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Hintergrund

Zukunft des zeitgenössischen Tanzes

Das Folkwang Tanzstudio in Essen

Was ist ein Tänzer? Kurt Jooss war in dieser Frage sehr entschieden: Ein Tänzer – das ist ein tanzender Mensch. Und eine Compagnie? Eine Gruppe von Menschen, die tanzen. Das klingt unspektakulär, kaum bedeutsam. Was soll daran so aufregend sein? Man darf sich nicht täuschen lassen. Der tanzende Mensch – das ist tatsächlich die humane Vision, die dem Choreografen, dem Schöpfer des Antikriegsstücks „Der grüne Tisch“ verpflichtend oder wie er vielleicht gesagt hätte, „heilig“ war. Kurt Jooss, Jahrgang 1901, benutzte andere Wörter als wir. Jooss sagte „erdenschwer“, ja, er sagte „erdverkettet“, wenn er vom Ziel, vom Inhalt, vom Wesen des neuen Tanzes sprach, den er etablieren, den er als Leiter der Tanzabteilung der 1927 in Essen gegründeten „Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprechen“ weitergeben wollte. Tanz, so seine Meinung, habe dem bedürftigen, dem begehrenden Wesen Mensch zum Ausdruck zu verhelfen. Das war seine Überzeugung.

Wer immer in seinem Namen an Folkwang gewirkt, weitergewirkt hat – Pina Pausch, Susanne Linke, Reinhild Hoffmann, zuletzt Henrietta Horn –, wer immer hier und heute in seinem Namen weiterwirkt – Stephan Brinkmann als Leiter des „Instituts für Zeitgenössischen Tanz“ oder Rodolpho Leoni als Künstlerischer Leiter des „Folkwang Tanzstudios“ (FTS) – war und ist damit auch in diesen Fußstapfen unterwegs. Der Abdruck besagt: Kunst und Ethos sind untrennbar. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrheitssuche sind der Tanzkunst weder äußerlich, noch werden sie ihr nachträglich irgendwie übergestülpt. Wer tanzt, wer Tanz studiert an Folkwang, soll sich nicht verrenken, soll nichts machen, was er nicht ist, was er nicht fühlt, soll auch tanzend „Mensch sein“.

Choreografische Gemeinschaftsarbeit, ein Stück mit „Erdenschwere“: „Jack“ am FTS. Foto: Franziska Götzen.

Choreografische Gemeinschaftsarbeit, ein Stück mit „Erdenschwere“: „Jack“ am FTS. Foto: Franziska Götzen.

Man begegnet diesem Konsens an allen Folkwang-Ecken und -Enden. Vor allem sieht, spürt man ihn an der Art, wie gearbeitet wird, wie Stephan Brinkmann mit einer Jahrgangsstufe 3 das Bewegungsmaterial studiert, wie er die Figuren vortanzt, kritisch zuschaut, helfend eingreift, auf Schwung und Biss besteht. Unmöglich zu sagen, wo hier das Pädagogische aufhört, das Künstlerische anfängt. „Unterricht bleibt ein kreativer Prozess“, schreibt Stephan Brinkmann in seiner Dissertationsschrift „Bewegung erinnern“. Klar, dass man da sensibel ist und ein Tanz-Dozent am Ende einer Stunde schon mal einen Stoßseufzer loswerden muss: „Alles vergessen!“

Jener „gewissen Ehrlichkeit“, die Pina Bausch einmal der von Kurt Jooss geprägten Arbeit an Folkwang attestiert hat, begegnet man aktuell auch in „Jack“, der jüngsten Kreation des „Folkwang Tanzstudios“. Als choreografische Gemeinschaftsarbeit ein Stück Neuland: zehn Szenen, aufgeteilt unter zehn professionellen FTS-Tänzern: Mariane und Baptiste aus Frankreich, Emily, Giuseppe und Pierandrea aus Italien, Darko aus Serbien, Stsiapan aus Weißrußland, Yi-An aus Taiwan, Jihee aus Südkorea, Narumi aus Japan. Jede, jeder im Übrigen mit einem Vertrag in der Tasche, von dem es sich leben lässt. Keine Kleinigkeit. In jeder Berufung steckt eben auch der Beruf, muss darin stecken. Folkwang achtet auch darauf.

Und worauf achten fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer aus sieben Ländern, wenn sie „Jack“ tanzen? Die Antwort liegt auf der Hand: darauf, dass sie selbst darin vorkommen, dass sie selbst „Jack“ sind. Ein waches FTS-Publikum im großen Saal auf dem Essener Campus spürt es sofort. Hier ist ein Stück, das bei sich ist, das „Erdenschwere“ hat, wie Kurt Jooss es ausgedrückt hätte. „Jack“ – ein authentischer Blick von Menschen Mitte Zwanzig auf sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag, ehrlich in den Ausdrucksformen, aufrichtig in den Fragen, mit denen man sich an der Schwelle zum finalen Erwachsensein so konfrontiert sieht. Es geht um Verfasstheit, um Ausstattung.

Choreografische Gemeinschaftsarbeit, ein Stück mit „Erdenschwere“: „Jack“ am FTS.  Foto: Ursula Kaufmann

Choreografische Gemeinschaftsarbeit, ein Stück mit „Erdenschwere“: „Jack“ am FTS. Foto: Ursula Kaufmann

Letztere beginnt ziemlich praktisch. Ein Möbelstück wird hereingeschoben, ein Sofa, so wie es nicht nur in Essener Wohnzimmern herum-, zum Abhängen bereitsteht. Da hocken sie dann. Starren. Langweilen sich. Wenn auch nicht lang. Irgendwann fährt die Tarantel in die Gruppe. Alles quirlt durcheinander. Ausgelassenheit pur, überschießende Komik. Im nächsten Moment, scharfer Gegenschnitt, die andere Seite dieser Zwischenwelt. Mitte zwanzig sein, heißt offenbar doch auch noch: Sich-selbst-ein-Rätsel-sein. Hinter einem Bilderrahmen ein pantomimisches Trio, dem Stillstand nahe. Gesichts-Fragezeichen. Vielleicht die nachdenklichste Erfindung dieser Choreografie, die ihren intelligentesten Moment dann hat, wenn die IKEA-Welt als Sperrmüllhaufen in die Ecke geschoben wird. Erleichtert registriert man es. Die Choreografie macht einen Sprung – und dann bleibt das Ganze doch irgendwie im Ungefähren hängen, wenn wieder Stühle rausgezogen werden, ein Stuhlkreis etabliert, eine spiritistische Sitzung inszeniert wird. Sogar eine Kerze wandert. Steht sie, unfreiwillig, für das helle Licht, das dieser Welt zwischen den Zeiten erst noch ganz aufgehen muss? – Was Kurt Jooss zu „Jack“ gesagt hätte? Mit Sicherheit hätte er das Authentische daran gepriesen, hätte gut gefunden, dass alles Sekundäre beseitigt, dass die Ersatzwelt abgeräumt wird. Nur, vermutlich hätte er nachgefragt: Was tritt an ihre Stelle? Was ist primär?

Essen, im Oktober. Für das FTS geht eine ereignisreiche Woche zu Ende. Man kommt gar nicht mehr runter vom Tanzboden. Ein Grund heißt Michiel Vandevelde. Der belgische Choreograf aus der Brüsseler Schule De Keersmaeker hat für das FTS eine Choreografie erarbeitet, Postapokalyptisches zu einer nachgelassenen Frank-Zappa-Musik: „Neuer, Neuer, Neuer Tanz.“ Ein Stück, das die Gruppen-, die Paarkonstellationen radikal minimiert, das die Bewegung auflöst in Einzelaktion, so dass mit dem Solistischen naturgemäß die Verantwortung wächst. Das FTS meistert die Aufgabe bravourös. Dass Vandeveldes Choreografie ihrerseits etwas geschwätzig daherkommt, mit einem Übergewicht im Illustrativen, steht auf einem anderen Blatt. Was zählt, ist, dass die internationale Tanzwelt die „Zukunft des zeitgenössischen Tanzes“ bei einem „Folkwang Tanzstudio“ in den besten Händen sieht. Es gibt viel zu tun, viel zu ertanzen.

Georg Beck

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