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Berichte

Missbrauch im Paradies

Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ zur Münchner Festspieleröffnung

Nach 1919, der Münchner Erstaufführung von Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ unter Bruno Walter, war im „braunen“ München kein weiteres Schreker-Werk mehr möglich. Selbst im Zuge der Schreker-Renaissance durch die maßstäbliche Frankfurter Produktion 1979 setzte keine Münchner Intendanz das wichtige Werk auf den Spielplan.

Entsprechend hoch waren jetzt, nach über 95 Jahren, die Erwartungen – denn „Die Gezeichneten“ sind ein zeitlos gültiger Monolith: Er zeigt in Alviano einen körperlich entstellten, als Folge auch zwischenmenschlich zunächst verbogenen Aufsteiger, der durch die Erschaffung eines „Elysium“ dazugehören will; er zeigt eine korrupte, vermeintliche Elite um Herzog Adorno und insbesondere Graf Tamare, die hemmungslos ihre perversen Begierden in einer versteckten Grotte dieses künstlichen Paradieses auslebt; er zeigt eine gutbürgerlich blinde Stadtregierung, die sich durch die Schenkung dieses abgründigen Kunstparks blenden lässt – und kurz auch „das Volk“, das nur die vordergründige Fassade sieht, verblendet jubelt und gleichzeitig nach den ent- und verführten Kindern und jungen Frauen sucht. Sie alle sind von falschen Hoffnungen, egomanischen Trieben, blinder Vergnügungssucht und zerstörerischem Missbrauch „Gezeichnete“… – also ein Stück für 2017!

Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Chor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Zu alledem hat Schreker eine dominant spätromantische und mehrfach sofort eingängig neutönerische Musik komponiert, deren Klangopulenz überwältigt, deren flirrende Raffinesse betört, deren dramatische Höhepunkte fesseln. All das könnte das Bayerische Staatsorchester mühelos Klang werden lassen, doch Ingo Metzmacher dirigierte mehrfach zu kantig direkt, ohne Delikatesse und Subtilität, um daraus die Steigerungen wie Vulkanausbrüche explodieren zu lassen. Dazu kommt eine Besetzungsproblematik: John Daszaks glänzend präsenter Alviano überragte trotz angedeuteter Elephantenmensch-Frankenstein-Maske alle übrigen Lebemänner zu ungebrochen elegant. So hatte es der kleinere Christopher Maltman trotz kernigen Baritons schwer, den inhuman bacchantischen Machttypen Tamare überlegen glaubhaft zu machen. Die zerbrechliche Carlotta, die als bürgerliche Künstlerin Alviano liebt, Tamare verfällt und im Liebestaumel stirbt – dafür war Catherine Naglestad viel zu walkürenhaft reif, zu wenig borderline-gefährdet. Die zahlreichen anderen Figuren und der Chor: Festspielformat.

Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine Ausstatterin Malgorzata Szczęśniak wagten zwei kleine kunstpolitische Akzente. Eine flirrende Spiegelwand machte das Premierenpublikum gleichsam zu „Gezeichneten auf der Bühne“; nach der Pause las Alviano Schrekers ironisches Selbstporträt mit seiner Entlarvung antisemitischer Fehlurteile. Doch dann ein zu großer Ausstattungsetat für inszenatorische Nebensächlichkeiten: eine seelenlose Halle, mal Konferenzraum für die korrupten Bosse, mal Fitness-Center mit Boxring, mal kahler Paradiesgarten; eine auf- und abfahrende, mal rote, mal weiße Sonnenscheibe; dramaturgisch verzichtbare Raumboxen, etwa für Carlottas nur befremdlich stilisiertes Atelier, denn ihre Eltern und der zu Blöcken geformte Volks-Chor (Einstudierung: Sören Eckhoff) trugen Rattenköpfe; nackte Gogo-Girls und -Boys, mit „Follies“-Glitzer an den „unkeuschen“ Stellen, dafür im Spitzentanz; Filmzuspielungen vom Elephantenmenschen, Frankenstein, Golem, Phantom der Oper und Nosferatu; ein Sauerstoff-Inhalator für die herzkranke Carlotta; eine Schöne im Damien-Hirst-Glaskasten undundund… All das ergab keinen gebrochen phantastischen Rausch, nur viel zu wenig konzentrierte Personenregie. Dass etwa Maltmans Tamare nach seiner exzessiven Liebesnacht in Unterhosen von hinten gekrochen kommen und sich zu seinem inhaltlich menschenverachtenden, aber musikdramatisch erschreckend packenden Lebemann-Bekenntnis mühselig Hose, Hemd und Schuhe anziehen muss, war so ein Negativhöhepunkt der Inszenierung. Für all dies wenig Buh, dünner Jubel und kurzer Applaus: kein Schreker-Glück in München.

Wolf-Dieter Peter

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