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Berichte

Zeitreise durch 100 Jahre

Meininger Chorjubiläum mit den »Meistersingern«

Der Opernchor des Meininger Theaters feiert sein 70-jähriges Jubiläum. Der Start dieses Ensembles war kurz nach dem Krieg ein maßgeblicher Kick für das junge Musiktheater in der früheren Residenzstadt, in der Herzog Georg II. die Hofkapelle und das Schauspiel gepflegt hatte, nicht aber die Oper. Zur Festproduktion „Die Meistersinger von Nürnberg“ wurde nun eine Ausstellung über den Chor eröffnet. Der Abend endete mit stürmischem Applaus und Buhs: Die umstrittenen Kunstthesen Richard Wagners in der Schlussansprache des Hans Sachs werden auf der Bühne zum rechtspopulistischen Kampfruf.

Ansgar Haag verspricht für seine Regie eine Zeitreise durch die letzten hundert Jahre, beginnend 1913. Nach dem Vorspiel springt die Inszenierung von der Kriegstrauer 1918 in die Weimarer Republik, später lassen Bernd-Dieter Müller (Bühne) und Annette Zepperitz (Kostüme) die Handlung zunächst in den 1960er-Jahren stecken und kommen am Schluss in der Gegenwart an.

Ondrej Saling als Walther von Stolzing, Camila Ribero-Souza als Evchen, Carolina Krogius als Magdalene und Chor. Foto: foto ed

Ondrej Saling als Walther von Stolzing, Camila Ribero-Souza als Evchen, Carolina Krogius als Magdalene und Chor. Foto: foto ed

Auf der Bühne drängen sich Chor und Extrachor, die Meininger Kantorei, der Chor des Evangelischen Gymnasiums, Statisterie und Bürgerbühne. Sie alle wiederholen martialisch Hans Sachs‘ Appell zum Respekt für die „deutschen Meister“, schwingen Banner während ihres Marsches und rufen zum Schutz der Kultur vor Überfremdung. Dagegen sind die Meistersinger wehr- und machtlos. Die Polizei schaut weg, wenn Hans Sachs in den letzten Takten zusammenbricht: Herzversagen oder Attentat?

Es ist klar, dass diese Buhrufe nicht auf die stellenweise etwas matte Personenführung gerichtet sind, sondern auf die Sichtweise dieses fatalen Endes. Hans Sachs‘ und damit Wagners Schlussworte fordern auf, in Krisenzeiten die integrierende Kraft deutscher Kultur zu bewahren. Die Massen aber verstehen die Schlussansprache Sachs‘ als Aufruf zu Nationalismus und Fremdenhass. Wagners mehrschichtiges Anliegen wird geradezu eine Hassparole.

Davor gibt es Genreszenen aus dem Bilderbuch der Philanthropen mit Risslinien. Beim Kleidertausch ziehen Evchen und Magdalene bunte Tücher über den Kopf. Offenbar stammen sie aus Familien von Umsiedlern aus dem Osten, die in der schlimmsten Kriegstrauer 1918 ankommen und sich integrieren.

Am Rand des Bundeslandes mit der größten Kulturdichte, in einer Stadt mit gerade 20.000 Einwohnern spielt das Theater Meiningen, größter Arbeitgeber mit Außenwirkung am Ort, eine der aufwändigsten Opern überhaupt. Nicht mit letzter Kraft, sondern im Vollbesitz künstlerischer Ressourcen und mit einem Sängerensemble ganz aus den eigenen Reihen.

Dabei sind es Rollendebütanten in allen Partien, sie zeigen in internationaler Besetzung ein phonetisch sicheres Deutsch, wie es an großen Häusern und überhaupt Seltenheitswert hat. Es lässt sich kaum gebührend würdigen: Die Sängerinnen und Sänger machen Richard Wagners komplizierte Kunstdiskurse zur eigenen Sache. Dabei kommen fein beobachtete Spieldetails zum Zug. Der Hans Sachs zeigt sich nachdenklich und viel bescheidener, als sein Darsteller, der lyrische Dae-Hee Shin, sein müsste. Ondrej Šaling bringt als schlanker, blonder, junger Exot Licht in die blässlich gewordene Meistersinger-Welt. Vokal und szenisch intensiv ist das Evchen von Camila Ribero-Souza auch dann, wenn sie sich auf der Festwiese in den Massen treiben lässt und die Lippen der Polizisten sucht. Stephanos Tsirakoglous Beckmesser ist prächtig. Das Hasspotenzial zwischen ihm und Sachs: pures Dynamit. Über Wagners Handlung hinaus erzählt dieses Ensemble eine eigene spannende Geschichte aus der unmittelbaren Gegenwart.

GMD Philippe Bach entdeckt und holt die Spielopern-Farben aus der Partitur. Aufmerksame Hörer können hier eine hochmusikalische Kampfansage gegen Klangballast und allzu simple Vereinfachungen erleben. Die Diskussionen der Meistersinger-Versammlung kommen mit einer Leichtigkeit wie lange nicht. Zum Höhepunkt des Abends wird – trotz Chorjubiläum – die Schusterstube. So enthalten die Meininger „Meistersinger“ ein Bekenntnis für die integrierenden Kräfte von Kultur, zeigen deren reale Gefährdung und Gefahrenpotenziale. Deshalb haben sie vor allem eine stark berührende menschliche Dimension.

Roland H. Dippel

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