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Die Brückenbauerin

Grande Dame der zeitgenössischen Tanzausbildung Jessica Iwanson

„Tanzen und tanzen lassen. Und mein Mann“: Diese drei Dinge prägen ihr Leben, sagt Jessica Iwanson. Bezeichnet wird die heute 71-jährige Schwedin gern und nicht zu Unrecht als (Mit)-Begründerin der zeitgenössischen Tanzausbildung, schlug sie doch mit ihrer Unterrichtstechnik maßgeblich die Brücke zwischen Ballett und zeitgenössischem Tanz. Das „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF bezeichnete Iwanson als „Bindeglied zwischen der Gründergeneration des Modern Dance und einer jungen Generation von Choreografen“. Ihr Lebens- und Arbeitspartner Stefan Sixt, seit Anfang der 80er-Jahre Geschäftsführer der Iwanson International School of Contemporary Dance, entwickelte seinerzeit das Tanzstudio im Herzen Münchens mit zu einem der größten Institute für zeitgenössische Tanzausbildung in Europa.

Die Schulleitung haben Iwanson und Sixt inzwischen in die jüngeren Hände ihrer einstigen Schüler Marie Preußler als zweiter Direktorin und Johannes Härtl als Geschäftsführer gelegt. Im Schwerpunkt kümmern sie sich nun stattdessen um die im Jahr 2007 gemeinsam gegründete Iwanson-Sixt-Stiftung für zeitgenössischen Tanz. Zielsetzung: Choreografen und Tänzer mit einem Vollstipendium zu unterstützen inklusive Workshops in verschiedenen europäischen Städten und einem Austauschprogramm für die Schüler der Iwanson International School of Contemporary Dance. Alle zwei Jahre verleiht die Stiftung zudem den Isadora-Preis. In diesem Sommer erhielt ihn der Pforzheimer Ballettdirektor Guido Markowitz. Und als Plattform für junge Choreografen hat die Stiftung das Projekt I-Chance@Gasteig entwickelt.

Unterrichtet nach wie vor hoch konzentriert: Jessica Iwanson. Foto: Michaela Schneider

Unterrichtet nach wie vor hoch konzentriert: Jessica Iwanson. Foto: Michaela Schneider

Die Freiheit, räumlich nicht gebunden zu sein, nutzen Jessica Iwanson und Stefan Sixt auch, um zwischen Schweden, Italien (hier gibt Iwanson Tanzworkshops) und Bayern zu pendeln. Zumindest wenn die Münchner Stundenpläne dies erlauben, denn Blockunterricht gibt die Grande Dame weiterhin. Die Schule sei ihre Familie und ihr Leben, sagt sie. Zuletzt hatte sie „Hotel Danube“ für das Festival „Junger Tanz“ einstudiert. Gegründet hatte sie dieses Festival 2009, um den angehenden Tänzern ihrer Schule eine Plattform zu geben. Den humorvollen Klassiker „Hotel Danube“ um überfordertes Personal, ein wild gewordenes Hühnchen und extravagante Restaurantgäste hatte die Schwedin bereits 1980 choreografiert. Seither begleitet er sie durchs Leben. Allein während einer Tournee in Schweden zeigte sie ihn 80 Mal.

Tanz ist Jessica Iwanson unfraglich in die Wiege gelegt: Ihre Mutter Gun Schubert hatte ein Gesellschaftstanzstudio, schon mit zwei Jahren tanzte dort das Töchterchen. Jessica lernte an der Stockholmer Ballettakademie und absolvierte in Brighton bei der Imperial Society of Dance eine Ausbildung als Gesellschaftstanzlehrerin. Sie trainierte mit Größen der Tanzgeschichte wie Martha Graham und Alvin Ailey in New York oder auch mit Birgit Cullberg in Stockholm. Mit gerade einmal 16 Jahren erhielt sie ihr erstes Engagement als Tänzerin und war ein Jahr lang in Stockholm im Musical „West Side Story“ zu sehen. Anschließend engagierte Ivo Cramér sie für das damals neugegründete, moderne schwedische Ensemble Cramérbaletten am Riksteatern. Nach einem Jahr verließ Iwanson die Compagnie und ging für drei Jahre als Tänzerin nach Paris. 1973 kam sie nach München, gründete dort erst eine Company, dann eine Schule. Sie schaffte es, das oberbayerische Publikum für neue Formen des zeitgenössischen Tanzes zu begeistern. Sie entwickelte ihre eigene Unterrichtstechnik, die heute an zahlreichen anderen Orten gelehrt wird. Sie choreografierte für etliche Bühnen, mit „Nightbirds“ auch fürs schwedische Fernsehen. Tanz bedeute für sie Bewegung, Dynamik, Emotionales und: Geschichten zu erzählen. „Was Du nicht sagen kannst, singe. Was Du nicht singen kannst, tanze“, zitiert Iwanson den Tanzkritiker Walter Terry.

2001 erhielt sie für ihre Verdienste um den zeitgenössischen Tanz die Ehrenmedaille „München leuchtet“. 2010 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Tanzpreis der Landeshauptstadt geehrt. 2013 wurde ihr in der Stockholmer Oper die goldene Ehrenmedaille der Ivo-Cramér-Stiftung verliehen. 2016 präsentierte das Stockholmer Tanzmuseum ihr Lebenswerk.

Tanzklassiker: „Hotel Danube“. Foto: Michaela Schneider

Tanzklassiker: „Hotel Danube“. Foto: Michaela Schneider

Was aber kennzeichnet die Iwanson-Technik und wo liegen die Besonderheiten der Ausbildung? Balletttechnik werde als Basis für den zeitgenössischen Tanz genutzt – und das sei in dieser Form als Ausbildung einzigartig, sagt Anna Martens, 23 Jahre jung. Seit Sommer hält die Iwanson-Schülerin ihren Abschluss in Händen. Das Schwierige an der Technik sei die Koordination von klassischer Balletttechnik mit einem Oberkörper wie beim Contemporary, erzählt sie. Dessen fließende, runde Bewegungen lassen den Ballettcharakter zwar verschwinden. Das technische Wissen aber ermöglicht höchste Dynamik, Richtungswechsel und haargenaue Bewegungen zum Rhythmus. Die Entscheidung für die Ausbildung bei Jessica Iwanson traf Anna Martens sehr bewusst: „Ich wollte ganz intensiv an meinem Körper arbeiten und mich mit mir selbst auseinandersetzen.“ Während anfangs an der Stange vor allem an den Grundtechniken gearbeitet wird, rückt im dritten Jahr die Choreografiearbeit in den Vordergrund. Choreografien, mit denen die Schülerinnen und Schüler noch während der Ausbildung in der Kranhalle, im Gasteig oder auch an der Theaterakademie August Everding in München an die Öffentlichkeit gehen.

Die dreijährige, vor allem aufs physische Training ausgerichtete Ausbildung an der Iwanson International School of Contemporary Dance ist unter angehenden Tänzern begehrt. Zwischen 350 und 400 Bewerber werden beim Vortanzen in verschiedenen europäischen Ländern angeschaut, um die 75 Plätze des neuen Tanzjahrgangs zu besetzen. Nur zehn Prozent der Tanzschüler stammen aus Deutschland. In den vier großen Studios in der Münchner Schule wird fünf Tage trainiert mit derzeit 22 Festdozenten sowie ab dem zweiten Ausbildungsjahr regelmäßigen Gastlehrern. Verlagern soll sich der Schwerpunkt im Tanzstudio in Zukunft ein Stück weiter in den kreativen Raum. Für Schulbegründerin Jessica Iwanson geht das in Ordnung: Zeitgenössischer Tanz bewege sich, dadurch sei er so schwer zu begreifen. Sie wisse, dass die Schule in guten Händen sei.

Warum aber der kleine Richtungswechsel? „Es braucht heute alles auf der Bühne. Es gibt keine strenge Trennung der Sparten mehr“, begründet dies Vizedirektorin Marie Preußler. Das Tanzstudio baut deshalb bewusst Kooperationen mit verschiedenen Münchner Institutionen aus. Gemeinsame Projekte mit Kunsthochschulen, einer Modehochschule und der Filmhochschule, der Austausch mit Schauspielstudenten oder auch Schulausflüge ins Theater und Museum sollen aufs spätere Berufsleben vorbereiten. Wiederbelebt hat Marie Preußler ab diesem Schuljahr die so genannte Juniorkompagnie, die Tanzschüler auf die eigentliche Ausbildung obenauf setzen können. In einer Art Brückenjahr entwickeln sie zusammen mit drei Choreografen ein abendfüllendes Stück und gehen damit auf Tour.

Jessica Iwanson übrigens überlegt mit ihren 71 Jahren erneut, selbst bei einem Soloabend zu tanzen. Eile habe sie nicht, sagt sie mit einem Schulterzucken. Früher habe das Märchen kursiert, man müsse mit 25 Jahren von der Bühne gehen. Heute werde auch älteren Tänzern der angemessene Respekt entgegen gebracht. „Tanzen hält jung“, sagt sie mit einem Schulterzucken.

Michaela Schneider

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