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Räume, Texte, Musik

Über die Ausbildung zum Bühnenbildner

Der Vorraum ist menschenleer und doch voller Leben. Auf einem Tisch drängen sich Kaffeetassen und Flaschen, in den Ecken liegen Werkzeug und Haufen von Arbeitskleidung. Raimund Bauer bittet in sein Büro. Eingerichtet mit einer ausladenden Couch und Regalen voller Kunstbände, atmet es den Charme eines WG-Zimmers. Und in gewisser Weise ist es das ja auch. Hier, in einem Trakt der Hochschule für bildende Künste Hamburg (kurz HfbK), lebt Bauer gleichsam mit seiner Klasse.

Es ist kein Zufall, dass sein Name allenfalls Eingeweihte aufhorchen lässt. Dabei ist Bauer nicht nur Professor für Bühnenraum an der HfbK, sondern ein international gefragter Bühnenbildner, er arbeitet an den großen Opernhäusern zwischen Perm und Amsterdam, an der Mailänder Scala und bei den Salzburger Festspielen. Doch Bühnenbildner sind heimliche Stars. Wenn sie nicht gerade Anna Viebrock oder Robert Wilson heißen, stehen nicht sie im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, sondern die Regisseure. Das Publikum unterscheidet ohnehin nicht scharf zwischen Inszenierung und Ausstattung. Obendrein gibt es immer wieder prominente Grenzgänger wie etwa Achim Freyer, der als Maler und Grafiker begann, sich seine Sporen als Bühnenbildner bei Bertolt Brecht verdiente und als gestandener Bühnen- und Kostümbildner begann, selbst Regie zu führen.

Wie kommt man dazu, Bühnenbildner zu werden? Wie sieht die Ausbildung aus? Wie gelangt man ans Theater oder an die Oper? Und was ist mit dem Geld? Das sind nur einige Fragen, die sich demjenigen stellen, der sich für den Beruf interessiert.

Jonathan Mertz, „on n‘est plus chez nous“, 2013, Rauminstallation Diplomausstellung, Bühnenraum-Klasse von Raimund Bauer. Foto: Tim Albrecht, HFBK Hamburg

Jonathan Mertz, „on n‘est plus chez nous“, 2013, Rauminstallation Diplomausstellung, Bühnenraum-Klasse von Raimund Bauer. Foto: Tim Albrecht, HFBK Hamburg

Einen feststehenden Weg zum Bühnenbildner gibt es nicht, aber die Ausbildung an einer Kunsthochschule ist die Regel. Natürlich sind manche schon früh mit dem Theatervirus infiziert. Andere kommen von der Kunst her. „Sie entdecken dann ihr Interesse an Räumen und der Verbindung zwischen Räumen und Texten oder Räumen und Musik“, erzählt Raimund Bauer.

Bis zu 30 oder sogar 40 Bewerbungen pro Platz kommen an deutschen Kunsthochschulen durchaus vor. Dabei ist Studienanfängern oft nur in Umrissen klar, wie die Arbeit eines Bühnenbildners aussieht. Wer das Bühnenbild für die einzelnen Szenen eines Stücks entwerfen will, muss das Stück analysieren und eine eigene Deutung davon entwickeln, die er in ein räumliches Konzept übersetzt. Dazu bedarf es einer profunden Allgemeinbildung. Architektonisches Wissen sei erforderlich, außerdem Kenntnisse sowohl in Kunst- und Kulturgeschichte als auch in Stil-, Material- und Kostümkunde, heißt es lapidar auf der Internetseite des Deutschen Bühnenvereins, und weiter: „Hinzu kommen eine ausgeprägte zeichnerische, malerische und handwerkliche Begabung.“ Ein Praktikum am Theater empfiehlt sich, sofern es nicht ohnehin verlangt wird.

Innerhalb des magischen Dreiecks von Wissenserwerb, Praxis und Ausprägung der künstlerischen Persönlichkeit passen die Hochschulen die Ausbildungsgänge den Anforderungen nach Kräften und in unterschiedlicher Weise an. So fasst die Hamburger HfbK Malerei, Bildhauerei, zeitbezogene Medien und Bühnenraum in einem interdisziplinären Bachelor-Studiengang „Bildende Künste“ zusammen. Die ersten beiden Semester verbringen die Studenten gemeinsam und legen sich erst dann auf eine Disziplin fest.
Spezifischer wird es, wenn die angehenden Bühnenbildner erste Entwürfe und maßstäbliche Bühnenbildmodelle zu einem Stück anfertigen. Gar nicht so einfach, einen Stoff zu finden, der allen zusagt. Oper sei jungen Leuten meist fremder als Schauspiel, hat Raimund Bauer beobachtet: „Das Theater verhandelt Themen oft im zeitgenössischen Kontext. Das ist den Studierenden oft näher als eine Barockoper.“

Wer das Bühnenbild für die einzelnen Szenen eines Stücks entwerfen will, muss das Stück analysieren und eine eigene Deutung davon entwickeln, die er in ein räumliches Konzept übersetzt.

In den höheren Semestern entwickeln die Studierenden eigene Projekte ohne konkrete Vorgaben. Die Schrankenlosigkeit der Kunst ist nicht nur verführerisch, man muss sie auch aushalten. Selbst in den physischen Dimensionen haben die Studierenden fast alle Freiheiten. Der riesige Raum neben Bauers Büro ist vollständig ausgefüllt mit zwei diagonalen Kästen. Die Idee: In den Kästen sprechen Schauspieler Texte aus Samuel Becketts „Warten auf Godot“, das Publikum kann nur von unten hineinschauen. Zwei Studentinnen haben sie aus Sperrholz und Latten gebaut.

Hochschule für bildende Künste Hamburg: Das Hauptgebäude am Lerchenfeld im Stadtteil Uhlenhorst. Foto: Klaus Frahm

Hochschule für bildende Künste Hamburg: Das Hauptgebäude am Lerchenfeld im Stadtteil Uhlenhorst. Foto: Klaus Frahm

Eine handwerkliche Ausbildung bringt kaum jemand mit. „Die haben alle gebastelt, mit Schere und Uhu“, sagt Hartmut Meyer, Professor für Bühnenbild an der Berliner Universität der Künste (UdK), „aber der Bezug zur Bohrmaschine, der fehlt ein bisschen.“

Für das Handwerkliche gibt es an den Theatern die Werkstätten, manche Hochschulen haben auch eigene. Dort lernen die Studierenden Gewerke wie Tischlerei, Metallwerkstatt, Keramik, Gips, Siebdruck oder auch Foto kennen. Dass jemand ein großes Stück selbst baut, ist die Ausnahme, schon wegen der Sicherheitsvorschriften. „Man muss nicht selber schweißen können“, sagt Raimund Bauer. „Man muss aber wissen, dass es Wandtrennungen gibt und die Wand in ihren Einzelteilen im LKW durch die Stadt gefahren wird.“ Manches können die angehenden Bühnenbildner eben nur am Theater selbst lernen, und seien es die Niederungen der Realität in Gestalt von Brandschutzvorschriften oder der Versammlungsstättenverordnung.

Für die praktische Erfahrung sind Kooperationen mit Regiestudiengängen sehr wichtig. Da können die Studierenden gemeinsam Stücke bis zur Aufführung bringen. „Das Tragische ist ja, wir sind abhängig von den Regisseuren“, sagt Hartmut Meyer. „Das ist schlimmer als eine Ehe. Oft kommt der Regisseur mit einem Regiekonzept, und das soll der Bühnenbildner dann bebildern.“ Meyer hat das in seiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Ruth Berghaus, Andreas Homoki oder Frank Castorf anders erlebt: „Gute Regisseure wollen selbst herausgefordert werden.“

Einen solchen künstlerischen Spielraum muss man sich ein Berufsleben lang erarbeiten. Für Absolventen geht es allerdings erst einmal darum, Tritt zu fassen. Den Einstieg finden die allermeisten. Junge Theaterschaffende gehen als Assistenten an ein Opernhaus oder schließen sich freien Gruppen an in der Hoffnung, sich einen Namen zu machen und bei größeren Projekten mitmachen zu können. Begeisterung und eine weitverbreitete Neigung zur Selbstausbeutung helfen über die karge Bezahlung hinweg. Der Mindestlohn für Bühnenbild-Assistenten liegt bei 1.850 Euro brutto pro Monat – für den, der eine Stelle bekommt. Viele Nachwuchskünstler überleben durch Preise oder Stipendien. „Schwierig wird es vielleicht nach zehn Jahren“, ist Raimund Bauers Erfahrung. „Es wachsen ja immer welche nach.“ Nur wenige schaffen es, in Zeiten sinkender öffentlicher Zuschüsse Gagen oder Gehälter zu verhandeln, von denen sich dauerhaft auskömmlich leben lässt.

Für Bauers Klasse sind solche Überlegungen noch sehr weit weg. Vor seinem Büro wartet ein Grüppchen junger Leute. Bauer schließt seine Tür ab und setzt sich mit ihnen für einen Schwatz vor dem Hochschulgebäude in die Abendsonne. Kunst braucht Gegenwart, in jeder Hinsicht.

Verena Fischer-Zernin

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