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Kulturpolitik

Wenn Kunst auf Politik stößt

Diskussionen im Rahmen der Ruhrtriennale

Bereits vor Beginn der diesjährigen Ruhrtriennale gab es kontroverse Diskussionen und viel Kritik an der in diesem Jahr erstmals verantwortlichen Intendantin Stefanie Carp. Diese hatte die schottische HipHop Band „Young Fathers“ engagiert, diese anschließend erst aus- und dann wieder eingeladen. Hintergrund für das irritierende Hin und Her ist die Nähe der Band zur BDS-Bewegung („Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“), die einen Boykott Israels fordert. Auch antisemitische Tendenzen werden der Bewegung nachgesagt. Die Wieder-Einladung begründete Carp damit, die Freiheit der Kunst verteidigen zu wollen. „Ich bin der Meinung, dass wir die unterschiedlichen Perspektiven und Narrative zulassen müssen, da diese Offenheit das dramaturgische Credo unseres Programmes ist“, so die Intendantin. Kritik kam aus der Landesregierung. Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen zeigte sich „irritiert“. Ministerpräsident Armin Laschet sagte gar seine Besuche des international renommierten Festivals ab. Schließlich erklärte die Band selbst, nicht auftreten zu wollen. Zum Zeitpunkt des geplanten Konzerts wurde daraufhin eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Unter dem Titel „Freedom of Speech/Freiheit der Künste“ sollten sich Künstlerinnen und Künstler, Politikerinnen und Politiker sowie Kuratorinnen und Kuratoren mit dem „Spannungsverhältnis von Meinungsfreiheit und Freiheit von Kunst mit persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung im Kontext der deutschen Geschichte“ auseinandersetzen. Zu den Gesprächsgästen gehörten Stefanie Carp unter anderem Isabel Pfeiffer-Poensgen und der belgische Choreograf Alain Platel. Moderiert wurde die Veranstaltung von Bundestagspräsident a.D. Norbert Lammert.

So viel Ahnungslosigkeit war selten. Von „BDS“, Kürzel für die israelfeindliche Bewegung „Boycott, Divestment, Sanctions“, habe sie bis zur Einladung an das Hip-Hop-Trio Young Fathers noch nie gehört. Ein Aufschlag der Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp, der gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion „Freedom of Speech/Freiheit der Künste“ im Netz landete. Ein Statement, das offenbarte, weshalb die Ruhrtriennale, das mit NRW-Landesgeldern ermöglichte „Festival der Künste“, erstmals seit seinem Bestehen ernsthaft ins Gerede gekommen ist. Zugleich aber auch ein Statement, das in seiner Ehrlichkeit, seiner Naivität bestürzte. Mehrheitlich jedenfalls.

William Kentridge, „The Head and the Load“ in der Kraftzentrale Duisburg mit Sipho Seroto und dem Vokalensemble. Foto: Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

William Kentridge, „The Head and the Load“ in der Kraftzentrale Duisburg mit Sipho Seroto und dem Vokalensemble. Foto: Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

Für andere Teile des Publikums, bis zum Schluss unangenehm auf Krawall gebürstet, war eine solche Einlassung nur vorgeschoben. In der Ecke der kämpferischen Verteidiger Israels glaubte man Carp kein Wort, quittierte wahlweise höhnisch oder deutlich: „Lüge! Lüge!“

Dass sich die Intendantin in ihrer Pressemitteilung zur Ausladung der Young Fathers klar positioniert hatte, zählte nicht. Sie hatte sie ja wieder eingeladen! Für die jedweder Dialektik grundsätzlich verschlossenen Israelfreunde war damit klar: Hier ist eine Fünfte Kolonne des BDS am Werk! Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit wird dem Antisemitis-mus der Boden bereitet! Also will man ihren Kopf. Carp muss weg! Die zuständige Ministerin Pfeiffer-Poensgen, ebenfalls auf dem Podium vertreten, soll es richten. Nur, was wäre dadurch besser? Was geklärt?

Dass sich die Dinge komplizierter verhalten, dass die einfachen Abgrenzungen, die holzschnittartigen Vereinfachungen schlicht versagen, legte diese denkwürdige Veranstaltung am Ende frei. Auslöser war der israelische Filmemacher Udi Aloni. Spontan aufs Podium gebeten, bekundete dieser seine Verantwortlichkeit für das palästinensische Volk, um als „stolzer israelischer Jude“ seine Stimme zu erheben für „fünf Millionen Palästinenser ohne Menschenrechte“. Das Ergebnis: Tumult, Eskalation pur. „Schande über Dich!“ „Jüdischer Selbsthasser!“ Aloni hielt mit dem Mikro dagegen, er lasse sich von Deutschen nicht sagen, was er als Jude zu tun und zu lassen habe.

Manche Berichterstatter haben dieses erbitterte Wortgefecht als Beleg dafür gewertet, dass der Streit um BDS und BDS-sympathisierende Künstler eine „innerjüdische Auseinandersetzung“ sei. Dem ist zu widersprechen. Es ist ein Streit, der quer durch die jüdische community geht, darauf aber nicht zu begrenzen ist. Er geht uns alle an, wird auch längst – worüber wir uns hierzulande noch nicht richtig klar geworden sind – global geführt, mit großer Schärfe, auf allen Medien, unter Nutzung aller Medien. Herausge­kommen ist dabei übrigens auch, dass das Bild eines von „geknechteten Opfern“ gegründeten BDS als ein Meisterstück erfolgreicher Geschichtspropaganda anzusehen ist. In Wirklichkeit waren es linke britische Intellektuelle, die es palästinensischen Aktivisten nahegelegt haben, nach südafrikanischem Vorbild die palästinensische Ausgabe einer „boycott campaign“ aufzulegen – gegen Israel. Nachlesbar in David Hirsh: „Contemporary Left Antisemitism“.

Wenn nach dem Hickhack um das unglückliche Agieren der Ruhrtriennale-Intendantin eines klar geworden ist, dann dies, dass politische Ahnungslosigkeit unter Kunstermöglichern, Kunstfreunden, Künstlern eine ganz schwache Sekundärtugend ist. Wir können sie uns nicht länger leisten. Vor allem nicht, wenn sie mit Verharmlosung zusammengeht. Für den Choreografen Alain Platel, dessen Compagnie „les ballets C de la B“ Israel als Auftrittsort boykottiert, bekannte dessen Dramaturgin Hildegard De Vuyst: „Wir unterstützen BDS als eine gewaltlose Bewegung.“ Da mag sich mancher seine guten Illusionen machen – was die Strategen des BDS selber angeht, die As‘ad AbuKhalils, die Ahmed Moors, die Omar Barghoutis, so betreiben diese derweil ungerührt die Aufhebung des jüdischen Staates: Frieden ja, aber ohne Israel. Der jüngst verstorbene, sein Leben lang auf Ausgleich bedachte Uri Avnery hatte dazu schon vor Jahren eine Klarstellung gefordert. Sie ist nicht erfolgt. Man kann sich denken, warum. „Don‘t buy from Jews!“, verbreitet der BDS über seine Netzwerke. Erinnern wir uns. Erst kommen die Schlachtrufe, dann geht es ans Schlachten. Das war hierzulande nicht anders.

Kampagnen anzetteln, auf Kampagnen mitsegeln ist der sichere Weg, aus der Kunst einen Tendenzbetrieb zu machen. Boykott ist aber nicht die Sprache der Kunst.

Weshalb eine klare Haltung der Kunstfreunde, der Künstler, der Kunstermöglicher unverzichtbar ist. Björn Gottstein, Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage, hat sie, jüngst mit ähnlichen Zumutungen konfrontiert, gezeigt. Er halte es für ein „fatales Signal“, so der SWR-Redakteur, „wenn bei den Donaueschinger Musiktagen ausgerechnet Israel als einziger Staat in einem Musikstück massiv kritisiert wird“. Gemeint war ein Werk des britisch-deutschen Komponisten, Übersetzers und BDS-Sympathisanten Wieland Hoban. Gottsteins Weigerung, Hoban zu programmieren, glaubte dieser, mit einem offenen „J’accuse…!“ („Zensur in Donaueschingen“) kontern zu dürfen. Ein Vorwurf, der ebenso absurd wie haltlos ist. (https://www.nmz.de/online/zensur-ein-missbrauchter-begriff-in-den-aktuellen-kunstdiskursen)

Wo liegt der Fehler?, wurde auf dem Triennale-Podium gefragt. Eine Antwort geht so: Kampagnen anzetteln, auf Kampagnen mitsegeln ist der sichere Weg, aus der Kunst einen politischen Tendenzbetrieb zu machen. Boykott ist aber nicht die Sprache der Kunst, wie Schorsch Kamerun, Sänger, Theaterregisseur auf demselben Podium zu Recht anmerkte. Sobald Künstler, Kunstfreunde, Kunstermöglicher anfangen, das Spiel der Macht und Mächtigen zu spielen, können sie nur verlieren.

Schnitt. Absatz. Gedankenstrich. – Zwei Triennale-Wochen später ist der Nachhall dieses mittleren Tsunamis mit seinen hybriden Anschuldigungen, offenen Anfeindungen zwar noch als schwaches Netzflackern spürbar, insgesamt aber hat sich das Triennale-Gefühl gewandelt, vielleicht überhaupt erst eingestellt. Was natürlich Wirkung ist der einen und anderen Produktion, die hier endlich über die Bühne der alten Industrie­brachen gehen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen durfte.

Stellvertretend sei an dieser Stelle verwiesen auf die William-Kentridge-Produktion „The Head and the Load“, vorher in London zu sehen, später im Jahr noch in New York. Ein Theaterabend zur Afrika-Politik der europäischen Kolonialmächte im Ersten Weltkrieg. Der Leidensweg eines Kontinents, übersetzt in einen Bühnen-Prozessionsweg. Tänzer, Schauspieler in permanenter Bewegung, kreisend in Stampftänzen, unterwegs auf rollenden Podesten, im unentwegten Auf und Ab. Elektrisierend, bewegend. Eine Produktion, die in ihrer vor allem afrikanischen Mehrsprachigkeit wie keine zweite das Triennale-Motto beim Wort genommen hat. „Global Justice and Solidarity. Hopes, Desires and Imagination in a Postcolonial World“, lautete das Thema der indischen Philosophin Nikita Dhawan beim Eröffnungsvortrag. Eindringlich bekam man ins Stammbuch geschrieben, dass wir, die Nachfahren der Täter, über das Mitleiden mit den Opfern hinaus kommen müssen. Wir sollten die Aufklärung „lieben“ lernen. Kant zum Beispiel. Dieser habe Recht gehabt, als er vom „Recht eines Fremdlings“ sprach. Hospitalität sei kein Gnadenakt.

Erstaunlich, wie das Einfache und Elementare ebenso zu den Essentials dieser Ruhrtriennale gehört wie die Ermunterung zum Muthaben, globale Veränderungen in Kunst und Kultur mitzugehen, mitzugestalten. Darin war sie stark, die Handschrift der Dramaturgin Stefanie Carp, die ihre erste Intendanz unter das Motto „Zwischenzeit?“ gestellt hat: „Viele Kreationen der Ruhrtriennale lösen die Grenzen zwischen den Genres auf, sind ebenso Konzert, Choreografie, Performance oder Installation. Nichts ist sicher.“

Georg Beck


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