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Hintergrund

Ein wichtiger Teil Theatergeschichte

Das Musiktheater im Revier wird 60 Jahre alt

Es ist eines der schönsten Opernhäuser Europas. Und unter den schönsten eines der modernsten. Als festliche Bühne öffnet sich das Musiktheater im Revier, knapp MiR genannt, mit seiner klar gegliederten gläsernen Fassade zum Stadtraum hin allen Publikumsschichten. In seiner schlichten Modernität setzt das Gelsenkirchener Haus bis heute Maßstäbe im Theaterbau.

Dabei ist es eines der ersten Theater, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den zerbombten deutschen Städten neu entstanden. Wie ein strahlender Phönix aus der Asche erhob es sich vor 60 Jahren zu seiner Eröffnung. Als dreieinhalb Jahre zuvor – nach einer Planungsphase von 20 Monaten – der Bau begann, lagen in der Umgebung noch Straßenzüge in Trümmern. Heute lässt sich kaum erahnen, welcher Mut Mitte der 1950er-Jahre in der von Schwerindustrie geprägten „Stadt der tausend Feuer“ dazu gehörte, ein solch zukunftsweisendes Fanal zeitlos moderner Baukunst zu schaffen.

Das MiR von außen. Foto: Pedro Malinowski

Das MiR von außen. Foto: Pedro Malinowski

Als „Ort für jeden geistig und künstlerisch interessierten Menschen und für jedes nur denkbare Spektakel“ konzipierte Werner Ruhnau (1922-2015) als federführender Architekt den schnörkellosen Kubus – inspiriert durch die entschlackte Formensprache der Architekturlegende Mies van der Rohe. Mit Ortwin Rave und Max von Hausen hatte Ruhnau zuvor schon beim längst nicht so spektakulären Theaterneubau in Münster zusammengearbeitet. Ruhnau begeisterte die einflussreiche christdemokratische Politikerin Elisabeth Nettebeck als Kulturausschussvorsitzende und den sozialdemokratischen Oberbürgermeister Robert Geritzmann vor dem Ratsbeschluss zum Neubau 1955 durch seine Idee, mit der Durchdringung von Architektur und zeitgenössischer Kunst die mittelalterliche Tradition der Dom-Bauhütten neu aufleben zu lassen. 19 Millionen Mark ließ sich die aufstrebende Industriestadt Gelsenkirchen den kulturellen Aufbruch kosten. Nettebeck sah darin die Chance, in einer Stadt ohne kulturelle Tradition mit bald 400.000 Einwohnern (heute sind es 260.000) auch den „geistigen Aufbruch“ zu wagen.

So entstanden die weltberühmten, heute unermesslich wertvollen blauen Wände in leuchtendem Ultramarin und die blauen Schwammreliefs des als „Yves le monochrome“ in die Kunstgeschichte eingegangenen Franzosen Yves Klein im Foyer des Großen Hauses. Paul Dierkes strukturierte die weiße Rotunde des Bühnenhauses durch lichtfilternde Einkerbungen. Der Engländer Robert Adams gestaltete die wuchtigen Betonhieroglyphen an der Front der Kassenhalle. Norbert Kricke schuf das markante Stahlrelief an der Fassade des variabel bespielbaren Kleinen Hauses, der Schweizer Jean Tinguely die Mobiles im dortigen Foyer. Sogar die ledernen, drehbaren schwarzen Foyer-Sessel entwarf Ruhnau in bester Bauhaus-Tradition. Die erst Jahrzehnte später nach Wunsch des Architekten verwirklichte dezente Sternchendecke des Zuschauerraumes entspricht wie die diskret-elegante Farbgebung in Schwarz, Grau und Silber Ruhnaus nobler Gestaltungskunst. Spiegelbildlich, aber keineswegs identisch schuf Yves Klein seine weltweit größten Werke: riesige Pigment-Tafeln an den Seiten des Foyers mit verkarsteter Kraterstruktur an der Westseite und sanften Wellenformen gen Osten in Ultramarin, der spirituellen Farbe des Paradieses, des Unendlichen und des Immateriellen. Auch die ultramarinblauen Schwammreliefs an den Stirnseiten gleichen sich nicht exakt. Abends wird das beleuchtete Foyer zur festlichen Bühne für den Auftritt des Publikums.

Mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ und Mendelssohns Bühnenmusik wurde das Theater am 15. Dezember 1959 festlich eröffnet. Die 1.050 Plätze mussten unter 7.000 Bewerbern ausgelost werden. Fünf Tage später stand mit Wagners „Lohengrin“ die erste Oper auf dem Spielplan. Intendanten wie Günter Roth (1966-1971), vor allem aber Claus Leininger (1977-1986) und der schon nach zwei Jahren vor kurzsichtigen Sparzielen der SPD-Mehrheitsfraktion kapitulierende Mathias Weigmann (1986-1988) bescherten diesem Haus Strahlkraft. In der Ära Leininger galt es als eine der lebendigsten Opernbühnen Deutschlands.

Yves Kleins blaue Wände im Entwurf. Foto: Bernd Aulich

Yves Kleins blaue Wände im Entwurf. Foto: Bernd Aulich

Ludwig Baum, bislang dienstältester Intendant und Retter in der Not (1988-2001), Peter Theiler (2001-2008) und seit 2008 Michael Schulz (mit einem bis 2023 laufenden Vertrag) sorgten nach der 1988 ernsthaft erwogenen, durch massive Proteste Theaterschaffender und einer breiten Öffentlichkeit abgewendeten Schließung für konsolidierende Kontinuität. Theaterehen mit dem Schauspielhaus Bochum (nach Preisgabe der eigenen Schauspiel-Sparte 1966) und den Wuppertaler Bühnen hielten nicht lange. Die fruchtbare Opern- und spätere Ballettkooperation mit den Ruhrfestspielen flammte immer wieder mal auf. Auf Dauer angelegt war sie nicht. Zu ihren Höhepunkten zählte 1969 die vielbeachtete westdeutsche Erstaufführung von Prokofjews „Krieg und Frieden“.

Als Festredner beim Festakt zum Sechzigsten bescheinigte der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert dem Musiktheater im Revier (wie es sich erst seit 1966 nennt), mit experimentierfreudigen Spielplänen „einen beachtlichen Teil deutscher Theatergeschichte geschrieben“ zu haben. Wie eine Mahnung auch an die Adresse anderer Städte klang sein Hinweis, dass Kultur mit einem Aufwand von bundesweit durchschnittlich zwei Prozent nicht zur Konsolidierung öffentlicher Haushalte tauge. Da könne Gelsenkirchen ja eher sein Rathaus schließen als das Musiktheater im Revier.

Ensemblegeist und Repertoiretheater in Maßen prägen diese Bühne ebenso wie ein szenisch zeitgemäßes Opernverständnis. Sie ist kein Ort für Stimmfetischisten. Der Begriff des Musiktheaters in der szenischen Durchdringung musikalischer Bühnenkunst gilt dem Gelsenkirchener Haus als Programm. Seit jeher dient es Künstlern als Sprungbrett.

Die amerikanische Mezzosopranistin Marilyn Horne, die 1960 als Marie in Alban Bergs „Wozzeck“ in Deutschland debütierte, nahm in Gelsenkirchen ebenso wie später Sopranistin Anja Harteros Anlauf zur Weltkarriere. Die Sopranistinnen Ursula Schröder-Feinen und Deborah Polaski (sie gab hier als Senta ihr Operndebüt), Mezzo Livia Budai, Tenor Werner Hollweg und Bariton Günter Reich schärften in Gelsenkirchen ihr Profil. Die Regisseure Christof Loy und Dietrich Hilsdorf wie die Dirigenten Christian Thielemann und Ingo Metzmacher unternahmen an dieser Bühne ihre ersten Schritte.
Das schönste Geschenk zum Sechzigsten machte sich das Musiktheater im Revier selbst. Die wegen ihres hohen Anspruches selten aufgeführte Oper „Die Sache Makropulos“ von Leoš Janáček in Altmeister Hilsdorfs Regie und unter der Leitung von Generalmusikdirektor Rasmus Baumann beweist, zu welch enormen Leistungen das Musiktheater im Revier bis heute fähig ist. Und es zeigt, was es einem unvoreingenommenen Publikum, eben nicht herkömmlichen Operngängern, zumuten kann (s. Berichte, S. 32).

Das Musiktheater im Revier ist eines von fünf Opernhäusern der Metropolregion Ruhr (Berlin besitzt bekanntlich nur drei). Zu seinen Aktivposten zählen ein hervorragendes Orchester, ein kleines festes Ensemble, das seit Jahrzehnten immer wieder überraschende Ballett und ein Opernchor, der sich an Rhein und Ruhr als einer der besten profiliert hat.

Das Orchester mit ehemals 72 Planstellen gewann 1996 durch die Fusion mit dem im Operngraben unerfahrenen Westfälischen Sinfonieorchester Recklinghausen als größtes Landesorchester unter dem Namen Neue Philharmonie Westfalen mit 124 Musikern, inzwischen stark verjüngt, an Schlagkraft. Das Ballett hat unter Bernd Schindowski und zuletzt unter der fruchtbaren siebenjährigen Ägide der zu Saisonbeginn nach Karlsruhe gewechselten Amerikanerin Bridget Breiner ein ums andere Mal für Überraschungen gesorgt. Mit seiner MiR Dance Company schickt sich als neuer Ballettchef der 36-jährige Italiener Giuseppe Spota an, Breiners Erfolgssträhne fortzusetzen. Aufgestockt durch zwei Eleven der Königlich-Schwedischen Ballettakademie Stockholm zählt seine Truppe 16 Tänzerinnen und Tänzer.

Eine Klasse für sich ist der 2018 mit dem Gelsenkirchener Theaterpreis ausgezeichnete, stimmgewaltige, spielfreudige, durch auffallend individuelle Charaktere geprägte und bei Bedarf durch einen Extrachor ergänzte 26-köpfige Opernchor. Herausragende Chorleiter, seit 2016 nunmehr Alexander Eberle haben ihn geformt. Eberle wechselte für diese Aufgabe vom benachbarten Aalto-Theater in Essen an das Gelsenkirchener Haus. Am Musiktheater im Revier herrschte schon immer ein besonderer Teamgeist.

Bernd Aulich

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