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Kulturpolitik

Auf ein Wort mit...

... Laura Berman, Intendantin der Niedersächsischen Staatsoper Hannover

Im Gespräch mit Barbara Haack und Gerrit Wedel

Seit Beginn der Spielzeit 2019/2020 ist Laura Berman Intendantin der Niedersächsischen Staatsoper Hannover. Gleichzeitig mit ihr trat Sonja Anders als Schauspielintendantin an. Geboren und aufgewachsen in den USA, kam Berman vor 30 Jahren nach Deutschland. Hier war sie unter anderem stellvertretende Leiterin und Dramaturgin des Tanztheaters an den Städtischen Bühnen Münster und am Staatstheater Darmstadt. Als freischaffende Dramaturgin arbeitete Laura Berman für die Wiener Festwochen, die Bayerische Staatsoper, die Festspiele in Schwetzingen und Berlin, das Düsseldorfer Schauspielhaus oder auch das Zürcher Ballett. Von 2001 bis 2006 arbeitete sie am Theater Freiburg als Leitende Musikdramaturgin. Danach war sie bis 2012 Künstlerische Leiterin der Reihe „Kunst aus der Zeit“ der Bregenzer Festspiele. 2012 gründete sie in Berlin ihre eigene Künstler- und Projektagentur. In der Spielzeit 2015/2016 trat Laura Berman die Stelle der Operndirektorin des Theaters Basel an. Gerrit Wedel und Barbara Haack sprachen in Hannover mit der neuen Staatsopern-Intendantin.

Oper & Tanz: Sie sind beruflich viel herumgekommen. Jetzt leben Sie in Hannover. Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Laura Berman: Ich finde diese Stadt sehr sympathisch. Die Menschen hier schätzen die Kunst, und es ist eine richtige Musikstadt.

O&T: Ihre erste Spielzeit haben Sie unter das Motto „Koordinaten des Anderen“ gestellt. Das ist fast ein Widerspruch: Verortung, Einordnung von etwas, das fremd ist. Wie verstehen Sie dieses Motto?

Laura Berman. Foto: Franz Bischof

Laura Berman. Foto: Franz Bischof

Berman: Ich will thematisieren, dass in dieser ersten Spielzeit das Andere auf Vertrautes trifft. Wir sind 180 neue Mitarbeiter*innen, das ist eine große Veränderung. Das Motto ist relevant, weil es diese Situation beschreibt. Und natürlich hat die Gesellschaft in Deutschland sich in den letzten 20 Jahren wesentlich verändert. Die Stadt ist diverser geworden. Wir wollen nicht nur die Menschen aus der Fremde oder aus anderen Kulturen thematisieren, sondern das Andere anschauen, um mehr über uns selbst zu erfahren. Deshalb die „Koordinaten“: Man versucht etwas zu orten, indem man versucht sich damit auseinanderzusetzen und es zu verstehen.

O&T: Bedeutet das auch, dass Sie mehr auf „Andere“ zugehen hier in der Stadt?

Berman: Ja, das beinhaltet es auch. Wir haben ein Motto gewählt, bei dem man vieles frei assoziieren kann. Es ist immer so ein Ding mit Spielplanmottos. Manche denken, das machen wir, damit wir einen Spielplan verkaufen können. Wir wollten aber etwas finden, das wir wirklich ernsthaft bearbeiten konnten. Es ist ein Anstoß zu einem Dialog mit der Stadt, mit den Menschen, die hier leben; ein geeignetes Thema, mit dem man beginnen kann: Who are you? Who am I? Das meinen wir mit den „Koordinaten des Anderen“.

O&T: Zum Spielplanauftakt stand „La Juive“ von Fromental Halévy auf dem Programm, da erklärt sich das Motto wohl von selbst. Bei anderen Werken wie „Tosca“ oder dem „Barbier von Sevilla“ kommt es ja auch darauf an, wie inszeniert wird. Suchen Sie die Regisseure danach aus?

Hailey Clark als Rachel, Matthew Newlin als Léopold und der Chor der Niedersächsischen Staatsoper in „La Juive”. Foto: Sandra Then

Hailey Clark als Rachel, Matthew Newlin als Léopold und der Chor der Niedersächsischen Staatsoper in „La Juive”. Foto: Sandra Then

Berman: Ich habe die Regisseur*innen ausgesucht, weil sie mich als Künstler*innen sehr interessieren. Mit allen Regisseur*innen, die in dieser Spielzeit im Opernhaus inszenieren, bis auf Stefan Huber, habe ich schon gearbeitet. Hier ist so viel neu, wie gesagt: 180 neue Mitarbeiter*innen in der gesamten Staatstheater GmbH. Ich war noch nie fest an einem Repertoiretheater, daher ist diese Struktur mir noch nicht so vertraut. Da wollte ich Regisseure beauftragen, die ich schon kenne, damit weniger Überraschungen im Raum stehen. Obwohl ich Überraschungen mag.

O&T: 180 neue Mitarbeiter? Wo konzentriert sich der Wechsel am meisten?

Berman: Im Sängerensemble und im Ballett. Bei den Sänger*innen sind zehn Mitglieder aus dem alten Ensemble geblieben, im Tanzensemble sind es neun. Insgesamt haben wir an der Staatstheater GmbH rund 960 Mitarbeiter.

O&T: Zurück zum Spielzeitthema: Das ist auch ein sehr aktuelles gesellschaftliches und politisches Thema: Ausgrenzung des Anderen oder Integration des Anderen. Wie weit sollte sich Theater, Musiktheater auch politisch engagieren?

Berman: Sehr weit. Der Komponist von „La Juive“, Fromental Halévy, hatte die Vorstellung, dass ein Opernhaus ein Ort für politischen und gesellschaftlichen Austausch sein soll. Das passt zu Hannover, denn Politik ist in dieser Stadt ein wichtiges Thema.

O&T: Wie hat das Publikum reagiert?

Neue Handschrift in der Ballettsparte, hier „Prélude“ (Choreografie: Medhi Walerski). Foto: Ksw/Andreas J. Etter

Neue Handschrift in der Ballettsparte, hier „Prélude“ (Choreografie: Medhi Walerski). Foto: Ksw/Andreas J. Etter

Berman: Die Zuschauer haben sich darüber gefreut, wie sehr Politik auch in der Oper relevant sein kann und darüber, dass man sich über solche Themen in einem Opernhaus austauschen kann. Vorher hat man mir gesagt, dass es in Hannover keine Standing Ovations gibt und dass ich nicht überrascht sein soll, wenn das Publikum beim Applaus nicht so stark aus sich herausgeht. Aber bei „La Juive“ sind die Leute alle aufgestanden und haben 15 Minuten applaudiert. Sie haben sich gefreut, weil „ihr“ Orchester so gut gespielt hat. Die Musiker haben sich gefreut, dass wir so eine tolle Besetzung hatten. Der Chor hat sich gefreut, weil sie eine Regisseurin hatten, die sie alle mit Namen kannte und die sie sehr individuell herausgefordert hat. Gemeinsam haben wir uns alle in eine Euphorie gesteigert. Es gab eine Wahnsinnsenergie bei dieser Premiere, die in den Zuschauerraum herübergeschwappt ist. Diese Ovations gab es dann bei fast jeder Vorstellung. Das hat natürlich mit der künstlerischen Leistung zu tun, aber auch mit dem Inhalt. Ich glaube, dass da viele Zuschauer sitzen, die sich sehr stark mit solchen Themen beschäftigen. Ich meine nicht nur Antisemitismus, ich meine „Anti-Alles“ und Machtmissbrauch: diese Strategie von jemandem, der Macht hat, ein Feindbild zu kreieren, um seine Macht abzusichern. Ich glaube, das ist ein Thema für alle Menschen in Deutschland. Die Menschen sehen, dass die Inszenierung diese Botschaft kommuniziert, und sie stehen auf in einem Moment der Bejahung. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet, und es tut richtig gut zu sehen, dass man Menschen auf diese Weise berühren kann.

O&T: Sie haben auch einen Wechsel in der Tanzsparte und mit Marco Goecke einen sehr renommierten Ballettchef im Haus.

Berman: Hannover ist eine richtige Tanzstadt. Es gibt eine lange Tanzgeschichte. Die Tanzcommunity ist froh, jetzt eine andere Handschrift und eine Tanzcompagnie mit sehr hohem technischen Niveau und sehr starken und unterschiedlichen Persönlichkeiten zu erleben. Da kommen sehr positive Rückmeldungen. Natürlich gibt es Menschen, die von der künstlerischen Handschrift von Jörg Mannes begeistert waren. Die sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht. Aber eine Stadt braucht so einen Wechsel.

O&T: Sie haben in Ihren früheren Positionen sehr viel experimentelles Musiktheater gemacht. Hier können Sie nicht nur experimentieren.

Berman: Ich komme von der Musik her und hatte eine ganz traditionelle Ausbildung. Ich war bisher nie an einem großen Opernhaus beschäftigt, weil ich früher so eine Opernhausstruktur nicht sehr sympathisch fand. Ich mochte nie das Elitäre und ich freue mich, dass sich das allmählich verändert in Deutschland. Heute spricht man wieder öfter von der „Oper für alle“. Das begrüße ich sehr. Seit meiner Kindheit habe ich mich für Musik und Theater interessiert, und ich wollte gerne in diesem Bereich arbeiten, ich fand nur die Institution problematisch. Aber ich kenne mich mit dem Repertoire aus und veranstalte es auch sehr gerne. Deshalb ist es für mich eine große Freude, diese Aufgabe hier zu übernehmen.

O&T: Dennoch die Frage: Welche Pläne haben Sie in Richtung Experiment – auch in den nächsten Spielzeiten?

Berman: In dieser Spielzeit haben wir das Projekt „Der Mordfall Halit Yozgat“ von und mit Ben Frost. Wir haben von der Bundeskulturstiftung Geld aus dem Fonds Doppelpass bekommen. Wir planen mit dem Ensemble Kaleidoskop kleine szenische Projekte mit Orchestermitgliedern. Ich wünsche mir, dass Orchestermitglieder ein bisschen mehr experimentieren können.

„Tosca“ mit dem Chor der Niedersächsischen Staatsoper. Foto: Karl und Monika Forster

„Tosca“ mit dem Chor der Niedersächsischen Staatsoper. Foto: Karl und Monika Forster

Langfristig überlege ich: Wie sieht der Spielplan der Zukunft in einem Opernhaus aus? Ich glaube, das muss diverser werden, deshalb gehe ich solche Projekte an, die verschiedenen Künstler*innen hier am Haus die Chance geben, etwas auszuprobieren. Das Stück „Kuckuck“, die Oper für Babys, ist auch experimentelles Musiktheater. Wenn man an einem Haus junge Sänger hat, sollen sie die Chance bekommen auszuprobieren, was man mit der Stimme alles machen kann. Die Idee: Wir machen erst einen Workshop mit einem Experten, in diesem Jahr wird es Shelley Hirsch sein. In einer zweiten Phase wird eine kleine Komposition entstehen. Shelley macht ein Storyboard, und das wird musikalisch umgesetzt. Das ist dann die Musik der Oper für Babys.

O&T: Können sich auch Kollegen aus dem Chor in dieses Projekt einbringen?

Berman: In diesem Fall habe ich das nicht geplant, weil es einfach zu viele Menschen sind. Aber ich habe in Basel ein Projekt mit dem Chor gemacht mit einer Regisseurin, die darauf spezialisiert ist, Chor zu inszenieren. Ich werde sicher auch hier einmal eine Produktion machen, in der der Chor die Hauptrolle spielt. Ich finde es wichtig für ein Kollektiv, dass es besondere Herausforderungen bekommt und auch einmal im Mittelpunkt stehen darf. Jeder braucht es, als Künstler Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Thema Gemeinschaft ist so präsent in der Gesellschaft, dass es sich anbietet, Stücke zu machen, die für Kollektive konzipiert sind.

O&T: Es gibt den Wunsch, in großen Opern einen starken Chor zu haben. Die aktuelle Stellenzahl im Chor wird öfter als ungenügend empfunden, so dass neben dem Extrachor auch Gäste geholt werden, um auf das Volumen zu kommen, das man haben möchte. Derzeit hat der Chor 55 Stellen. Es waren vor langer Zeit deutlich mehr. Könnten Sie sich perspektivisch vorstellen, das Kollektiv aufzustocken?

Berman: Ich glaube, in der heutigen Zeit kann man sich das nicht vorstellen, weil die Einstellung der Politik der Kunst gegenüber ist: Wir sind froh, dass Ihr da seid, aber leider können wir Euch nicht so viel Geld geben. Sonja Anders und ich hatten ein wenig Pech, weil es einen Wechsel in der Politik gab, bevor unsere Verträge unterschrieben wurden. Das heißt: Wir sind in die Verhandlung gegangen und haben Forderungen gestellt, die man am Schluss nicht garantieren konnte. Letztendlich haben wir dadurch eine Etatkürzung bekommen, weil wir dann doch die Drehbühne gekauft und keinen Pfennig Geld dafür bekommen haben. Meiner Meinung nach sollte kein Theater solches Equipment mit Geld aus dem künstlerischen Etat kaufen müssen.

O&T: Es war anders zugesagt?

Berman: Ja, das war für mich sogar eie Bedingung. Ich war sehr überrascht, dass das Haus keine Drehbühne hatte. Ich fand, das musste unbedingt sein. Das Publikum will auch überrascht werden, und dafür braucht man ein Instrumentarium.

Staatsoper Hannover. Foto: Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover. Foto: Marek Kruszewski

Zurück zu den Chorstellen: Die Bühne ist hier gar nicht so groß, und die Akustik ist unglaublich direkt. Das Orchester muss sich in diesem Haus ständig zurücknehmen. Man hört bis zum dritten Rang alles. Das Gefühl eines Chordirektors oder der Chorsänger, mehr sein zu müssen, um zu genügen, ist falsch. Dass Gäste geholt wurden, hat mehr mit dem Extrachor und seiner Betreuung zu tun. Das verändern wir gerade und investieren mehr Energie, Zeit und Geld in die Idee Extrachor, damit wir nicht immer Gäste holen müssen. Ich habe zwei neue Stellen in Zusammenarbeit mit der Hochschule geschaffen. Studenten, die angehende Chordirigenten sind, können sich bereits ausprobieren, so dass der Chordirektor Unterstützung bekommt, vor allem in der Betreuung des Extrachors.

O&T: Besetzen Sie kleinere Solorollen auch aus dem Chor?

Berman: Ja, natürlich.

O&T: In der letzten Zeit vor Ihrer Intendanz hat das wohl stark abgenommen, aber einige Leute aus dem Chor konnten sich hier bereits vorstellen.

Berman: Wir haben alle angehört, die vorsingen wollten. Es waren richtig viele, aber es gibt nicht so viele Rollen, die man anbieten kann. Natürlich müssen auch die jungen Sänger*innen aus dem Jungen Ensemble die Chance bekommen. Wir wünschen uns auf jeden Fall, die Chorsänger auch solistisch einzubeziehen. Es tut den Leuten gut, solistisch zu agieren.

O&T: Als Intendantin haben Sie verschiedene Rollen: Managerin, Führungskraft, Künstlerin, auch Regisseurin?

Berman: Regisseurin bin ich schon lange nicht mehr.

O&T: Wie erleben Sie die Verteilung der Aufgaben?

Berman: Fließend. Ich lerne, mich aus dem künstlerischen Prozess auszuklinken. Als Dramaturgin habe ich gelernt, mich darüber zu freuen, wenn andere Menschen kreativ sind. Ich liebe das. Ab und zu klinke ich mich ein oder ich stelle Fragen. Wenn man gelernt hat, selbst künstlerisch zu schaffen, fällt es einem vielleicht leichter, Fragen zu stellen. Und wenn es mir gar nicht gefällt, mache ich schon den Mund auf.

O&T: Das Management ist auch etwas, das Sie mögen und das Ihnen liegt?

Berman: Ich denke schon. Als ich jung war, dachte ich, das sei gar nichts für mich. In Bregenz hat es dann angefangen. Ich bin David Pountney sehr dankbar, denn er hat diese Veranlagung in mir erkannt und mich sehr unterstützt.

Ich stelle mir jeden Tag die Frage: Wie kann ich diesen Ort so gestalten, dass es schön ist hier zu arbeiten? Man redet viel davon, dass Künstler*innen einen geschützten Raum brauchen, um kreativ zu sein. Aber nur wenige stellen die Frage: Wie kreiere ich diesen Raum? Was muss ich als Intendantin meinen Mitarbeiter*innen anbieten?

O&T: Wie sehen Sie die Situation von Frauen im Kulturbereich heute? Im Regiebereich tut sich offensichtlich etwas, aber es gibt nach wie vor nur wenige Intendantinnen.

Berman: Das ist richtig. Ich habe immer versucht zu ignorieren, dass Frauen anders behandelt werden. In meiner Familie mütterlicherseits sind meine Großmutter und ihre Schwestern alle zur Uni gegangen. Das war in dieser Generation außergewöhnlich. Ich bin ein optimistischer Mensch, und wenn ich sehe, dass etwas im Weg steht, schiebe ich das einfach weg. Wenn ich aber heute reflektiere: Wie war der Weg? Dann muss ich feststellen, dass ich als Frau extrem benachteiligt war. Ich glaube, dass die Opernwelt sehr stark von Männern dominiert ist und dass es vielen schwerfällt, Frauen ernst zu nehmen.

O&T: In dieser Spielzeit sind die Hälfte der Regisseure Frauen.

Berman: Ja, aber ich habe dabei keine Quote berücksichtigt, ich habe nicht mal darüber nachgedacht. Der Grund ist: Es gibt mehr Frauen, die heute Regie führen. Ich habe keinen Filter. Aber die Menschen, die diesen Filter haben, brauchen eine Quote. Was Dirigenten angeht, ist es noch ein bisschen anders. Es gibt sehr wenige Frauen, die den Beruf ausüben. Ich würde auch zehn Mal nachdenken, ob ich als Frau Dirigentin werden möchte. Ich habe als junge Frau darüber nachgedacht. Aber eine Frau ist so benachteiligt in dem Beruf. Ich dachte, ich müsse mindestens zehn Mal besser sein als ein Mann, um das zu schaffen.

Wir sitzen hier im Büro und überlegen: Wir brauchen mehr Dirigentinnen – wen können wir engagieren? Ich finde es aber traurig, dass das so ist. Im Bereich Intendanz ist es noch schwieriger. Die Klischees bleiben, und man sieht das eigentlich an allen Bereichen hier im Theater. Diese unbewusste Denkweise hat sich in der Gesellschaft noch nicht verändert.

O&T: Hannover bewirbt sich als Kulturhauptstadt. Welche Rolle spielt die Oper, spielt das Theater dabei?

Berman: Ich bin sehr stolz auf die Bewerbung, und wir hoffen jetzt erst einmal, dass wir eine Runde weiterkommen. Der Prozess hier in Hannover war toll. Man hat versucht, alle einzubinden. Die Oper ist auf verschiedenen Ebenen beteiligt.

O&T: Sie haben ein Projekt vor, das „Stimmen“ heißt?

Berman: Als Opernhaus sind wir ein Haus, das den Gesang schätzt und zelebriert. Wir leben in einer diversen Gesellschaft. Ich möchte das Haus öffnen für andere Gesangsformen und andere Gesangskulturen. Deshalb haben wir die Reihe initiiert. Es geht um eine Sensibilisierung für den Kunstgesang, für Virtuosität und Gesangstechniken aus der ganzen Welt. Es geht auch um die Frage: Welche Rolle spielt Gesang in unseren Kulturen, in allen Kulturen der Welt? Was macht Musik mit uns? Deshalb verbinden wir verschiedene Darbietungen mit Vorträgen über Gesang. Irgendwann werden wir dasselbe dann auch mit dem Tanz machen.

O&T: Sie sind mit dem Ansatz angetreten, flachere Hierarchien zu etablieren. Wie sehen Sie sich als Führungspersönlichkeit, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Berman: Ich sträube mich schon von Kindheit an gegen Autorität. Deswegen möchte ich kein Befehlsgeber sein. Aber manchmal werde ich dafür kritisiert, dass ich nicht klar genug sage, was ich möchte. Ich merke, dass ich das üben muss.

O&T: Ist es ein realistischer Ansatz, in diesem komplexen System flachere Hierarchien einzuführen? Bei fast 1.000 Mitarbeitern, unterschiedlichen Abteilungen, verschiedenen Sparten, großen Kollektiven? Wie kann man flache Hierarchien am Theater tatsächlich leben?

Berman: Das hat mit Kontrollinstanz zu tun. Als Führungskraft muss man sich die Frage stellen: In welchem Moment ist meine Entscheidung wirklich wichtig – und in welchem Moment nicht so sehr? In manchen Momenten kann ich die Menschen einfach machen lassen, aber in anderen Momenten muss ich sehr klar sagen, wie ich mir etwas vorstelle. Das ist eine Lernerfahrung auch für mich, ich mache das zum ersten Mal. Die Mitarbeiter wollen das Gefühl haben: Wir fahren alle in die gleiche Richtung, und es gibt ein Ziel. Meine Rolle ist es, meine Vision zu kommunizieren, noch nicht en detail, aber die grobe Richtung. Und zu zeigen: Wir gehen diesen Weg gemeinsam.


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