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Berichte

Agitation statt Reflektion

»Fidelio« in Bonn

Bonn und Beethovens einzige Oper, das war beileibe nicht immer eine Erfolgsgeschichte. Die Liste der verunglückten Inszenierungen ist lang, auch die zuletzt 2015 über die Bühne gegangene Inszenierung von Jakob Peters-Messer blieb insgesamt glücklos. Zum Auftakt des Beethoven-Jubiläums 2020 wagte man sich aufmerksamkeitswirksam nochmal an den Stoff. Nun sollte es etwas ganz Großes werden, ein echter Knaller sollte her. Nach der gleichermaßen mit Buhs wie Bravos bedachten Premiere darf indes konstatiert werden: Der Knaller dürfte dem Regisseur Volker Lösch zweifellos gelungen sein, ob es auch etwas Großes war, was man auf der Bühne des Bonner Opernhauses sehen konnte, das darf indes bezweifelt werden.

Denn der chronische Provokateur Lösch macht zwar nichts anderes als das, wofür er berühmt, beziehungsweise berüchtigt ist, doch bleibt am Ende allein die Frage, ob er Beethovens in dramaturgischer Hinsicht gewiss nicht unproblematischer Oper wirklich einen Gefallen erweist. Agitation statt Reflektion lautet Löschs Motto. Er benutzt den Fidelio als Blaupause für ein unverblümtes und distanzloses politisches Statement gegen den türkischen Staatschef Erdogan und die Unterdrückung der Kurden.

Mark Morouse als Don Pizarro, Chor und Statisterie. Foto: Thilo Beu

Mark Morouse als Don Pizarro, Chor und Statisterie. Foto: Thilo Beu

Natürlich ist das dramaturgisch nachvollziehbar, denn wann, wenn nicht hier, ist das besser möglich als bei so einem explizit für Freiheit und Menschlichkeit eintretenden Werk? Und wer hätte es mehr verdient, als ein derart geschundenes und verfolgtes Volk wie die zwischen allen politischen und nationalen Mühlsteinen zerriebenen Kurden? Auf der Strecke bei all dieser verständlichen Parteinahme bleibt indes nur eines: Beethovens Fidelio.

Lösch verfolgt das erklärte Ziel, Beethovens vielfach überhöhten Opernsolitär vom Sockel zu holen und mitten in die heutige Wirklichkeit zu verpflanzen. Dazu wählt er das Mittel der direkten Konfrontation: Alle originalen Zwischentexte sind komplett gestrichen und durch Statements politisch verfolgter Kurden ersetzt. Auch szenisch zeigt sich die Alltäglichkeit dieses Fidelio: Zu Beginn sieht man die Musiker auf hochgefahrener Bühne im zwanglosen Plausch miteinander. Erst am Ende der Ouvertüre werden sie in den Orchestergraben versenkt, um zum großen Finale wieder aufzutauchen. Die Musik prallt hier unvermittelt auf die Realität, wird mit schockierenden Videosequenzen kontrastiert. Gleichzeitig arbeitet Lösch viel mit Greenscreens (Bühne: Carola Reuther), lässt etwa Leonore bei ihrer Arie „Abscheulicher, wo eilst du hin?“ als Superwoman durch Mauern fliegen und macht den Chor zuweilen auf spektakuläre Weise unsichtbar. Dafür agieren bis zu zwei Kameras auf der Bühne, ein hinzugedichteter Regisseur (Matthias Kelle) moderiert die Zwischenhandlung in zuweilen recht intentionaler Art und Weise.

Insgesamt bekommen die zweifellos authentischen und ungeheuer mutigen Zeugnisse der Regimekritiker Hakan Akay, Dogan Akhanli, Süleyman Demirtas, Agit Keser und Dilan Yazicioglu ein deutliches Übergewicht in dieser Inszenierung, die eigentlich keine Inszenierung ist, sondern sich als politisches (Be-)Lehrstück mit musikalischem Appendix herausstellt. Die zeitlich sehr ausufernden und teilweise auch redundanten Schilderungen sind von bedrückender Intensität, die teilweise recht blutigen Bilder stellenweise kaum auszuhalten. Am Anfang des zweiten Aufzugs, der in dramaturgisch völlig in der Luft hängender Weise mit einer kommentarlosen Videosequenz eröffnet wird, macht sich denn auch Ärger aus dem Publikum Luft: „Beethoven, ich will Beethoven“, ruft eine Frau, die kurze Zeit später die Vorstellung mit ihrer Begleitung verlässt. Beethoven allerdings wird hier zur Nebensache degradiert, und die zweifellos vorhandenen dramaturgischen Schwächen des Fidelio werden zu Gunsten einer unverblümt agitierenden politischen Propagandamaschinerie dramatisch verschärft.

Brillanter Chor. Foto: Thilo Beu

Brillanter Chor. Foto: Thilo Beu

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich muss der Finger in diese Wunde gelegt werden, und keiner verdient es mehr als ein immer unverhohlener diktatorisch agierender Staatschef wie Erdogan. Dass sich die kurdische Seite in diesem Konflikt allerdings auch blutige Finger geholt hat, wird nicht einmal ansatzweise erwähnt. Wenn dann beim Schlusschor mit Appellationscharakter auch noch auf großformatigen Transparenten zur Freilassung aller politischen Gefangenen in der Türkei aufgerufen wird und die Zuschauer zum konkreten Engagement dafür aufgefordert werden, ist das im Sinne der Intention dieser tendenziösen Inszenierung natürlich nur konsequent.

Allerdings geht dies auf Kosten des Werkes an sich, das vom Regisseur für seine politische Intention gewissermaßen gekapert wird. Lösch bürstet „seinen“ Fidelio nämlich so konsequent contra Erdogan und pro Kurden, dass für differenzierte Zwischentöne dieses ebenso komplexen wie langen Konfliktes oder für das Werk an sich nicht der geringste Spielraum bleibt.

Das ist schade, zumal die musikalische Seite rundum überzeugt. Der Bonner GMD Dirk Kaftan dirigiert das Beethoven Orchester mit bestechender Intensität. Sein Fidelio hat Feuer, der Klang – man nehme nur den zumeist fast völlig vibratolosen, satten Ton der Streicher oder die strammen Tempi – ist fabelhaft, und abgesehen von einigen klapprigen Stellen im ersten Akt könnte der Gesamteindruck kaum besser sein. Auch das Ensemble ist formidabel. Karl-Heinz Lehner gibt einen überaus virilen Rocco, Thomas Mohr singt den Florestan mit ergreifendem tenoralem Schmelz und Mark Morouse könnte als Don Pizarro kaum eindrucksvoller agieren. Ebenfalls voll und ganz können die weiteren Rollen überzeugen: Martin Tzonev als kerniger Don Fernando und Kieran Carrel als überaus kantabel singender Jaquino. Auch Martina Welschenbach als Leonore beziehungsweise Fidelio und Marie Heeschen als Marzelline singen und spielen in jeder Hinsicht exzellent und mit vielen darstellerischen Zwischentönen. Bestens präsentiert sich auch der von Marco Medved einstudierte Chor und Extrachor des Theater Bonn, die ihren Part nicht nur ebenso brillant wie druckvoll abliefern, sondern auch in Massenszenen mit minuziös ausgefeilter Präzision agieren. Schade ist nur, dass die ausgezeichnete musikalische Seite des Bonner Fidelio - wie überhaupt das Werk an sich – durch die politische Agenda des Regisseurs völlig ins Hintertreffen gerät. Natürlich ist es keine auswechselbare Jubelinszenierung wie so viele andere auch. Über diesen Fidelio wird man noch lange reden. Aber das wesentliche Problem dieses Werkes, nämlich seine dramaturgische Konzeption, die es schwermacht, einen tragenden Spannungsbogen zu entwerfen, bleibt auch hier völlig ungelöst.

Guido Krawinkel

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