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Berichte

Hexeneinmaleins mit erotischer Komponente

»Hänsel und Gretel« bei der Jungen Oper Weikersheim

In der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins „Musiktheater“ stand 2015/2016 Mozarts „Zauberflöte“ mit 27 Inszenierungen wieder an erster Stelle, vor Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (26 Inszenierungen). Im 51. Jahr ihres Bestehens schloss sich die Junge Oper Weikersheim mit Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in der Inszenierung von Corinna Tetzel diesem Trend an. Für die traditionsreiche Opern-Akademie der Jeunesses Musicales hatten sich über 200 junge Sängerinnen und Sänger beworben. 120 wurden zu Workshops eingeladen, um sich sängerisch und darstellerisch vorzustellen. 18 wurden final ausgewählt, in der Opernproduktion im Sommer als Solisten mitzuwirken.

Ein Verfahren, das ein Gewinn für alle Beteiligten ist, denn auch die, die keine Rolle bekamen, gingen nicht leer aus, sondern profitierten von den Proben fürs Vorsingen. Das Weikersheimer Verfahren bescherte auch der diesjährigen Sommer-Produktion wieder ausgezeichnete junge Gesangssolisten. Der musikalische Leiter Patrick Lange hatte sich außerdem mit Alexander Sinan Binder und Clemens Mohr zwei Stipendiaten des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats als Kollegen am Pult gesichert. Als Klangkörper konnte dieses Jahr das Bundesjugendorchester engagiert werden.

Karina Repova als Hexe, Vero Miller als Hänsel. Foto: JMD (Die Darsteller auf dem Foto sind wegen der wechselnden Besetzungen andere als die im Text genannten.)

Karina Repova als Hexe, Vero Miller als Hänsel. Foto: JMD (Die Darsteller auf dem Foto sind wegen der wechselnden Besetzungen andere als die im Text genannten.)

Hänsel und Gretel sind bei Regisseurin Corinna Tetzel keine unschuldigen Kinder mehr, sondern junge Erwachsene, die ihren Weg suchen. Es geht um Liebe, genauer um Geschwisterliebe zwischen Hänsel und Gretel sowie die fatalen erotischen Fantasien des Vaters, der sich von der Hexe verzaubern lässt. Tetzel wollte dem Publikum aus dem heilen und lieblichen Taubertal ein drastisches Familendrama mit dreifach tödlichem Ausgang für Hexe, aber auch für Hänsel und Gretel vorführen – anstelle seelischer Abgründe und sexueller Nöte inszenierte sie jedoch Sozialromantik und die fürs 19. Jahrhundert typische Sehnsucht nach der heilen Welt.

Das Bühnenbild von Dimana Lateva verwandelte den urdeutschen Mythos „Wald“ in eine mediterrane Macchia, in der zumindest in den beiden ersten Szenen die Grimmsche Kleinfamilie recht verloren agieren musste. Dank eines magischen Vollmonds über dem Renaissance-Schlosshof, zusätzlicher effektvoller Lichtregie und auch aufgrund eines sensationell aufspielenden Bundesjugendorchesters wurde die dritte Szene zu einem überzeugenden Nachtstück in bester romantischer Tradition. Von da an gelang Corinna Tetzel alles: Die Knusperhäuschenszene mit einer lüsternen Hexe in der Krinoline, der mortale Schubs in den Backofen als echter Höllensturz und der Gegenzauber der Liebe, der zwar die toten Geschwister nicht wieder lebendig machen kann, aber doch den im Rahmen seiner Kindersuche im Gebüsch eingeschlafenen und alpträumenden Vater.

Hänsel und Gretel auf Schloss Weikersheim from Die Bildmischer on Vimeo.

Gesanglich und musikalisch boten an diesem achten von insgesamt neun Abenden in wechselnden Besetzungen ausnahmslos alle Beteiligten allerhöchstes Niveau, insbesondere die Mezzosopranistin Ena Pongrac in der Hosenrolle als Hänsel und die Sopranistin Serena Sáenz Molinero als Gretel – an diesem Abend mit Maria Gerter als Hexe, die nicht nur die Kinder verzauberte, sondern auch den der Mutter überdrüssigen Vater. Bariton Jonas Böhm als einziger Mann auf der Bühne gab einen Vater, der die Soprane nicht dominierte, sondern umschmeichelte. Besser kann kein Stadttheater-Personal Humperdincks Kinderstuben-Weihefestspiel aufführen. Das Bundesjugendorchester spielte die achte Aufführung des Sommers spannungsgeladen, vom grellsten Theaterdonner bis in die feinsten Nuancen hinein souverän geleitet von Clemens Mohr, der auch die hellen Stimmen des Kinderchors der Gesangsklasse des Gymnasiums Weikersheim wie selbstverständlich in die Kunst seiner Solisten und Instrumentalisten einbettete.

„Hokuspokus, bonus, jocus, malus locus, hokuspokus“ – es gab Szenenapplaus für Maria Gerters Hexenritt auf dem Besen, dieses Hexeneinmaleins wird auch im 21. Jahrhundert noch verstanden. So viel Hexen-Klartext hätte man sich auch von Regisseurin Corinna Tetzel gewünscht: Es fehlte eine existenzielle Not wie sie etwa die ebenfalls totgeweihten Geschwister Paul und Elisabeth in Jean Cocteaus „Les Enfants terribles“ erleben – fürs Taubertal also keine schrecklichen, sondern doch eher liebliche Kinder.

Andreas Kolb

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