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Hintergrund

Konzertsaal im Salzlager

Chorwerk Ruhr wird 20 Jahre alt

Man kann dieser Formation nur von Herzen gratulieren. Chorwerk Ruhr – seit Jahren ist das ein Synonym für künstlerische Exzellenz: ein Kammerchor, der die Grenzen neu vermisst, nicht auf Spezialistentum beharrt, stattdessen bereit ist, auch ins Szenische zu gehen, sich Regiekonzepten zu stellen wie regelmäßig bei der Ruhrtriennale. Diese wiederum gibt so etwas wie den Humus ab, auf dem die Formation gewachsen ist, und sie hat die Nachfrage anhaltend groß ausfallen lassen – beim Publikum, bei Orchestern, Veranstaltern, letztere vermehrt aus der ersten Reihe. Die Berliner Philharmoniker wären anzuführen. Pünktlich zum Chorjubiläum hat das Flaggschiff erneut zu gemeinsamem Musizieren nach Baden-Baden bei den Osterfestspielen eingeladen: „Dritte Mahler“, „Fidelio“, „Missa Solemnis“. Apropos Beethoven: „Café Beethoven“ nennt sich eine vor der Premiere stehende Bühnenkreation für Chor, Sopran, Schauspiel, Klavier, mit der Chorwerk Ruhr das eigene Jubiläum mit dem des Bonner Titanen zu verknüpfen gedenkt. Ganz und gar untitanisch, versichert Dirigent Florian Helgath. Die Sehnsucht soll eine Rolle spielen, hört man. Sehnsucht?

Man kann das so übersetzen: Es geht um eine künstlerische Haltung. Eine, die Florian Helgath, wenn er vor dem Chor steht, als Binnenspannung verkörpert, was zugegeben ein etwas blumiger Ausdruck ist für die Fähigkeit, dem Chor seine Klangvorstellung zu vermitteln. Ohne falsches Auftrumpfen, durch gefestigten Stand, ein ökonomisches Dirigat und einen Augenkontakt, der fordert, überwacht, ermuntert, sich nie in den Noten verliert.

Florian Helgath. Foto: Hannes Höchsmann

Florian Helgath. Foto: Hannes Höchsmann

So sehr Florian Helgath stilistisch die Vielseitigkeit liebt, ohne Berührungsängste ist gegenüber Gospel, Jazz, ja Pop, zugleich mit Nachdruck Gesualdo, Schütz, Bach in seine Programme integriert, weil er sie alle mit der Moderne, mit dem Zeitgenössischen auf Augen- und Ohrenhöhe sieht, mit Luigi Nono, Mauricio Kagel, John Cage, Sven-David Sandström, Isabel Mundry, Rebecca Saunders – so sehr Helgath die ganze Weltweite der musikalischen Äußerung für sich reklamiert, Schlüssigkeit nicht um den Preis des Ausschlusses von irgendetwas realisiert, so sehr beharrt er im Moment des Musizierens auf Strenge, auf Genauigkeit gegenüber der Musik, dem Notentext. Persönlichkeit hätte man dazu früher gesagt – und kann es eigentlich auch heute noch. Es passt ja und hat den Weg dieses Kammerchors in die Exzellenz entscheidend mitbewirkt.

Chorwerk Ruhr fasziniert beide: ein Publikum, das längst Stamm geworden ist, das sich seine Karten schon Monate vorher sichert, und eben auch die jungen Ausführenden, die die zwei, drei saisonalen Vorsingtermine bei den Chorwerkern in ihre Terminkalender schreiben. Von überall her kommt man nach Essen, zu einem Ruhrgebietschor! Gerade hat Helgath, der 2011 die künstlerische Leitung aus den Händen von Rupert Huber übernommen hatte, seinen Vertrag verlängert. Er sei noch „hungrig“, was aber nicht heißt, fügt er hinzu, dass deswegen 2023 Schluss sein müsse. So ist das mit der Geschichte – sie geht immer weiter.

Man muss diese Geschichte verstanden haben, will man verstehen, warum dieser Chor heisst, wie er heisst, und warum er in einer Stadt zu Hause ist, die in einem Land liegt, das eine Region beherbergt, die wiederum so heisst wie ein Fluss in dieser Region.

Wie, wo hat sie angefangen? – Eben dort, wohin Chorwerk Ruhr auch heute noch bevorzugt seine Premieren legt, sei es nun ein experimentelles, ins Hörspiel gehendes Sehnsuchtsstück wie „Café Beethoven“ oder sei es, gemeinsam mit Concerto Köln und dem Solisten Thomas E. Bauer, ein Traditionsmonument wie der „Elias“ im Rahmen der kommenden Ruhrtriennale. Für beides hat Chorwerk Ruhr, von Anfang an, seinen Konzertsaal: Salzlager, Zeche Zollverein, Essen. Ortsangaben, denen nicht nur der Kenner abliest, wo die Formation ihre Wurzeln hat. Man muss diese Geschichte verstanden haben, will man verstehen, warum dieser Chor heißt, wie er heißt, und warum er in einer Stadt zu Hause ist, die in einem Land liegt, das eine Region beherbergt, die wiederum so heißt wie ein Fluss in dieser Region. Es ist die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets, das noch unabgeschlossene Kapitel namens „Strukturwandel Revier“, das denkbar eng verknüpft ist mit der Gründungsgeschichte dieses Chores. Man kann das auch so lesen: Chorwerk Ruhr als Teil der Antwort auf eine Frage, die naturgemäß offen ist: Was ist dieses Ruhrgebiet, wenn es nicht mehr Steinkohlefördergebiet ist?

Foto: Pedro Malinowski

Foto: Pedro Malinowski

Letzteres ist 2018 an sein Ende gekommen. Definitiv. Absehbar war es Jahrzehnte zuvor. Man musste nur hinsehen, was einer SPD, 1999, im Gründungsjahr von Chorwerk Ruhr noch Regierungspartei mit sagenhaften 46 Prozent der NRW-Wählerstimmen, schwer fiel. Sie hat sich dann doch dazu durchgerungen, hat sich 1989 ein Zukunftsprogramm genehmigt, das wiederum 1999 in seine Zielgerade einlief. Eine „Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA)“ sollte Lösungen aufzeigen, um der „Strukturkrise des nördlichen Ruhrgebiets“ Herr zu werden. Umnutzungen baulicher Substanzen, Neunutzungen verlassener Industrieareale – darum ging es. Hier muss man den Namen eines Architekten ins Spiel bringen, der sich dieses Programm zu seinem eigenen gemacht hatte: Karl Ganser. Als IBA-Geschäftsführer hatte er dafür gesorgt, dass die verlassenen Stätten der Arbeit erhalten blieben, dass sie weiterentwickelt, weitergedacht wurden. Dass eine Zeche Zollverein in Essen nicht niedergelegt wurde, dass sie heute zum UNESCO Welterbe zählt, dies war auch das Verdienst dieses weitblickenden Architekten.

Man sieht, wie schlüssig von hier die Modulation zurück zu Chorwerk Ruhr geht. Besagtes Salzlager, eine Maschinenhalle Zweckel und andere ehemalige Brachen des Bergbaus, der Stahlindustrie – das sind heute die bevorzugten Spiel- und Veranstaltungsorte für Kunst und Kultur in Nordrhein-Westfalen. Keine Ruhrtriennale ohne dieses architektonische Arsenal. Und Chorwerk Ruhr mitten drin, ja, von Anfang an als Mitspieler vorgesehen, was auch in den künstlerischen Leitungsfragen unterhalb der Exzellenz eigentlich keine Besetzung erlaubte. Sobald man in Frieder Bernius den Gründungsdirigenten und 2002 in Gerard Mortier den Gründungsintendanten der Ruhrtriennale verpflichtet hatte, zeichnete sich schnell ab, dass dies das Umfeld werden würde für den Weg dieses Kammerchores ins Rampen­licht: Groß denken, Breite und Spitze denken, auch in der Kunst! Eine Mentalität, die für Nordrhein-Westfalen selbst eine Art Kunststück gewesen ist. Chorwerk Ruhr hat davon profitiert.

Der Rest ist schnell erzählt. Als organisatorisches Gegenstück gab es eine Projektstruktur, an der man bis heute festhält: eine Kultur Ruhr GmbH als Trägergesellschaft, mit im Boot Kommunalverband Ruhr, Stadt Essen und das zuständige Landesministerium. Das Finanzielle regelt sich annähernd paritätisch über Landesförderung und eigene Einspielerlöse. Und die Choristen? Wie sie vorkommen? Auch hier gilt der Grundsatz: Professionell unterwegs sein. Auch in der Vergütung hält man Augenhöhe mit den Rundfunkchören, engagiert und bezahlt freilich nach wie vor fürs Einzelprojekt. Chor nicht als Versorgungsunternehmen. Chor als Aufgabe, als Hingabe. Eigentlich Spitze.

Georg Beck

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