie noch. Paul gibt sich in seinem Hause in der toten Stadt Brügge ganz der Trauer um seine verstorbene Frau Marie hin. Nach einer Begegnung mit der ihr im Aussehen verblüffend ähnlichen, aber gänzlich anders gearteten Tänzerin Marietta glaubt er, Marie wieder gefunden zu haben. Im Traum durchlebt er mit Marietta all seine Sehnsüchte, Hoffnungen und Begierden. Die von Mariettas Theatertruppe gespielte Auferstehungsszene aus Giacomo Meyerbeers Oper Robert der Teufel, Orgelklänge aus einer nahen Kathedrale, feierliche Gesänge einer Prozession geistern durch den Traum. Weil Marietta sich wehrt, ihr Ich aufzugeben und das Andenken der Toten entweiht, erwürgt Paul sie schließlich. Dieser beklemmende Traum führt zu Ernüchterung und Einsicht. Nach seinem Erwachen will Paul sein Haus und die tote Stadt verlassen, versuchen, zu neuem Leben zu finden. Der Komponist fand zu diesem Geschehen eine denkbar vielgestaltige Musik. Insgesamt zeichnet die Oper eine weit geschwungene Melodik und eine farbenreiche, differenzierte Harmonik aus. Für die von Konflikten durchpeitschten visionären Szenen prägte Korngold knappe, bündige Motive aus, die er bis zu beklemmenden dissonanten Klangballungen führt. Es ist eine großartig instrumentierte Musik, die auch in den düsteren Szenen von jugendlicher Vitalität erfüllt ist. Der an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater wirkende Regisseur Matthias Oldag ließ sich von Thomas Gruber ein einfaches Bühnenbild bauen, das die Kultgegenstände Pauls lediglich andeutet. Die Personenführung konzentriert sich auf das Wesentliche. Fantastische Vorgänge fordern die Fantasie der Theaterbesucher heraus, auch das von einem Tänzer dargestellte Double Pauls trägt seinen Teil dazu bei. Mit Mathias Schulz besitzt das Theater Altenburg-Gera für die höchste gesangliche Anforderungen stellende Partie des Paul einen Tenor, wie ihn sich manches größere Theater wünscht. Trotz einer noch nicht ganz überwundenen Bronchitis bewältigte er am Premierenabend die Schwierigkeiten seiner Partie erstaunlich sicher, fand zu glanzvollem Gesang und bewegender Darstellung. Ob die gesanglichen Übersteigerungen und das exaltierte Spiel Yvonn Füssel-Harris in der exponierten Partie der Marietta dem Premierenfieber geschuldet waren, müssen die weiteren Vorstellungen zeigen. Insgesamt beweist das Theater seine Potenzen mit einer geschlossenen Ensembleleistung einschließlich Chor und Konzertchor des Geraer Goethe-Gymnasiums. Die Chöre wie das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera führt Gabriel Feltz in eindrucksstarker Weise bis an die Grenzen ihrer beachtlichen Leistungsmöglichkeiten.
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