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Kulturpolitik

Die richtige Antwort auf #MeToo

Die Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt

Seit einem Jahr berät und begleitet die Themis-Vertrauensstelle Betroffene von sexueller Belästigung und Gewalt in den Branchen Film, Fernsehen und Bühne. Themis arbeitet überbetrieblich und neutral. Das Projekt ist ein gemeinsames Anliegen der Branchenverbände, der Arbeitgeber*innen- und Arbeitnehmer*innenvertretungen aus der Kultur- und Medienbranche und der Sendeanstalten. Täglich, so Eva Hubert, Vorstand der Themis-Vertrauensstelle, meldeten sich Ratsuchende: in der großen Mehrheit Betroffene, die juristische oder psychologische Beratung benötigen. Es melden sich aber auch Unternehmen, die Informationen zum Umgang mit Beschwerden oder zu Präventionsmaßnahmen wünschen. Finanziell unterstützt wird Themis von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters. Die Vertrauensstelle ist ein eingetragener Verein. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis; sie steht für Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Zu den Aufgaben der Vertrauensstelle gehören, so ist es auf der Webseite von Themis zu lesen:

  • Beraten
  • Vermitteln
  • Zukunft gestalten
  • Für Gleichstellung sorgen
  • Den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.

Sowohl eine juristische Beratung als auch eine psychologische unentgeltliche Beratung ist Teil des Angebots. Zur rechtlichen Beratung gehört die Einordnung konkreter Vorfälle, um die Folgen weiterer Schritte besser abschätzen zu können. Nur auf Wunsch der Betroffenen wird auch der Arbeitgeber einbezogen. Ansonsten ist alles, was Betroffene berichten, absolut vertraulich. Auch bei Beschwerdeverfahren unterstützt die Juristin der Vertrauensstelle bei Bedarf.

Nach dem ersten Jahr ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz. „Die Arbeit des erstens Jahres zeigt, dass die Themis der sichere und geschützte Raum ist, den Betroffene brauchen, um ihre Stimme wiederzufinden“, so das Fazit von Horst Brendel, Vorstand der Themis-Vertrauensstelle. „Dennoch ist es den Allermeisten nicht möglich, aus der Anonymität herauszutreten und eine Beschwerde an das Unternehmen zu richten. Die Befürchtungen, dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie berufliche Nachteile erleiden, sind zu groß. Gerade in Branchen, in denen viele kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse gelten, sehr viele Selbstständige arbeiten und wo starke Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, kann der Ruf, ‚schwierig’ zu sein, das berufliche Aus bedeuten“, fügt er hinzu.

#MeToo habe die Notwendigkeit für einen Kulturwandel auch an den Theatern und Orchestern offenbart, ergänzt der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins Marc Grandmontagne. Es gehe dabei unter anderem um respekt- und vertrauensvollen Umgang und um Transparenz.

Mit der Regisseurin und Fotografin Barbara Rohm, einem von drei Vorstandsmitgliedern, sprach Barbara Haack für „Oper & Tanz“ über die Arbeit der Vertrauensstelle.

O&T: Wie arbeitet Themis?

Barbara Rohm: In der Vertrauensstelle arbeiten eine Juristin und eine Psychologin, die Betroffenen mit Rat zur Verfügung stehen. Betroffene können sich per Telefon an die Themis wenden oder auch einen Termin vor Ort vereinbaren. Sie bekommen dort umfangreichen juristischen oder auch psychologischen Rat. Es geht darum, dass man das ganze zunächst rechtlich einordnen kann. Es gibt eine große Verunsicherung bei der Frage, was sexuelle Belästigung eigentlich ist, wo die Grenzen sind. Da kann die Themis Aufklärungsarbeit leisten. Und wenn Betroffene das Geschehen an Unternehmen melden möchten, bietet die Themis auch an, dass die Juristin die Betroffenen begleitet und die Beschwerde im Auftrag der Betroffenen führt.

O&T: Haben die Betroffenen nicht gerade davor Angst, wenn sie sich an eine unabhängige Stelle wenden?

Rohm: Wichtig ist, dass alles, was die Themis tut, in enger Absprache mit den Betroffenen erfolgt. Unsere Erfahrung ist, dass die Betroffenen eine große Angst vor Kontrollverlust und vor Öffentlichkeit haben. Es ist für sie eine schlimme Vorstellung, dass das Unternehmen von den Vorfällen erfährt und dann automatisch Vorgänge in Gang gesetzt werden, bei denen sie nicht mehr gefragt werden. Deshalb hat auch nur ein kleiner Bruchteil von Betroffenen überhaupt Beschwerden geführt. Es gibt eine große Angst, dass man in der Branche verschrien ist, dass man als Nestbeschmutzer*in, als Querulant*in betrachtet wird und keine Engagements oder Auftritte mehr bekommt.

O&T: Was können die Häuser selbst in solchen Fällen tun?

Rohm: Wichtig ist, dass die entsprechenden Stellen im Haus, die Beschwerdestellen, Gleichstellungsbeauftragte, Betriebsräte sich intern so gut aufgestellt haben, dass Betroffene größtmögliche Unterstützung bekommen und dass ihnen auf Wunsch auch Anonymität zugesichert werden kann. Aber wir betreten in diesem Gebiet Neuland. Das große Problem ist die Schweigekultur, dass das Thema so tabuisiert wird. Das werden wir nicht in kurzer Zeit aufbrechen können. Momentan ist es immer noch so, dass der Kulturwandel, von dem alle sprechen, auf den Schultern der Betroffenen liegt. Nur wenn diese sich melden, wird etwas getan. Dabei könnten Unternehmen viel für Prävention und den Schutz von Arbeitnehmer*innen tun.

O&T: Spüren Sie schon erste Signale von Veränderung?

Rohm: Wir spüren bei Unternehmen eine Offenheit. Es gibt auch viele Anfragen seitens der Unternehmen an die Themis. Wir stellen fest, dass es sowohl seitens der Betroffenen, als auch seitens der Unternehmen noch sehr viel Aufklärungs- und Schulungsbedarf gibt, zum Beispiel über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das jede Diskriminierung am Arbeitsplatz verbietet. Sexuelle Belästigung und Gewalt ist eben auch eine Form der Diskriminierung, weil die Ursache oft Machtmissbrauch ist. Es gibt auf beiden Seiten zu wenig Erfahrung im Umgang mit diesen Themen. Es ist also noch ein langer Weg, und wir können Veränderung nur bewirken, wenn wir mit den Arbeitgeber*innen zusammenarbeiten.

O&T: Wie groß sind die Chancen für Betroffene, Recht zu bekommen oder etwas zu verändern?

Rohm: Das ist schwer zu sagen, weil wir das genau evaluieren müssten. Dazu ist der Betrachtungszeitraum noch zu kurz. Aber wir können schon sagen, dass Betroffenen die Entscheidung, eine Beschwerde zu führen, sehr schwer fällt. Es ist bisher in unserer Arbeitskultur alles andere als normal. Durch die Begleitung der Themis bekommen Betroffene einen guten Rückhalt. Wir wissen allerdings nicht, ob sich Beschwerden nicht doch auf lange Sicht für Betroffene negativ auf ihre Karriere auswirken. Es braucht immer diese mutigen Ersten, die vorangehen und das Schweigen brechen.

O&T: Sie sagen den Menschen, die sich bei Ihnen melden, ja erst einmal: Sie sind nicht schuld!

Rohm: Das ist ganz wichtig. Betroffene führen das Geschehen oft auf sich selbst zurück und fragen sich: Was habe ich falsch gemacht? Solche Vorfälle sind oft mit sehr viel Scham behaftet. Die Themis leistet da eine sehr gute Arbeit. Deshalb war es der richtige Weg, eine überbetriebliche externe Stelle einzurichten.

O&T: Wie sind die Erfahrungen in diesem ersten Jahr? Mit welchen Anliegen kommen die Menschen? Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Rohm: Es sind in der weit überwiegenden Mehrheit Frauen. Die Anliegen gehen von verbaler Belästigung bis zu schweren Straftaten. Das ist die ganze Bandbreite von Belästigung und Gewalt, wie es im Gesetz beschrieben ist.

O&T: Wie kann in diesem Bereich Prävention aussehen? Was kann man tun – abgesehen davon, langfristig ein Bewusstsein zu verändern? Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es an den Häusern?

Rohm: Es ist sehr wichtig, dass Betroffene ihre Rechte kennen, dass sie wissen, welche Pflichten Arbeitgeber*innen haben. Wichtig ist auch, darüber zu informieren: Was ist eigentlich sexuelle Belästigung und Gewalt? Wo fängt das an? Belästigung ist eben jede Form von körperlicher Berührung, die nicht gewünscht ist, aber auch zum Beispiel schon Anstarren oder anzügliche Witze. Wichtig ist auch, dass in den Unternehmen darüber gesprochen wird: Wo liegen die Grenzen, was sind Grenzüberschreitungen, und wie gehen wir bei diesem Thema miteinander um? Was für eine Kultur herrscht in unserem Haus? Gibt es eine offene Kultur, die es möglich macht, über Dinge oder Vorfälle zu sprechen, die nicht in Ordnung sind? Oder wird Druck auf Betroffene ausgeübt? Wird das bagatellisiert? Da sind die Unternehmen in der Pflicht. Und wenn etwas passiert ist, muss es in den Unternehmen zuständige Stellen geben, die glaubhaft dagegen vorgehen. Damit Betroffene wissen, an wen sie sich wenden können.

Es muss auch möglich sein, das so zu tun, dass es nicht im Unternehmen bekannt wird. Dazu dürfen aber Gleichstellungsbeauftragte nicht gleichzeitig Beschwerdestelle sein. Denn dann sind sie in einem Gewissenskonflikt, weil sie auf der einen Seite für das Unternehmen handeln müssen, auf der anderen Seite aber auch einen geschützten Raum bieten möchten. Aber das geht dann nicht mehr.

O&T: Zur Finanzierung: Wie gut ist Themis ausgestattet?

Rohm: Finanziell wird die Arbeit durch die Sender und Verbände, die die Arbeitgeber*innen vertreten, ausgestattet. Und wir haben eine Förderung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters, für zunächst drei Jahre. Wir sind aber dabei, Gespräche zu führen, damit die Themis besser ausgestattet wird, um sich gerade den Themen Prävention und Schulung widmen zu können.

O&T: Was veranlasst Sie persönlich sich zu engagieren?

Rohm: Ganz einfach mein Gerechtigkeitssinn. Ich finde, dass wenn Menschen ein Unrecht widerfährt, sie ein Recht darauf haben, dass das abgestellt und sanktioniert wird. Mein Herz brennt für Gleichstellung. Frauen sind in unserer Gesellschaft noch lange nicht gleichgestellt. Wir sehen gerade auch an dem Thema der sexuellen Belästigung, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Barbara Haack

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