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Berichte

Zweimal fünf Akte

Verdis „Don Carlos“ in Stuttgart und Nürnberg

Dramaturgen, die um Fassung ringen: Dieser Gemütszustand einer Berufsgruppe wird an einem Opernhaus wohl immer dann erreicht, wenn Giuseppe Verdis „Don Carlos“ auf den Spielplan gesetzt wird. Oder doch „Don Carlo“ – die italienische Fassung von 1884? In Stuttgart und Nürnberg hatte man sich erfreulicherweise dafür entschieden, im Prinzip die französische, also fünfaktige Version von 1867 und damit das veritable Meisterwerk zu spielen, allerdings mit den Revisionen von 1882/1883.

In Stuttgart ging man noch einen Schritt weiter und stellte jene dramaturgisch wie musikalisch überzeugende Szene an den Beginn, die Verdi ursprünglich für die Pariser Uraufführung 1867 geschrieben hatte, aber noch vor der Premiere kürzen musste. Der direkte Kontakt Elisabeths mit den vom Krieg gezeichneten Menschen im Wald von Fontainebleau macht ihre Entscheidung, um des Friedens willen König Philipp II. zu heiraten (statt dessen Sohn Carlos) erst richtig plausibel. Außerdem wurde in Stuttgart auch ein Teil des Balletts aufgeführt, etwas fragwürdig ergänzt um Gerhard E. Winklers „Pussy Riot“-Hommage „Pussy-(r)-Polka“.

„Don Carlos“ in Stuttgart mit Olga Busuioc als Elisabeth, Massimo Giordano als Don Carlos, Christopher Sokolowski als Graf von Lerma und dem Chor der Staatsoper Stuttgart.

„Don Carlos“ in Stuttgart mit Olga Busuioc als Elisabeth, Massimo Giordano als Don Carlos, Christopher Sokolowski als Graf von Lerma und dem Chor der Staatsoper Stuttgart.
Foto: Matthias Baus

Eine damit heraufbeschworene zeitgenössisch-politische (oder irgendeine anders geartete) Dringlichkeit vermag Lotte de Beers Stuttgarter Inszenierung leider zu keinem Zeitpunkt zu erzeugen. Im düster vernebelten, abstrakten Bühnenbild (Christof Hetzer) bleibt vieles im Ungefähren. Dass Carlos und Elisabeth im ersten Akt schon fast das Ehebett teilen, dass Carlos immer wieder an Krampfanfällen leidet, dass der Großinquisitor seine Opfer vor dem (nur mit Kerzen angedeuteten) Feuertod väterlich küsst, dass die schon zum Ballett unheimlich aufmarschierenden Kinder in Anspielung an den Film „Das weiße Band“ am Ende den Mönch töten – all das sind Ansätze, die sich nicht zu einer geschlossenen Interpretation runden.

Gesungen wurde (in der Vorstellung vom 27.10.) gut in Stuttgart, im Falle von Olga Busuiocs Elisabeth sogar überragend. Falk Struckmann als Großinquisitor war bei den Männern am überzeugendsten, Massimo Giordanos Carlos fiel etwas ab. Der Staatsopernchor war in der Einstudierung Manuel Pujols den Anforderungen auf grandiose Weise gewachsen. Nicht ganz so zwingend war der Orchesterklang, den Cornelius Meister dazu mit dem gut disponierten Staatsorchester entfaltete. Bei hoher Lautstärke kamen Verdis französische Farben nicht so recht zur Geltung.

„Don Carlos“ in Nürnberg mit Tadeusz Szlenkier (Don Carlos), Emily Newton (Elisabeth von Valois), Nicolai Karnolsky (Philipp II., König von Spanien), Ottilie Herzog (Infantin) und Ensemble. Foto: Ludwig Olah

„Don Carlos“ in Nürnberg mit Tadeusz Szlenkier (Don Carlos), Emily Newton (Elisabeth von Valois), Nicolai Karnolsky (Philipp II., König von Spanien), Ottilie Herzog (Infantin) und Ensemble. Foto: Ludwig Olah

In Nürnberg hingegen konnte man diese von den ersten Takten an erleben: Präzise und konturenscharf führte dort Joanna Mallwitz vor, welcher Detailreichtum in Verdis Orchestrierung steckt, wie subtil er damit – neben einigen Erinnerungsmotiven – ganz bestimmte Klangmischungen für die verschiedenen Handlungsbereiche und Figurenkonstellationen einsetzt. Die Staatsphilharmonie folgte ihr dabei mit Brillanz, rhythmischer Energie und großer solistischer Qualität. Die Kehrseite dieser Orchesterdemonstration war die (wie in Stuttgart) insgesamt doch recht hohe Lautstärke, was die Sängerinnen und Sänger oft zum Forcieren zwang. Emily Newton als Elisabeth fand immer wieder Ruhe und Konzentration für intensive Piani, während Martina Dike als Eboli mit überwältigender Wucht die Flucht nach vorne antrat.

Einige weichere Abtönungen vermochte Sangmin Lee als Marquis von Posa in sein mächtiges Organ zu mischen, Nikolai Karnolsky als Philipp gab sich da – wohl von der Regie inspiriert – keine Mühe. Denn Intendant Jens-Daniel Herzog hatte diesen als seelenlosen Machtschurken angelegt. Im ersten Akt defloriert er Elisabeth kurzerhand auf offener Bühne. Deren Hofdame lässt er im zweiten Akt gleich erschießen, den flandrischen Gesandten in der Autodafé-Szene kurzerhand die Kehlen aufschlitzen.

Tadeusz Szlenkier als Don Carlos in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Tadeusz Szlenkier als Don Carlos in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Diese wenig erhellende Brachialdeutung spielt sich in einem kargen Bühnenraum (Mathis Neidhardt) aus vier beweglichen Wänden ab, dunkel holzgetäfelt die eine Seite, kaltweiß die andere. Die sich wechselweise bedingenden Sphären des Politischen und des Privaten sollte dies wohl illustrieren, ein Ansatz, der ebenso blass blieb wie der Titelheld selbst (Tadeusz Szlenkier stieß mitunter an die Grenzen seines kernigen Tenors).

Der Premierenjubel für diese unter permanentem Hochdruck stehende Nürnberger Produktion galt am Ende auch der ebenso wie in Stuttgart brillanten Chorleistung (Einstudierung: Tarmo Vaask).

Juan Martin Koch

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