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Comeback eines Operettenkönigs

Leben und Werk Paul Abrahams

Das dürfte wohl rekordverdächtig sein: Nicht weniger als drei Stücke ein und desselben Operettenkomponisten stehen in der Saison 2018/2019 auf dem Spielplan der Komischen Oper Berlin. Es sind Paul Abrahams Werke „Ball im Savoy“ (Wiederaufnahme), „Viktoria und ihr Husar“ (konzertante Aufführung) und „Roxy und ihr Wunderteam“ (Neuinszenierung). Und um diese musikalische Dominanz noch zu unterstreichen, erklärte Hausherr Barrie Kosky bei der Programmvorstellung: „Paul Abraham ist die musikalische Seele dessen, was ich am Hause schaffen will.“

Die Seele des Hauses, das waren Paul Abrahams Melodien schon einmal. Damals, vor fast 90 Jahren, hieß die Spielstätte der heutigen Komischen Oper noch Metropol-Theater. Von diesem Ort aus startete der Komponist 1930 eine der spektakulärsten Karrieren der Operettengeschichte. Zwar hatte Abrahams erster großer Erfolg „Viktoria und ihr Husar“ schon eine Off-Berlin-Premiere hinter sich (sie war im Sommer 1930 beim Operettenfestival in Leipzig aufgeführt worden), aber erst die Hauptstadtaufführung unter der Verantwortung der mit allen Wassern gewaschenen Theatermogule Alfred und Fritz Rotter gab den Startschuss. Ihrer PR-Strategie war es vor allem zu verdanken, dass zur Berliner Premiere schon unzählige Plattenaufnahmen und Notenausgaben unters Volk gebracht worden waren und die Lieder aus der „Viktoria“ im Nu zu Gassenhauern wurden. Die Aufführung im Metropol-Theater sei „getragen von Melodien des Herzens (aus Ungarn) und Rhythmen für die Beine (aus Amerika)“, schrieb die Vossische Zeitung.

Paul Abraham. Foto: Archiv

Paul Abraham. Foto: Archiv

Es waren aufregende Tage und Wochen in der Lebensgeschichte Abrahams – aber auch in der Geschichte der Operette insgesamt. Der bis dato völlig unbekannte ungarische Kapellmeister Paul Abraham errang innerhalb kürzester Zeit nationalen und internationalen Ruhm. Und das Genre Operette, das schon damals allenthalben totgesagt wurde, erlebte durch diesen Newcomer noch einmal eine kurze, aber glanzvolle Blüte.

Aber wer war dieser Paul Abraham eigentlich? Niemand hatte jemals von ihm gehört, obwohl er doch immerhin bereits fast 40 Jahre alt war.

Der aus dem donauschwäbischen Apatin stammende Paul Abraham hatte an der Franz-Liszt-Musikhochschule Budapest von 1913 bis 1917 klassische Komposition studiert. Einige Orchesterwerke waren während des Studiums aufgeführt worden, dann war sein Name aus der Musikwelt verschwunden. Um zu überleben, arbeitete der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Musiker als Spekulant an der Börse – bis er einen veritablen Bankrott hinlegte, für den er sogar kurzzeitig ins Gefängnis musste.

Erst 1927, also zehn Jahre nach Beendigung des Studiums, tauchte Paul Abraham in Budapests Musikleben wieder auf – als Kapellmeister am hauptstädtischen Operettentheater. Er komponierte in der Folge Operetten. Nach drei lokalen Erfolgen gelang mit dem Werk „Viktória“ der Durchbruch in Ungarn. Fast zeitgleich wurde in Deutschland sein Schlager „Bin kein Hauptmann, bin kein Offizier“ aus dem ersten UFA-Tonfilm „Melodie des Herzens“ zum Hit.

Die Melodien aus „Viktória“ weckten bei den Theaterprofis in Deutschland Begeisterung. Aber die Handlung, die Dialoge und erst recht die Liedtexte von Imre Földes waren zu ungarisch-provinziell geprägt. Hilfe wurde gesucht und gefunden: Die beiden Wiener Textdichter Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda sollten das Stück ins Deutsche transferieren.

„Viktoria und ihr Husar“ am Gärtnerplatztheater München mit Susanne Seimel als O Lia San und dem Chor des Staats-

„Viktoria und ihr Husar“ am Gärtnerplatztheater München mit Susanne Seimel als O Lia San und dem Chor des Staats-
theaters am Gärtnerplatz. Foto: Christian POGO Zach.

Die beiden Österreicher, die als Librettisten berühmter Werke von Franz Léhar, Emmerich Kalman, Oscar Straus oder Leo Fall zum absoluten Operetten-Establishment gehörten, zogen sich mit Paul Abraham nach Bad Ischl zurück. Dort in der Villa von Alfred Grünwald entwickelten sie die „Viktória“ zur Revue-Operette „Viktoria und ihr Husar“.

Selten wurde ein Stück über Nacht so berühmt. Von Berlin aus verbreitete sich die Operette mit ihrem überreichen Melodienschatz über Deutschland und ganz Europa. Die meist subventionslosen Musikbühnen Europas gierten nach einem solchen Erfolgsstück. Mehrere hundert Inszenierungen gab es in kürzester Zeit. Oft stand Paul Abraham bei der jeweiligen Premiere am Pult.

Schon ein Jahr nach der „Viktória“-Premiere hatte Abraham mit „Die Blume von Hawaii“, wieder ausgestattet mit zahlreichen Ohrwürmern, wieder in Leipzig erprobt und in Berlin groß herausgebracht, einen ähnlichen kommerziellen Erfolg. Er avancierte zum nach Aufführungen (und Tantiemen) erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit, zum kurzzeitigen „König der Operette“. Zugleich war er ein gefragter Filmkomponist.

„Ball im Savoy“ an der Komischen Oper Berlin mit Dagmar Manzel als Madeleine de Faublas und dem Ensemble. Foto: Iko Freese / drama-berlin

„Ball im Savoy“ an der Komischen Oper Berlin mit Dagmar Manzel als Madeleine de Faublas und dem Ensemble. Foto: Iko Freese / drama-berlin

Den Höhepunkt der drei kurzen Berliner Jahre bildete dann der „Ball im Savoy“. Die Uraufführung fand am Abend vor Heiligabend 1932 im angemieteten Deutschen Theater Berlin vor 3.000 begeisterten Zuschauern statt. Höhepunkt – und gleichzeitig das bittere Ende. Nur einen Monat später war Adolf Hitler an der Macht, nur wenige Male noch konnte der „Ball im Savoy“ aufgeführt werden. Nachdem der jüdisch-stämmige Abraham beim Betreten des Theaters von SA-Leuten tätlich angegriffen worden war, verließ er fluchtartig Stadt und Land. Sein Vermögen wurde eingezogen.

Von Budapest aus konnte er wenigstens in seinem Heimatland, aber auch in Wien, neue Werke auf die Bühne bringen. Den Wienern hatten schon die ersten Stücke gefallen, jetzt konnten sie noch die Premieren von „Märchen im Grand Hotel“, „Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus“ und „Roxy und ihr Wunderteam“ bejubeln – aber es blieben vor allem lokale Erfolge. 1938 emigrierte Abraham dann endgültig. Zunächst ging es nach Paris. Hier kannte man ihn zwar von „Victoria et son hussard“ und den anderen Erfolgen, aber Arbeit gab es für ihn keine mehr. Er war gezwungen, in einem Hotelcafé Klavier zu spielen, um den Aufenthalt zu bezahlen. 1940 musste er auch von hier fliehen. Über Kuba kam er nach New York. Er hatte für die Neue Welt große Hoffnungen, galt er doch in Europa als Modernisierer, der den Jazz in der Operette etabliert hatte. Aber man hatte im Ursprungsland des Jazz nicht auf ihn gewartet. Selbst der „Ball im Savoy“, dessen englische Fassung von niemand Geringerem als Oscar Hammerstein II stammte, wurde zwar unter Vertrag genommen, aber niemals aufgeführt.

Verarmt und durch eine aus Geldnot unbehandelte Syphilis körperlich wie psychisch erkrankt musste Abraham ab 1946 zehn lange Jahre in einer Psychiatrie bei New York verbringen. Dort war er zusammen mit 13 anderen Leidensgenossen in einem Zimmer untergebracht. Als Abraham dann 1956 als geistig verwirrter Mann wieder nach Deutschland kam, konnte er nicht mehr bewusst miterleben, dass seine Operetten (wenn auch in neuen, gefälligen Arrangements der Nachkriegsära) wieder gespielt wurden. Und als er 1960 in Hamburg an Krebs starb, hätte wohl niemand gedacht, dass die „Viktória“ und ihre Operettenschwestern neun Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch einmal die allergrößten Theater füllen würden.

Es war Barrie Kosky, der die Initialzündung zur Wiederentdeckung gab. Seine Inszenierung vom „Ball im Savoy“ 2013 wurde in Berlin als „Großstadtoperette“ zum Sensationserfolg. Und Abrahams Stücke werden seither an vielen Bühnen neu inszeniert. Grundlage für Koskys Inszenierung und die aller jüngeren Aufführungen war eine Neubearbeitung der Abrahamschen Partituren durch die beiden Musikwissenschaftler Matthias Grimminger und Henning Hagedorn. Sie schafften es, die Musik für moderne Orchester im Geiste ihrer Uraufführungszeit „bühnenpraktisch“ zu rekonstruieren und so das Besondere an dieser Musik zu betonen. Barrie Kosky bringt es auf den Punkt: „Was die Musik Abrahams so einzigartig macht, ist ihr fabelhafter Humor. Die Musik ist sexy. In ihr spürt man eine feine Balance zwischen Melancholie und Lebenskraft. Die Grundstimmung ist immer melancholisch, wird aber kombiniert mit dem kompletten Gegenteil: der unbändigen Lebenslust.“

Klaus Waller

Klaus Waller ist Autor der Biographie „Paul Abraham. Der tragische König der Operette“.

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