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Die Fähigkeit in sich hineinzuhören

Die Bühnenbildnerin und Lichtkünstlerin rosalie

Die großartige Stuttgarter Zeichensetzerin und Gesamtkunstwerkerin rosalie ist gestorben. Ihre Kunst war verspielt und ernsthaft, heiter und enorm hart erarbeitet. Und das Schönste: Man konnte mit ihr leben.

Kunst bedeute, steht bei Wystan Hugh Auden, die Fähigkeit zu lernen, unser Brot mit den Toten zu teilen. Das sagt sich natürlich, so nobel es klingt, vergleichsweise leicht, hat aber einen historischen Hintergrund. So nämlich funktionierte, abstrakt gesehen, das antike Theater: Mit den Mythen musste man sich unterhalten. Was auch bedeutete, dass zunächst Zuhören eine wichtige Qualität war und wäre. Und zuallererst: die Fähigkeit, in sich hineinhören zu können.

Als die Künstlerin rosalie in den frühen neunziger Jahren zusammen mit dem Regisseur Alfred Kirchner für die Bayreuther Festspiele verpflichtet wurde, um für Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ das Bühnenbild zu bauen und die Kostüme zu entwerfen, erbat sie sich vom Hausherrn Wolfgang Wagner für eine Nacht den Generalschlüssel. Wagner war, wie er halt so war, nämlich brummelig-misstrauisch, hatte die Frau, die bürgerlich geerdet Gudrun Müller hieß, aber bereits als „patent“ (höchstes Lob!) in sein äußerlich raues, fränkisches Herz geschlossen.

rosalie 2015. Foto: Daniel Mayer

rosalie 2015. Foto: Daniel Mayer

rosalie durfte allerhand am Grünen Hügel, selbst im Dunkeln und alleine auf der Bühne sitzen. Und so machte sie es dann auch und hörte, wie in der schönsten Opernscheune der Welt das Holz arbeitete und wie der Saal knackend ein paar Heils- und ein paar Unheilsgeschichten aus mehr als hundert Jahren erzählte. Zum Raum wurde ihr die Zeit.

Es waren, wie sie später erzählte, nicht die Äußerlichkeiten des Festspielhauses, die sie sich anverwandeln wollte. Es war sein Inneres. rosalie wollte hören, was man nicht sehen kann. Das konnte sie, und vielleicht konnte sie es tatsächlich noch mehr als andere Künstler ihrer Güte. Später mochte man die Ergebnisse sehen – und man sah: das Gras wachsen, die Sonne aufgehen, einen Hasen springen, einen Mund küssen oder atmen, und zwar auf eine Art und Weise, dass man denken musste, so habe man diese elementaren Dinge eigentlich noch nie gesehen. Man konnte, kurzum, mit rosalie schauen und über ihre Zeichensetzungen staunen lernen. Als würde in ihrer Kunst die Welt noch einmal neu – und besser, vielleicht. Oder jedenfalls: anders.

Denn so ging das Lied, das nicht zufällig für ihre Ausstellung 1989 in der Galerie der Stadt Stuttgart musikalisch Pate stand. Mozart hat es vertont: „Komm lieber Mai, und mache / Die Bäume wieder grün, / Und lass mir an dem Bache / Die kleinen Veilchen blühn!“ C. A. Overbecks Weise ist ein Winterlied, kein Frühlingsgedicht. Im Garten liegt noch der Schnee. Es ist ein Lied voll leiser Hoffnung und Zuversicht, man fühlt sich ein wenig an die Hand genommen. Und genau das tat rosalie mit den Ausstellungsbesuchern, die sich mit lauter Industrieprodukten konfrontiert sahen, auf die sie sonst keinen Blick verschwendet hätten, nur dass die bunte Ansammlung sich jetzt unter rosalies Regie in einen Kosmos verwandelt hatte, der einladender wirkte als eine vermeintlich grundidyllische Szene am Land.

„Salome“ in Leipzig, die letzte Inszenierung von rosalie. Foto: Kirsten Nijhof

„Salome“ in Leipzig, die letzte Inszenierung von rosalie. Foto: Kirsten Nijhof

rosalie hatte Germanistik und Kunstgeschichte, später Malerei, Grafik und Plastisches Arbeiten in Stuttgart an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste studiert; geboren war sie in Gemmrigheim am Neckar. Später wechselte sie in die Bühnenbildklasse von Jürgen Rose. rosalie, das „Mädchen mit den Zöpfen“, wie der Komponist Hans Werner Henze, dem sie für die Münchner Biennale preiswürdig seinen „Pollicino“ ausstattete, anfangs sagte, trat schon ein wenig in Roses Spuren, hatte aber sofort etwas Eigenes, immer Gewinnendes: Wo sie war, fingen die Dinge eindeutig zu leuchten an, das war, weil sie die Dinge des Alltags auf den Boden zurückholte in der oft Richtung Überbau und Eklektizismus fliehenden Kunstwelt. Noch im gewöhnlichsten Gegenstand, in Pylonen zum Beispiel, sah rosalie einen poetischen Verwendungszweck. Und was den Ägyptern viel wert gewesen war, konnte ja wohl nicht ganz schlecht sein, wenn es galt, germanischen Göttern, in Bayreuth also, ihr Allerheiligstes absperren zu helfen.

rosalie adelte den Alltag, ging einkaufen, vorzugsweise in den Baumarkt, und ging die Mythenwege überhaupt anders ab: „Höllenweib“ nannte sie (allerhöchstes Lob!) Wolfgang Wagner. Tatsächlich war sie nicht nur die erste Frau in Fast-Totalverantwortung – was sie allerdings hundert Nächte lang in der Schneiderei oder der Schreinerei hocken ließ. Darüber hinaus verkörperte sie grandios, was man sich unter einer Gesamtkunstwerkerin vorzustellen hat: Ein ästhetisches und handwerkliches Detail griff ins andere. Die Wand aus tausend Aluminiumplättchen, der Riesenregenbogen aus Granulat, die Lochbleche, Isomatten, Dichtungsringe . . . Wer zählt die Materialien, wer die Arbeitszeit, wer die Liebe für die kleinste Kleinigkeit? Alles stimmte.

Die Erfahrungen in Bayreuth und überhaupt die Zeit mit Alfred Kirchner, mit dem sie „Faust“ und „Idomeneo“ anging, hatten rosalie geprägt, und der autonome Rang, den ihre Installationen und Kostüme hatten, die Stück für Stück Skulpturen waren, machten es nach einer „Frau ohne Schatten“ in Dresden unumgänglich, dass sie nun auch selber die Regie übernahm. Und natürlich ließ sich rosalie auf das ziemlich Allerschwerste ein: „Tristan und Isolde“ in Basel, wo sie einmal alles in der Hand hatte. Aber ein wenig zitterte die dann auch.

Obwohl sehr selbstverfasst und im besten Sinne des Wortes „eigen“, war rosalie auf künstlerische Kommunikation angewiesen. Sie brauchte eher ein Gegenüber als noch mehr Verantwortung. Auch insofern war es gut, vor allem für ihre Studenten, dass sie als Professorin für Bühnenbild an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach zu lehren begann; eine Berufung, die sie nie als Job verstand, aber auch eine Arbeit, die sie auffraß, wie fast alles, was sie anfing.

Wenn die Flossis die Hauswände hochkletterten oder Sitz- und Flitzhase auf irgendwelchen Dächern starteten; wenn die Autowaschbürsten sich kunstvoll drehten wie ein Mobile; wenn Ballett war in Düsseldorf (mit Martin Schläpfer), Oper in Tokio, Musiktage in Donaueschingen oder einfach (einfach?) das ZKM in Karlsruhe eine Fassade aus 3.200 weißen Putzeimern bekam, in deren Innerem computergesteuerte LED-Lämpchen auf den Einsatz warteten: Dann war das zwar immer sehr schön für alle anderen, aber auch immer sehr anstrengend für die Protagonistin, die auch übers Berufliche hinaus beständig als Alleskümmerin unterwegs war: bemüht um die Mutter, den Freund, die Tochter – und um Freunde sonder Zahl. Wer da manchmal zaghaft zu mindestens ein wenig mehr Ruhe riet, erfuhr nur vermittels herzlichstem rosalie-Lachen, dass dafür jetzt gerade keine Zeit sei, aber bald… Bald. Und nun ist rosalie, eine Seele von einer menschlichen Künstlerin im Alter von 64 Jahren gestorben.
Auf der Bühne hat sie den Moment vorausgesehen, als sie im Basler „Tristan“ die Isolde nicht sterben ließ, sondern, halb japanische Judoka, halb griechische Tempelfrau, über ganz normale Paletten himmelwärts hob, federleicht, wie von selbst: „Wir werden nicht fallen, wir werden steigen“, heißt es im Gedicht. rosalie – ade!

Mirko Weber

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