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Kulturpolitik

Von der Mühe, ein Mensch zu sein

Symposium zu André Tchaikowsky in Bregenz · Von Wolf-Dieter Peter

„Die tägliche Mühe, ein Mensch zu sein“, hat André Tchaikowsky (1935-1982) in seinen Tagebüchern einmal notiert. Das kann sich speziell auf seine Jugend beziehen: Als „Robert Andrzej Krauthammer“ in einer assimilierten jüdischen Familie geboren, wurde er von seiner Großmutter als Mädchen maskiert aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt und überlebte mit falschen Papieren als „André Tchaikowsky“ – nach dem Lieblingskomponisten der Großmama. Hochbegabt, polyglott, eminent belesen, wurde er nach dem Krieg zu einer großen Hoffnung des wieder aufblühenden polnischen Musiklebens: pianistisches Wunderkind, Stipendien, speziell eines für ein Studium in Paris, Lernen bei, aber auch Aufbegehren gegen Nadja Boulanger. Seine herausragenden pianistischen Fähigkeiten führten zum Kontakt mit Starpianist Arthur Rubinstein, der ihn beim Chopin-Wettbewerb 1955 „entdeckte“. Die Sowjetisierung der Kultur in Polen, privat auch seine dementsprechend zu verheimlichende Homosexualität, veranlassten ihn, nach England zu emigrieren. Rubinstein förderte ihn weiter, doch als der jugendliche André auch einmal Kritik am „Meister“ unverhohlen äußerte, war der Bruch da. Dann wurde Stefan Askenase ein väterlicher Mentor, nachdem die späte Begegnung mit dem leiblichen Vater in Paris für André eine bittere Enttäuschung war.

Regieassistentin Geertje Boeden, David Pountney und Aleksander Laskowski vom Adam Mickiewicz Institut. Foto: Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Regieassistentin Geertje Boeden, David Pountney und Aleksander Laskowski vom Adam Mickiewicz Institut. Foto: Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

So galt das einleitende Zitat zeitlebens auch für ihn selber: temperamentvolle Stimmungswechsel, unkonventionelles Verhalten bis zur Exzentrik, Probleme mit wechselnden männlichen Partnern, Ablehnung von Startum oder Karriere-Berechnung. Prompt gab es Probleme mit Agenten und Veranstaltern. Auch mit dem damaligen „Agent für Weltkarrieren“ Sol Hurok kam es zum Bruch – zahlreiche „Anekdoten“ sind überliefert: etwa Tchaikowskys Verärgerung über zu wenig Applaus, woraufhin er als „Zugabe“ auswendig die kompletten Goldberg-Variationen von Bach spielte. Oder: Auf einer der in New Yorks Musikleben unumgänglichen „After-Concert-Partys“ mit den silberhaarigen Millionärssponsorinnen äußerte Tchaikowsky laut, dass „alle diese (es folgt eine unaussprechliche Beleidigung) zur Hölle fahren sollten“.

Kulturelle Entdeckungsreise

In der zweiten Hälfte seines kurzen Lebens verstand sich Tchaikowsky zunehmend als Komponist, der den Lebensunterhalt eher widerwillig als Solist verdienen musste. Einige seiner Werke wurden aufgeführt, seine einzige Oper nicht; anderes ist noch nicht einmal gedruckt erschienen – alles Gründe für Intendant David Pountney, bei den Bregenzer Festspielen auf eine ähnliche kulturelle Entdeckungsreise zu gehen, wie sie 2010 mit der „Ausgrabung“ von Mieczyslaw Weinberg und seiner singulären Oper „Die Passagierin“ so glorios begann.

In einem dreitätigen Symposium machten Studienkollegen, Dirigenten, Biografin, Freunde und Verleger Leben und Werk Tchaikowskys anschaulicher. Sein Liedzyklus „Sieben Sonette nach Shakespeare“ trägt wohl autobiographische Züge. Trotz der fast dramatisch animierten Lesung der Originaltexte durch Intendant Pountney und einer deutschen Übersetzung durch Schauspielerin Laura Garde wirkten dann die gesungenen Lied-Sonette nur monochrom in der Stimmung: durchweg Facetten des Scheiterns einer Beziehung – auch durch das Zupfen der Klaviersaiten oder die solistisch geführte Singstimme reichten Tchaikowskys Kompositionen nie an die Bandbreite der Qualen des Müllerburschen bei Schubert heran. Die zehn Kurzporträts der „Inventionen für Klavier“ dagegen wurden von Maciej Grzybowski als kleines Klavier-Feuerwerk präsentiert: Da erinnert Tchaikowsky mal an die deutsche Romantik, mal an ungarische Nationaltänze, dann grüßt auch Beethovens „Hammerklavier“ herein, viele harmonische Raffinessen der Nachkriegsmoderne werden souverän eingesetzt und alles „Chopinistische“ vermieden, denn das ist für alle polnischen Klaviersolisten ein Schimpfwort. Grzybowski bewältigte dann in einem abendlichen Konzert unter Paul Daniels Leitung Tchaikowskys Klavierkonzert op. 4 einfach staunenswert: Mit seinen aberwitzigen Schwierigkeiten, exzentrischen Brüchen und „verrückten“ Extremen steht das Werk bislang im Konzertabseits und wird erst am Jahresende in der Kombination Grzybowski-Daniel mit der Northern Symphony in Cardiff aufgezeichnet.

Komplexe Persönlichkeit

In zwei Gesprächsrunden bestätigten die Dirigenten Uri Segal und Christopher Sea-man Tchaikowskys solistische Qualitäten wie seine komplexe plus komplizierte Persönlichkeit. Pianist András Schiff berichtete vom Besuch eines Meisterkurses bei Tchai-kowsky. Eine vergrößerte Runde mit Verlagsvertretern von Weinberger (Wien) und Boosey & Hawkes (London) spannte den Horizont noch weiter auf: Mit dem kulturvernichtenden Bruch der Nazi-Jahre als Hintergrund ist noch heute Sachstand, dass sowohl von André Tchaikowsky etliche Kompositionen, von zahlreichen anderen polnischen und osteuropäischen Komponisten sogar das Gesamtwerk ungedruckt gelagert wird. Das Bregenzer Symposium und David Pountneys kommendes Engagement an der Oper Cardiff werden die musikalische Entdeckung zumindest André Tchaikowskys vorantreiben – immer vor dem Hintergrund, dass er gleichsam unter uns weilt: Per Testament vermachte Tchaikowsky schon 1979 seinen Schädel der „Royal Shakespeare Company“ – mit dem Wunsch, in der Totengräber-Szene des „Hamlet“ auf der Bühne benutzt zu werden. Nach Kopfschütteln wie Bewunderung war es dann 2008 so weit: In Stratford, Londons West End und in der BBC-Fernsehaufzeichnung sprach David Tennant als Hamlet mit Tchaikowskys Totenschädel über „to be or not to be“ – was der britischen Post dann auch eine eigene Briefmarke wert war. Ob Tchaikowskys sperrige Werke auch musikalisch weiterleben, muss nun die Zukunft erweisen.

Wolf-Dieter Peter

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