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Nur eitel schöne Bilder

»Tannhäuser« an der Münchner Staatsoper

Klaus Florian Vogt debütiert als „Tannhäuser“; GMD Kirill Petrenko dirigiert erstmals Wagners Künstlerdrama; dazu die Münchner Lieblinge Anja Harteros als Elisabeth und Christian Gerhaher als Wolfram, eingebettet in weitere Sänger-Sahne – und dann noch dieser gehypte Romeo Castellucci für die gesamte Bühne… Ist München nicht einfach einsame Spitze?

Opernballett der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Opernballett der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Gegen den vehementen Buh-Sturm am Ende wurde heftig angetrampelt und geklatscht, während Chor und Sänger einhellig gefeiert wurden – ebenso Petrenko. Das ihm inbrünstig ergebene Staatsorchester folgte seiner hoch differenzierten Zeichengebung minutiös: nur ja keine Wagner-Brunst. Petrenkos Gesamtinterpretation baute auf einem selten so zu hörenden Pianissimo auf. Er führte vor, wie beeindruckend dieser 32-jährige Wagner kleine Crescendi und Decrescendi komponiert hatte, wie sich die großen Steigerungen eben erst gebremst gegen den schon vorhandenen Orchester-Elan langsam aufbauten, um sich dann eben wirklich fortissimo zu entladen. Was Petrenkos Dirigat aber – noch? – fehlte, war feurige Dramatik: das Ringen zwischen Venus und Tannhäuser ohne peitschennahe Erotik; brave Freude, kein überschwänglicher Jubel Elisabeths über Tannhäusers Wiederkehr, auch keine mühsam gebändigte Glut zwischen Elisabeth und ihrem Helden; keine Lynchjustiz-nahe Hysterie im „Dies Schwert wird dich erreichen“ der Ritter gegenüber dem die freie Liebe preisenden Sänger-Revoluzzer; keine scharfe Klage in der „Rom-Erzählung“. Insgesamt alles gut, vieles fein ausgebreitet – und kaum fesselnd.

Das in Gold und Weiß edel gestaltete Programmheft zitiert neben vielen Aussagen Wagners auch seinen Brief an den Sänger Stock: „Meine Orchesterbegleitung drückt nie etwas für das Gehör aus, was auf der Bühne nicht auch für das Gesicht ausgedrückt werden soll.“ Leider fehlt Wagners Aufforderung von 1876: „Nie dem Publikum etwas sagen, sondern immer dem anderen; in Selbstgesprächen nach unten oder nach oben blicken, nie geradeaus.“ Nichts davon galt für Romeo Castelluccis Regie, Bühne, Kostüme und Licht. Barbusige Nymphen schossen zu Vorspiel und Bacchanale Pfeile auf eine Augenprojektion. Venus räkelte sich in einem vom fleischfarbenen Bewegungschor breiig ausgebreiteten Fleischberg. Landgraf und Sänger mit Gesichtsmasken schleiften einen toten Hirsch blutend herein, tauchten die Hände ins Blut und beschmierten sich die Münder. Die „Halle“ waren zartweiße Schleierwände, die zwischen Elisabeth und Tannhäuser fuhren und kreisten, während der Bewegungschor so etwas wie „Gefühlswellen“ aufführte. Zum Sängerkrieg versammelte sich der Chor hinter Schleiern und lag später mit den Wettsängern auf dem weißen Bühnenboden: insgesamt durchweg frontal ins Publikum singend, letztlich heillos unterfordert. Vor der Chor-Front spielte Castellucci mit bühnenbreit daliegenden Schuhleisten auf Hans Sachs in den „Meistersingern“ an, weil es ja um „Preislieder“ geht. Zahlreiche weitere, werkferne Absonderlichkeiten gipfeln dann im dritten Aufzug in zwei Grabsockeln mit den Namen „Klaus“ und „Anja“. Während eine Lichtflamme im Hintergrund loderte und darüber durch die rund zwölf Minuten der „Rom-Erzählung“ in dauernd wechselnden Schriftzügen behauptet wurde, dass von einer Sekunde langsam gesteigert bis zu „Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden Jahren“ vergangen seien, auch schwarze Nymphen in einem Hintergrundloch rätselhaft agierten – während all dem wurden auf den Sockeln in sieben, acht oder neun Wechseln jeweils zwei Leichen in zunehmend realistischen Verwesungszuständen vom gasgeblähten Bauch bis zum Häufchen Asche aufgebahrt.

Dass deshalb alle Sänger und der Chor nach vorne sahen und frontal ins Publikum sangen, klänge nach Kritikerbosheit. Doch Personenregie fand schlicht nicht statt. So bleibt festzustellen, dass die Sänger-Stars schön klangen, aber nicht leidenschaftlich. Ob der „schwarze Held Tannhäuser“ die Partie für Vogts „weißen“ Tenor ist, blieb eine Frage. Der gesamte Rest: eine Kunst-Können-Welt entfernt von David Aldens surreal überwältigender Münchner Inszenierung von 1994, auf DVD weiterhin nacherlebbar. München 2017: Auf sich selbst bezogener, blutleerer Ästhetizismus ohne jegliche Dramatik – gestylte Neo-Nazarenertümelei.

Wolf-Dieter Peter

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