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Portrait

Eine unbändige Lust auf Leben

Zehn Jahre Gauthier Dance – Eric Gauthier im Porträt

Intendantenwechsel stehen für Veränderungen. Eine Tatsache, die Mitte April auch den nie um passende Worte verlegenen Compagniechef Eric Gauthier beschäftigt. Neun Jahre lang gastierte der gebürtige Kanadier und Ex-Solist des Stuttgarter Balletts regelmäßig mit seiner umtriebigen Compagnie an der Schauburg/Theater der Jugend in München. George Podt, der das Haus am Elisabethplatz seit 1990 leitet und nun in Ruhestand geht, lernte Gauthier in der Gründungsphase seines Ensembles kennen – damals, als dieser mit seinem älteren Kollegen, dem berühmten Cranko-Tänzer Egon Madsen, im Rahmen der Tanzbiennale DANCE mit Christian Spucks fabelhafter Zwei-Mann-Produktion „Don Q.“ in dem kleinen Haus auftrat.

Unter dem Slogan „Tanz muss doch nicht immer so verdammt ernst sein!“ wurde Gauthier Dance schnell international zu einem Erfolgsgarant. Allein in der Landeshauptstadt München wurden generationenübergreifend Tausende mit Tanz infiziert. Vor einigen Jahren kommentierte Konstanze Vernon eine dieser Vorstellungen so: „Junge, Gauthier, you will save dance.“ Diese Worte begleiten ihn seither. „Langsam begreife ich, was sie damit gemeint hat.“

Jubiläumspremiere: „Streams“ von Andonis Foniadakis. Foto: Regina Brocke

Jubiläumspremiere: „Streams“ von Andonis Foniadakis. Foto: Regina Brocke

Zuletzt wechselte der Träger des Bayerischen Kulturpreises Theophilus Veselý, den Robert Conn von der John-Cranko-Schule in sein Augsburger Ensemble geholt hatte, in die Compagnie. Viele renommierte Choreografen, darunter Mauro Bigonzetti, William Forsythe, Jiří Kylián, Itzik Galili, Paul Lightfoot & Sol León oder Hans van Manen finden ihre Werke hier gut aufgehoben – und vertrauen Gauthier auch neue Stücke an. Wie Christian Spuck, der mit seiner Monteverdi-Kreation „Poppea // Poppea“, getanzt von Gauthiers Compagnie, sogar den Theaterpreis DER FAUST 2011 abräumte. Mit „Nijinsky“ landete Marco Goecke letztes Jahr einen biografisch-abendfüllenden Coup, den man gesehen haben sollte. Seit der Premiere tourt die Truppe mit dem knapp eineinhalbstündigen Werk durch die Welt und füllt riesige Hallen. Nichtsdestotrotz brachte Gauthier die beeindruckende Produktion für drei Aufführungen nach München – sozusagen als sensationelles Abschiedsgeschenk an George Podt. Die Karten waren innerhalb weniger Tage vergriffen. Schauburg-Nachfolgerin Andrea Gronemeyer hat Gauthier Dance dennoch die Partnerschaft gekündigt. Pech für die vielen bayerischen Fans, die nun versäumen müssen, welche neuen Ideen der Erfolgstruppe ihren herausragenden Platz in der Ballettszene sichern.

„Wir haben heute einen Jahresetat von 2,5 Millionen Euro“, erklärt der Compagnie-Chef. „Diesen Sommer (6. bis 23. Juli) gibt es bereits die zweite Ausgabe unseres Tanzfestivals ‚COLOURS‘. Außerdem sind wir an der SWR-Filmproduktion ‚Brechts Dreigroschenfilm‘ (Regie: Joachim A. Lang) beteiligt, an der Stars wie Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung und Joachim Król mitwirken.“

Gauthier Ballet 102 mit Theophilus Vesely und Barbara Melo Freire. Foto: Regina Brocke

Gauthier Ballet 102 mit Theophilus Vesely und Barbara Melo Freire. Foto: Regina Brocke

Wo immer er etwas macht: Gauthiers kommunikativer Draht zündet. Das spricht sich herum. So war es nur konsequent, dass die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, Christiane Lange, bei dem vielseitigen Ballettchef, der mittlerweile drei eigene Kinder hat und nebenher weiterhin als Frontmann seiner Rockband „Royaltease“ beziehungsweise „Eric Gauthier & Band“ aufhorchen lässt, um eine Uraufführung zur Oskar- Schlemmer-Ausstellung anfragte. Um nicht mit dem Bayerischen Staatsballett II und dessen Neueinstudierung des „Triadischen Balletts“ (Gerhard Bohner nach Oskar Schlemmer) in Konkurrenz zu geraten, wählte Gauthier den in nur wenigen Bildquellen überlieferten Metalltanz als Inspirationsquelle. Und strickte daraus das knapp halbstündige Event „Stil Stahl Schlemmer“ als augenzwinkernden Versuch, das Publikum in die Welt Schlemmers und dessen künstlerische Herangehensweise einzuführen – in einem ersten Teil durch Einbeziehen des Publikums. Womit Gauthier, live in Aktion als Vortänzer, Moderator und Perkussionist, gleich noch den Bogen zu sich und seinem Faible für Rockiges spannte: „Ich habe einfach eine unbändige Lust auf Leben.“

Kurzum: keiner wie er. Ein visionärer Teamplayer und Tausendsassa, der für den Tanz in all seinen mitreißenden Formen brennt – den Kopf voller Visionen, Projekte und ein untrügliches Gespür fürs Networking im kleinen Finger. 2007 hat sich Eric Gauthier selbständig gemacht und am Theaterhaus Stuttgart unter dem Label „Gauthier Dance“ sein eigenes Ensemble gegründet. Eine neue Truppe, die sich nicht nur in der Stadt, sondern auch international wie im Flug etablierte – trotz der Konkurrenz und dank vieler Freundschaften mit Stuttgarts berühmter Staatstheater-Compagnie. Mit insgesamt 6 Tänzerinnen und Tänzern hat alles begonnen. Mittlerweile sind es 16. Alles engagierte, individuelle Köpfe und unterschiedlich gebaute Körper, die jedoch hohe Könner- und Leidenschaft für den Tanz eint.

Ausschnitt aus Marie Chouinards „L’après-midi d’un faune” mit Anna Süheyla Harms. Foto: Regina Brocke

Ausschnitt aus Marie Chouinards „L’après-midi d’un faune” mit Anna Süheyla Harms. Foto: Regina Brocke

So unterschiedlich wie die Mitglieder seiner Compagnie, so enorm ist auch die Bandbreite der Stücke, die die Gauthier Dance Company in ihren jährlichen Premieren herausbringt. Eric Gauthier mag es originell, oft auch unkonventionell. „To show the sunny side of modern dance“, lautet sein – an sich simples – Konzept. Doch es gilt nicht nur für die Bühne. Wer bei Gauthier tanzt, der muss auch an dessen sozialen Projekten mitwirken. „Gauthier Dance Mobil“ heißen diese dreiviertelstündigen Produktionen, die Eric mit seiner Crew in Krankenhäusern, der Psychiatrie, vor Senioren oder schwer erziehbaren Jugendlichen aufführt. „Überall dort, wo Leute sind, die sonst keine Möglichkeit haben, ins Theater zu kommen.“ Zu tun hat dieses Engagement wohl mit seinem Vater – einem der wichtigsten Alzheimer-Forscher in Kanada. Nachwuchssorgen hat Gauthier keine. Rund 800 Bewerbungen gehen pro Jahr bei ihm ein. Nur wer sehr gut ist und ins Team passt, hat Chancen.

Als Eric Gauthier beschloss, beim Stuttgarter Ballett das Handtuch zu werfen, um eigene Wege zu gehen, nervte er zwei Tanzproduzenten so lange, bis sie ihn an- beziehungsweise erhörten. „Wenn man etwas Großes schaffen will, braucht man immer Menschen, Freunde, die einem aufrichtig helfen wollen. Ich hatte Glück und viele Unterstützer, die mir den Weg geebnet haben.“

Jubiläumspremiere

Gauthier wäre nicht Gauthier, würde er am Geburtstag seiner Compagnie diesen Moment nicht noch einmal groß in Szene setzen, um ihn mit Fans, ehemaligen Ensemblemitgliedern, Freunden und Kollegen zu teilen. Sogar Hans van Manen, der sich unter Anleitung des Charmebolzens auf das vor die Bühne im Theaterhaus drapierte rote Sofa fläzt und in die Rolle des Hausherrn Werner Schretzmeier schlüpft, darf in dem amüsanten Fünf-Stationen-Revival der ersten Stunden von „Gauthier Dance“ mitspielen.

„Wer ko, der ko“, sagt man in Bayern – und Eric weiß genau, wo und wie er die Stimmung zum Kochen bringen kann. Sei es mit rührig-herzlichen Worten an den Freund und Coach Egon Madsen oder der Fortsetzung seines vor Jahren kreierten, international für Galas beliebten Kult-Solos „Ballet 101“. Kurz vor Schluss seines Jubiläumsprogramms „Big Fat Ten“, das am 1. März Premiere feierte, schickte er seinen jüngsten Compagniezugang Theophilus Veselý mit Partnerin Barbara Melo Freire ins Lichtquadrat. Im Fokus seiner menschelnd-satirischen Tanzparodie „Ballet 102“: ein Hightech-Paar-Ballett nach Ansage aus dem Off – Miniquerelchen inklusive.

Dran bleiben ist manchmal alles. Nach jahrelangen Bitten bekam Eric Gauthier zum 10-Jährigen von Nacho Duato endlich dessen kurzes Duett „Violoncello“ von 1999 „geschenkt“: das vielleicht schönste, sicherlich intimste Teilstück aus dem Johann Sebastian Bach gewidmeten Signaturstück des spanischen Choreografen „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“. Maurus Gauthier als bogenschwingender Musiker, der den Körper seines Instruments quasi zum Tönen und Partnerin Sandra Bourdais wunderbar zum pfiffigen Mitagieren brachte, hätte man gern noch länger zugesehen.

Doch da ging es schon weiter mit dem „besten Männerduett aller Zeiten“: Rosario Guerra (der die Titelpartie in „Nijinsky“ kreierte und auch in München berührend-intensiv verkörperte) und Jonathan dos Santos nahmen das Format Tanzperformance auf die Schippe und redeten sich – natürlich virtuos dazu tanzend – um Kopf und Kragen. „My best enemy“ – eine furiose Mitmach-Uraufführung – ist Itzik Galilis Abrechnung mit Choreografen-Kollegen. Mitsamt Marilyn-Monroe-Verschnitt (Alessandra La Bella) nimmt er darin das vermeintlich ernste Genre Ballett aufs Korn und stellt zugleich seine phänomenale – da super interpretiert – Tollheit mit aus.

Für Gauthiers extrovertiert-melancholische Super-Ladies in glitzernden Abendkleidchen Garazi Perez Oloriz, Anneleen Dedroog und Francesca Ciaffoni kreierte kein geringerer als Johan Inger „Sweet, Sweet“. Der Clou dabei: Er legt den drei Grazien, die von Mario Daszenies stimmungsvoll ausgeleuchtet auf Bahnen aus Glitter-Sand ihre hüftschwungseligen Shows abziehen, Jeff Buckleys tiefe Songstimme in den Mund.

Dass die beiden neuen Gruppenstücke „They’re in your Head“ von Alejandro Cerrudo und Rausschmeißer „Streams“ von Andonis Foniadakis sich ästhetisch etwas zu nahe kommen, macht da schon nichts mehr aus. Hier eine Bewegungsdüsternis mit visuell genialem Beiwerk (originell: aus den Tänzer-Jacken dampft bis zuletzt Nebel), da eine dynamisch gepfefferte, möglicherweise einen Tick zu lange Variationsetüde auf den Pas de quatre.

Nach sieben Stücken ist der Abend zu Ende. Im Kopf aber hat man immer noch das Opening: „Prélude à l‘après-midi d’un faune“ von Marie Chouinard. Unvergleichlich archaisch-expressiv interpretiert in maskulin-erotisch-aufgeladener Manier von Anna Süheyla Harms. So sieht Erfolg aus.

Vesna Mlakar

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