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Berichte

Ein infernalischer Spaß

Ligetis „Le Grand Macabre“ erstmals an der Semperoper

Das leere, bewegungslose, zeitlose Nichts... Was für eine Vorstellung! Doch bis zu jener Stelle in György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“, an der über dessen Nicht-Beschaffenheit räsoniert wurde, hielten mehrere Premierengäste in der Semperoper nicht durch. Dort wurde das 1978 an der Königlichen Oper Stockholm uraufgeführte Werk zum allerersten Mal gespielt. Viele andere wichtige Opernhäuser Mitteleuropas hatten sich bereits daran gewagt, die Oper Leipzig schon in den Wendejahren unter der Regie von Joachim Herz und die Oper Chemnitz 2013 mit Bühnenbildern von Georg Baselitz.

Am Ende der zweistündigen Premiere gab es für die Koproduktion der Sächsischen Staatsoper mit dem Teatro Real Madrid rhythmischen Applaus, mit dem einige Zuschauer den Super-Erfolg gegen die Mehrheit erzwingen wollten. Diesmal hatte Regisseur Calixto Bieito auch wieder mehr schmierige Substanzen, menschenfleischartige Knetmasse und bizarren Nicht-Sex im Angebot.

Hila Baggio (Venus/Gepopo) und Christopher Ainslie (Prinz Go-Go). Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Hila Baggio (Venus/Gepopo) und Christopher Ainslie (Prinz Go-Go). Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Der infernalische Spaß beginnt am Haupteingang vor dem uniformierten Einlasspersonal: „Heute Weltuntergang“ posaunt ein Transparent. Besucher setzen ihre Schritte vorsichtig zwischen die tot auf den Stufen liegenden Menschen. Im Saal pöbeln, frotzeln, blöken vor Beginn inszenierte Störtrupps von den Rängen, bis Omer Meir Wellber am Pult den Finger auf die Lippen legt und die Autohupen-Toccata ihren desto schöneren Anfang nimmt. Empörungsrufe züngeln weiter, sind kein integraler Teil der Partitur und sollen wahrscheinlich zum interaktiven Mitmachen ermuntern. Die Zahl der fliehenden Besucher nimmt zu, als sich der adrette Prinz Go-Go (Christopher Ainslie) Hemd und Brust mit Nuss-Nougat-Creme beschmiert und sein Gepopo-Chef (Hila Baggio) den blutbeschmierten Arm gen Himmel reckt. Ein ganz normaler Tag im Bundestag ist aber definitiv aufregender als der hier tagende anti-apokalyptische Krisenstab. Der Abgang der real Empörten aus dem Zuschauerraum vollzieht sich im Gegensatz zur „Randaleria“ der Komparsen und Chorsänger vorbildlich leise, ohne Türenschlagen.
Seinen Skandal bekommt Dresden also nicht. Dafür sind Rebecca Ringsts sternenbesetzter Rundhimmel und der Laufsteg Richtung himmlische Höhen zu perfekt, Ingo Krüglers Kostüme zu neutral und Sarah Derendingers auf einen hängenden weißen Globus projizierte Videos zu absehbar. Die größte Überraschungspointe ist, dass man bei den in den Projektionen ausgiebig geknautschten Muskel- und Zellgeweben die gezeigten Körperöffnungen verwechseln könnte. Übrig bleibt, wenn der vom Höllenfürsten Nekrotzar zuvor angekündigte Komet doch nicht kommt, ein kreidebleicher Patient Erde, welcher falb und runzelig vom Schnürboden hängt.

Materialien und Musiker bleiben in Calixto Bieitos Regie auf der Bühne und den Rängen in permanenter Bewegung. Gerhard Siegel als Piet vom Fass und Markus Marquardt als Nekrotzar sind herrlich abgestürzte Typen kurz vor dem Aufprall in der Gosse. Bedauerlich ist für Iris Vermillion als Mescalina, dass sie ihr rabiates Lustwerk nur im schlichten Trenchcoat verrichtet. Blässlich gerät Frode Olsen der schrullig-devote Hofastrologe und Katastrophenpropagandist Astradamors. Am meisten Kreativität beweist Bieito immerhin in der Darstellung der dauergeil Liebenden Amando (Annelie Sophie Müller) und Amanda (Katerina von Bennigsen): Die zwei kleinen Mädchen saugen hingebungsvoll am Joint und poppen sich mit umgeschnallten Sandspieleimern ins Nirwana.

Christopher Ainslie (Prinz Go-Go), Markus Marquardt (Nekrotzar) und Komparserie. Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Christopher Ainslie (Prinz Go-Go), Markus Marquardt (Nekrotzar) und Komparserie. Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

An all den apokalyptischen Verrichtungen partizipiert der Chor der Sächsischen Staatsoper meistens nicht direkt, sondern verfolgt das Geschehen aus dem Rang. Es gibt von seiner Seite etwa 700 gefühlte Minisoli, kanonartiges Skandieren, Zischen und ein Sammelsurium von Mitteln sekundärer Tonproduktion. Doch die von Bieito offenbar gewollte überraschende Wirkung auf das Auditorium wird verfehlt, weil klassische Empörungsrufe wie „Jetzt reicht‘s!“ und „Wir gehen“ schon vor dem ersten Takt einsetzen und es keine dramaturgisch durchdachte Steigerung gibt. Ein Papierkugel-Regen mit der Ankündigung von Astradamors‘ apokalyptischen Ausführungen ergießt sich ins Parkett. Nachdem sein Vorgänger Jörn Hinnerk Andresen noch Rossinis „Il viaggio a Reims“ übernommen hatte, ist „Le Grand Macabre“ für den neuen Chordirektor Jan Hoffmann zum Start seines neuen Amtes also eine eher undankbare Aufgabe. „Echten“ Chorgesang als verifizierbaren Leistungsnachweis gibt es nicht oder allenfalls wie für die mitreißend gestaltenden Solisten nur in exponierten Lagen. Omer Meir Wellber und die Sächsische Staatskapelle werden im visuellen Furor immer klarer, glanzvoller und brillanter. Ob der Komponist mit dem Schrecken einen ungebührlichen Spaß trieb oder Ligetis Oper eine pseudo-esoterische, dabei erfrischend freche Juxparade ist, bleibt auch diesmal offen.

Roland H. Dippel

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