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Berichte

Der »Kini« im Stadttheater

Neufassung von Franz Hummels „Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies“ in Regensburg

Ein Projekt so kühn wie die Schlösser des Wittelsbachers und Wagner-Förderers: Bayern und die ganze Musical-Welt blickten am 7. April 2000 auf die Uraufführung von „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“. Fünf Jahre hätte der biographisch-märchenhafte Bilderbogen, eher Spieloper als Musical, von Franz Hummel (Musik), Stephan Barbarino (Text) und Heinz Hauser (Bühne) laufen müssen, um die Investitionen von mehr als 80 Millionen D-Mark zu amortisieren.

Der dem Bayreuther Festspielhaus und der Semperoper nachempfundene Bau in Füssen mit dem malerischen Blick auf Schloss Neuschwanstein kostete 37 Millionen Euro. Sensationen waren die damals zweitgrößte Drehbühne Deutschlands und ein Wasserbecken mit 90.000 Litern Fassungsvolumen, in dem Ludwig II. von Bayern zur ewigen Verklärung hinabsank. Medien spöttelten über die weiß-blaue Gloriole, das Publikum ließ sich von der Opulenz und den eingängig-raffinierten Melodien verzaubern. Bis zum vorzeitigen Ende der Vorstellungsserie am 31. Dezember 2003 kamen 1,5 Mio. Besucher. Das Nachfolge-Opus „Ludwig²“ von Konstantin Wecker, Christopher Franke und Nic Raine lief von März 2005 bis März 2007 und wurde im heute Ludwigs Festspielhaus genannten Bau mehrfach wiederaufgenommen.

Sara-Maria Saalmann (Sissi), Arpad Vulkan (Kaiser Franz Joseph von Österreich) und der Opernchor. Foto: Christina Iberl

Sara-Maria Saalmann (Sissi), Arpad Vulkan (Kaiser Franz Joseph von Österreich) und der Opernchor. Foto: Christina Iberl

Angesichts des Booms von Regionalmusicals wie „Herz aus Gold“ (Augsburg am Roten Tor), „Bussi – das Munical“ (Gärtnerplatztheater) oder „Heiße Ecke“ (Schmidts Tivoli Hamburg) erstaunt es, dass Hummels „Ludwig II.“ seit der Sommersaison 2005 im Deutschen Theater München nicht andernorts nachgespielt wurde. Der Bilderbogen aus Romantik, liebevoll ironisierter Operette und krachledernen Märschen wie „Geld hamma koans“ hält das Versprechen einer poetischen Gaudi mit musikalischen Schmankerln. Jetzt wurde es am Theater Regensburg zur Chefsache: Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin dirigierte die Premiere am 7. Dezember in der Inszenierung von Sam Brown (Regie), Bengt Gomér (Bühne), Louise Flanagan (Kostüme), Tamás Mester (Choreographie) und Alistair Lilley (Chor).

Intendant Jens Neundorff von Enzberg, frisch verlängert bis zum Jahr 2027, wünschte sich eine Ehrung für den der Oberpfalz und dem Theater Regensburg durch Produktionen seiner Opern „An der schönen blauen Donau“ und zuletzt „Zarathustra“ verbundenen Pianisten und Komponisten Franz Hummel anlässlich von dessen 80. Geburtstag im Januar 2019. Auf der Suche nach dem passenden Stück einigte man sich auf den Neustart von „Ludwig II.“. Das internationale Produktionsteam sollte etwas Distanz zu dieser Legende aus Historie, Anekdoten und Phantasie entwickeln. Ein Pluspunkt der Regensburger Neufassung ist die luxuriöse Personaldecke. Anstelle von nur zwölf Live-Musikern nebst Klangkonserve mit Streicher-Meeren in Füssen spielt das Philharmonische Orchester Regensburg. Statt des Füssener Musical-Ensembles mit vielen Doppelrollen und Mehrfachbesetzungen erleben die Zuschauer den 24-köpfigen Chor, den Extrachor, die Tanzcompagnie und viele Solisten des Theaters Regensburg auf der Bühne am Bismarckplatz. Die wenigen geplanten Retuschen, mit denen Franz Hummel und seine langjährige Mitarbeiterin Susan Oswell die Vorteile eines Mehrspartentheaters nutzen wollten, wuchsen sich unversehens zur Uraufführung einer gründlich durchgesehenen Fassung aus.

Felix Scharff (Joseph Kainz), Johannes Mooser (Ludwig II.). Foto: Christina Iberl

Felix Scharff (Joseph Kainz), Johannes Mooser (Ludwig II.). Foto: Christina Iberl

Das einzige, was es im Theater Regensburg aufgrund seines täglich wechselnden Spielplanangebots nicht geben kann, ist der Starnberger See. Stattdessen versprach die musikalische Dimension Glanz und Genuss, die mit dem nebulös-undramatischen Verschwinden des Bayernkönigs enden. Einige Reime Stephan Barbarinos, die man in Füssen nicht verstanden hatte, wurden behutsam korrigiert. In den letzten Jahren mit größerer Aufmerksamkeit bedachte Aspekte aus der Biographie Ludwigs II. fließen in die Neuinszenierung Sam Browns ein: Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn rückt in virtuelle Distanz, die militärischen Aktionen des Königreichs Bayern sind bedrohlicher und Ludwigs Homosexualität springt ins Auge. Bis Juni 2020 sind 15 Aufführungen angesetzt.

Wie war die Erstaufführung an einem Stadttheater? Die Verschlankung kam einer Verdichtung gleich, welche die Meriten des Stücks stärkt. Ein „echtes“ Musical ist „Ludwig II.“ aber noch immer nicht. Zum Glück. Spannend die Besetzung mit dem aus Marktoberdorf stammenden Bariton Johannes Mooser, weil dessen Physiognomie jener des gestandenen, baumhohen Königs näherkommt als der des scheuen Dandys am Beginn der Regierungszeit. Der Riss zu seiner Mitwelt war auf der Füssener Riesenbühne deutlicher gelungen als in Regensburg und hätte vom Regieteam weitaus bedrohlicher in Szene gesetzt werden können als durch eisgraues Licht. Ein Gewinn ist die beibehaltene Spielsituation für den Chor, der neben der in Spiel und Tanz ordentlich geforderten Gesellschaftsstatisterie zu Ludwigs innerer Stimme wird: Nicht aus Ludwig II. bricht es heraus, sondern der Chor raunt ihm zu: „Ein ewig Rätsel wirst du bleiben...“

Durch die Nähe zum Publikum gerät das Geschehen vitaler: Johannes Mooser singt Ludwigs II. von Hörnern umflutetes Solo „Du holde Kunst“ nicht als Regierungserklärung, sondern allein für sich im Schlafzimmer. Nicht die böse Welt drängt Ludwig II. also in die Isolation, sondern er entfremdet und entfreundet sich autonom. Christopher von Lerchenfeld, an welchem der Maske mit der Verwandlung in Richard Wagner ein Kabinettstückchen gelingt, und Andrea Dohnicht-Pruditsch als Cosima sind bigotte Karikaturen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Sissi (Sara-Maria Saalmann) und Sophie von Bayern (Vera Semieniuk), die eine auf falsch getrimmte Offenbach-Barcarole hinlegt, hätten mehr Schärfung vertragen können. Wie in Füssen sticht die zwischen Burleske und Intimität wirbelnde „Paradiespolka“ von Sophie und Hof-Fotograf Erich Hanfstaengl (Brent L. Damkier) heraus. Nicht immer springt die Personenregie zwischen den Situationen derart reaktionsschnell, wie Musik und Texte des dramaturgisch profund entwickelten Stücks das ermöglichen. Seine beeindruckendsten Momente hat es jedoch in den Sequenzen, wenn sich Partitur und Gangart von allen Gattungszuweisungen gleich weit entfernen: also in dem langen Block in Bad Kissingen, wo sich drei Paare im Ballgetümmel mit intelligent erörterten Partnerschaftskonzepten finden, und im zweiten Teil, wenn Ludwig der Realisierung seiner Visionen im Ballonkorb mit Fernrohr entgegenfiebert. Noch frei, aber schon einsam.

Alle musikalischen Kräfte des Theaters Regensburg haben mit Franz Hummel und Susan Oswell daran gearbeitet, den in Füssen zum Sound-Baiser aufgeschäumten Musical-Schmelz für das Hufeisenauditorium mit Biss zu gestalten. Trotzdem geht es für die Solisten nicht ohne Mikroports, was die ariosen Stellen aufbläht und schade ist, weil es in Widerspruch zur kammermusikalischen Intimität einiger Szenen steht. Die drei „Lechtöchter“ (Katrin Poemmerl, Beata Marti, Elena Lin) wirken in ihrer Metamorphose von raunenden Parkstatuen zu Ludwigs II. lockenden Gespielinnen noch am ehesten wie typische Musical-Figuren. Auch der im fülligen Forte seine Wirkung nicht verfehlende Schlussmonolog bietet lyrisch zurücknehmende Gestaltungsmöglichkeiten. Chin-Chao Lin hat keine Ängste vor Berührungen zwischen den Gattungen, reizt alle Möglichkeiten der Partitur ohne falsche Sentimentalität aus und „opfert“ dafür einige mümmelnde Stellen, in denen Hummel mit leicht veränderter Orchestration delikater klingen könnte.

Jetzt hat nicht Sissi, sondern der Schauspieler Josef Kainz (Felix Scharff) den obersten Rang im königlich bayerischen Himmelbett. Daran merkt man, wie sich die Zeiten seit der Füssener Uraufführung geändert haben. Im Königreich Bayern sprach man früher kaum über die sexuelle Orientierung von Ludwig II. Später taten es einige Biographen oder Kulturschaffende vernehmbar deutlich... Der Verlust an voyeuristischem Sensationspotenzial macht also vor niemandem Halt, nicht einmal vor der bayerischen Hocharistokratie. 

Roland H. Dippel

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