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Chorgesang einmal anders

Das Ensemble CHOREOS mit „The Tyger” und „The Lamb”

August 2019, es ist brütend heiß im großen Saal der Tanzkompanie in Neustrelitz, gefühlt an die 40 Grad. Ich sitze Schulter an Schulter mit vielen anderen Besuchern auf Stühlen in engen Reihen. Es gibt keine freien Plätze, einige müssen stehen. Im Saal herrscht eine Energie und Spannung, die sich kaum beschreiben lässt. Der Grund dafür sind 16 junge Menschen, die sich gemeinsam bewegen, tänzerisch und homogen und dabei einen homogenen Chorgesang in verschiedensten Facetten präsentieren: ein gemeinsamer Gesang von hervorragender Qualität. Das Ensemble CHOREOS präsentiert sich unter der musikalischen Leitung von Stephan Lutermann auf eine ungewöhnliche Art und Weise. „The Tyger“ – eine szenisch-musikalische Darbietung zeitgenössischer Vertonungen der berühmten Gedichte „The Tyger“ und „The Lamb“ des britischen Dichters William Blake. Für die szenisch-choreografische Einstudierung und Umsetzung zeichnet Lars Scheibner, Künstlerischer Leiter der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz, verantwortlich. Die Kompositionen sind anspruchsvoll, teilweise neunstimmig, meistens a-capella, selten unterstützt ein Akkordeon. Die jungen Sängerinnen und Sänger zwischen 20 und 30 Jahren, aus neun Nationalitäten, überzeugen durchweg und bringen dem Publikum eine völlig neue Umsetzung von Chorgesang nahe. Sie bilden einen eigenen bewegten Klangkörper. Sie atmen gemeinsam, ihre Sinne sind geschärft fürs Kollektiv und die Partner neben sich. Gemeinsamkeit, Homogenität in Gesang und Bewegung machen diese Darbietung aus. Hier funktionieren Gesang und Bewegung nur als Ganzes.

Tanzender Klangkörper. Foto: Roland Owsnitzki

Tanzender Klangkörper. Foto: Roland Owsnitzki

Sie sind alle weiß gekleidet und erinnern damit fast an einen Chor der Antike. Ich frage mich immer wieder, wie sie es meistern, trotz der anspruchsvollen und teilweise sehr bewegten Choreografie die Stimmen ruhig und ausgeglichen zu halten. Es sind keine Profis, keine Berufs-Chorsänger, die tagtäglich auf der Bühne agieren. Es ist ein Ensemble, welches 2017 mit „The Tyger“ seine erste Premiere auf die Bühne gebracht hat. 2019 folgen nochmals vier Vorstellungen, eine in Neustrelitz, zwei in Osnabrück – von dort stammt der Musikalische Leiter, Stephan Lutermann, Gründer des „Vokalconsort Osnabrück“ – und, last but not least, eine Vorstellung in Hannover im Rahmen der chor.com.

Nach zwei Jahren müssen vier Sänger ersetzt werden, denn fast alle arbeiten in anderen Berufen, und einige können die neuen Termine nicht absichern. Die „Neuen“ müssen studiert kommen, zirka zehn Tage haben sie Zeit, um die Choreografien nachzustudieren und sich stimmlich ins Ensemble einzufügen. Bei zeitgenössischer Musik keine leichte Aufgabe! Aber ich kann keinen Unterschied zwischen den Agierenden feststellen. Für mich haben alle den gleichen Ausdruck, die gleiche Intensität, musikalisch und szenisch. Ein Flow, der alle mitnimmt. Die Bewegungen tragen und intensivieren die Stimmen, den Chorklang, sie lassen ihn aufblühen. Das ist meine Empfindung und ich verspüre ein wenig Wehmut, weil ich die Selbstvergessenheit spüre, mit welcher alle singen und dazu agieren. Ich verlasse die Veranstaltung mit Hochachtung vor dem Ergebnis, welches alle in ihrer Freizeit in vielen intensiven Stunden erarbeitet haben. Es ist die Präsentation einer gemeinsam entwickelten Ensemblearbeit, die ich so noch nie erlebt habe. Die drei verschiedenen Elemente – Gesang, Szene und Choreografie – fügen sich ineinander und erzählen eine Geschichte, die das Publikum fesselt und mitnimmt und ihm in höchstem Maße Professionalität bietet. Entsprechend ist der Applaus, die jungen Leute nehmen ihn an, es gibt einige, die weinen, weil sich die Spannung löst. Abgesehen davon sind alle völlig durchnässt, die Anstrengung hat natürlich ihre Spuren hinterlassen. Aber die glücklichen und stolzen Gesichter werde ich nicht vergessen. Ich hoffe und wünsche mir, dass es noch viele ähnliche Produktionen in der Zusammenarbeit von Stephan Lutermann und Lars Scheibner geben wird, die jungen Menschen den Chorgesang auf eine ganz besondere Weise nahebringt und möglicherweise auch den Wunsch bei dem einen oder anderen entwickelt, diesen Beruf professionell auszuüben.

Sylke Urbanek

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