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Berichte

Feuertaufe Handlungsballett

Das Ballett am Rhein und Martin Schläpfers „Schwanensee“-Premiere

Martin Schläpfer genießt einen Ruf als international angesehener Schöpfer abstrakter Werke – mit allenfalls anekdotischen oder narrativen Momenten. Das Handlungsballett hat ihn nie interessiert – für Geschichten hat das Schauspiel die Sprache. Doch im neunten Jahr als Künstlerischer Leiter und Chefchoreograf des Ballett am Rhein fühlte er die Zeit reif für sein erstes Erzählballett. Er entschied sich für Tschaikowskys „Schwanensee“. Viel Hype gab‘s im Vorfeld. Kann der Schweizer nun mit dem Körper Geschichten erzählen? Er kann!

Das Rheinopernballett bringt einen psychologisierten „Schwanensee“ heraus – ohne See: entrümpelt, modisch aktuell und in zeitgenössischer Schläpfer-Sprache. Ein schöner Wurf: Seine Qualität liegt allerdings weniger in einer provokanten Neukonzeption als in seiner choreografischen Kunst.

Kailey Kaba, Elisabeta Stanculescu, Alexandra Inculet und Feline van Dijken. Foto: Gert Weigelt

Kailey Kaba, Elisabeta Stanculescu, Alexandra Inculet und Feline van Dijken. Foto: Gert Weigelt

Verblasste Goldrahmen ohne Bild, überdimensioniert, hängen im Hintergrund. Sie symbolisieren eine glanzvolle Vergangenheit ohne Perspektive. Denn Prinz Siegfried, der da so ausgelassen mit Freunden und Dorfbewohnern seinen Geburtstag feiert, liebt das sorglose Leben. Der Druck seiner verwitweten Mutter, sich am nächsten Tag zwecks Thronfolge für eine Frau zu entscheiden, erzeugt bei ihm nur Trotz – und übertriebene autistische Zuckungen. Siegfried, dem der Schalk im Nacken sitzt, albert lieber mit seinen Freunden herum. Der Königin (Virginia Segarra Vidal) gegenüber pubertiert er virtuos mit Schnütchen. Solch erzählerischen Übermut sah man in Düsseldorf zuletzt bei Heinz Spoerli, der hier von 1991 bis 1996 Ballettchef war. Schläpfer tanzte zuvor bei ihm in Basel als prominenter Solist. Das hat ihn offensichtlich beeinflusst.

Von der Sankt Petersburger Ur-Fassung Marius Petipas und Lew Iwanows von 1895 mit den meisterhaften geometrischen Formationen und bravourösen Pas de deux ist abgesehen von feinen Anspielungen wie battements mit federartig gebogenem Körper nichts geblieben. Eher hat Schläpfer sich bei den Rüpeleien von Max und Moritz inspirieren lassen. Ausstatter Florian Etti hat Siegfried als modernen Adeligen in ein kurzärmeliges weißes Hemd mit schwarzer Stoffhose gesteckt – wie er überhaupt das ganze Ensemble höchst stilvoll individuell eingekleidet hat. Die Kulissen dagegen sind alles andere als gefällig.

Die Bühne wird ab dem zweiten Akt immer düsterer. Das vertraute Schwanen-Sehnsuchtsmotiv dringt aus dem Orchestergraben der Düsseldorfer Symphoniker unter dem sensiblen Dirigat von Generalmusikdirektor Axel Kober – doch keine Spur von einem See. Stattdessen ein Felsen. Hier hält eine Zauberin mit ihrem Gefolge Odette und ihre barfüßigen Freundinnen gefangen: Eine gefährlich-brutale Asiaten-Gang, von der man jeden Moment erwartet, dass sie das Messer zückt, hält die Kontrolle über die benommen wirkenden Mädchen. Zur Musik der kleinen Schwäne irritiert sie mit hektischem, an Kampfkunst angelehnten Hexentanz. Young Soon Hue als Magierin empfiehlt sich mit ihren blitzschnellen Zaubereien für jeden Harry Potter-Film. So also sieht Schläpfers Interpretation des Originallibrettos von 1877 aus. Darin nämlich wird Odette nicht von Zauberer Rotbart, sondern von ihrer Stiefmutter verhext. Nur ihr Großvater, der hier immer wacker dazwischentritt, versucht, sie zu schützen und mit ihrem Prinzen zu vereinen.

Marcos Menha und Marlucia do Amaral sind als Paar die helle Freude – und tänzerisch hinreißend. Ungestüm wirft sich der Prinz zu Boden und umschlingt Odettes Beine. Sie, nicht minder temperamentvoll, umkreist ihn, springt und dreht sich wie ein junges Fohlen. Der Schwur, sie durch seine Treue zu erlösen, ist schnell geleistet.

Die Zeremonie auf dem wie ausgestorbenen Schloss hat der Choreograf schlüssig gerafft und die Divertissements gestrichen. Ein Höhepunkt des Abends ist der Auftritt des Schwarzen Schwans: Camille Andriot betört den Prinzen mit ihren Avancen, eine irre Mischung aus schmeichlerischen Glissaden und linkischen Elementen mit seltsam gekrümmtem Oberkörper. Denn diese Frau ist eine Chimäre, ein böser Zauber. Die Schwanenmädchen mit gefiederten Streifen an den Röcken mahnen den Prinzen – zu spät.

Zurück am Felsen, können weder Prinz noch Großvater Odette retten: Die bösen Flüche der Asia-Gang töten sie. Und wenn Menha weiter mit dem leblosen Körper tanzt, treibt es einem einen Kloß in den Hals. Schläpfers Konzept geht auf, sein modernes Märchen berührt. Feuertaufe bestanden – trotz Längen an diesem dreistündigen Abend.

Bettina Trouwborst

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