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Bitte von den Gleisen zurücktreten

Ein Gespräch mit Adrian Marthaler über ein besonderes Opern-TV-Erlebnis

Am 30. September 2008 erlebte die altehrwürdige Gattung Oper ihre spektakuläre Vermählung mit dem Massenmedium Fernsehen: Verdis „La Traviata“ hatte Premiere in Zürich und wurde live im Schweizer Fernsehen und auf ARTE übertragen. Doch die Direktübertragung kam nicht aus dem Opernhaus am Zürichsee, sondern aus dem Zürcher Hauptbahnhof – ein einzigartiges Experiment. SF-Kulturchef Adrian Marthaler, der schon in den 80er-Jahren mit experimentellen Musikproduktionen von sich reden machte, und an seiner Seite der Fernsehregisseur Felix Breisach filmten die Oper nicht einfach ab, sondern inszenierten das Geschehen TV-wirksam. Web-Reporter ermöglichten es, alles, was vor und hinter der Kamera passierte, live mitzuverfolgen, und in einem Live-Chat sammelten sich Reaktionen von Bamberg bis Bern. Obwohl die Sängerinnen und Sänger nach jedem Auftritt wieder in Decken gehüllt wurden, damit das kostbare Stimmmaterial nicht durch den Spätsommerwind litt, der durch die Halle strich, schienen sie beflügelt zu sein von dieser neuartigen Opernwerkstatt.

Für die Zuseher vor Ort war es nicht ganz einfach, der Handlung zu folgen. Der Opernchor hielt sich vor allem im Bahnhofsbistro auf, die Solisten spielten an verschiedenen Bahnsteigen, das Orchester war weit weg in der Halle und das Publikum musste den Akteuren hinterhereilen. Logenplätze gab es keine. Die italienische Sopranistin Eva Mei zählt seit vielen Jahren zu den populärsten Ensemblemitgliedern des Zürcher Opernhauses. Sie glänzte als Violetta vom ersten Ton an bis zu ihrer Todesszene in der großen Bahnhofshalle – der Tod ereilt sie im Gegensatz zur Kameliendame in der literarischen Vorlage von Alexandre Dumas nicht in Einsamkeit, sondern in den Armen ihres geliebten Alfredo, der mit Blaulicht und Krankenwagen auf den Perron vorfährt. Vittorio Grigolo war als Alfredo nicht nur stimmlich souverän, sondern erkannte in der Bahnhofssituation ein ideales Podium, um auch schauspielerisch zu glänzen. Bariton Angelo Veccia hatte als spießiger Vater Giorgio keine Mühen mit Mikrofonierung und ungewohnter Akustik, auch er schien die Live-Übertragung, bei der die Solisten in ungewohnter Nahansicht über den Bildschirm flimmerten, zu genießen.

Unzählige Mikrofone und Scheinwerfer sowie 15 Kilometer Kabel waren im Bahnhof installiert worden. Bemerkenswert war aber nicht nur die technische Umsetzung des Projekts, sondern auch dessen mediales Echo. Die Einschaltquote betrug sensationelle 34,4 Prozent, und selbst die anschließende Diskussion über Sinn und Zweck des Unternehmens verfolgten noch rund 30 Prozent der Zuschauer. Andreas Kolb hatte seinerzeit als Opern-Couch-Potato die Premiere vor dem heimischen Fernseher auf ARTE verfolgt und sprach jetzt, zehn Jahre danach, mit Adrian Marthaler über dessen kunstvolle Kombination von traditioneller Oper und Fernsehen.

Andreas Kolb

Adrian Marthaler im Gespräch

Andreas Kolb: Wie sind Ihre TV-Opernarbeiten „La Traviata“ 2008 im Zürcher Hauptbahnhof und in der Nachfolge 2013 „Die Entführung aus dem Serail“ entstanden?

Vittorio Grigolo als Alfredo u.a. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Vittorio Grigolo als Alfredo u.a. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Adrian Marthaler: Wir wurden durch eine BBC-Sendung angeregt, die mit Opernversatzstücken in einer Underground Station in London arbeitete. Hier eine Arie aus der „Zauberflöte“, da ein Chor aus „Carmen“. Dazwischen haben sie viel moderiert und mit Filmeinspielungen eine Scheingeschichte gebaut, die diese Elemente verbunden hat. Mich hat das Element „Oper in einem Bahnhof“ fasziniert. Wir, Thomas Beck, damaliger Leiter für die Musik in meiner Abteilung, und ich, dachten damals, wir möchten da eine ganze Oper riskieren. Als wir Alexander Pereira, damals Intendant der Züricher Oper, fragten, ob er mitmacht, war er begeistert und stellte uns eine Infrastruktur und natürlich sein Ensemble zur Verfügung. Wenn Oper am Fernsehen, so überlegten wir uns, warum dann auch nicht einmal richtig auf die Fähigkeiten dieses Mediums zugeschnitten?

Kolb: Was ist das Faszinierende am Bahnhof?

Marthaler: Der Bahnhof ist ein Ort, den jeder Mensch mit irgendwelchen Assoziationen, Erinnerungen und Gefühlen belegt hat. Uns ging es dabei darum, herauszufinden, welche Oper in einen Bahnhof hineinpassen würde. Denn das Ganze glich ja einem Meteoriten, der in eine gewohnte Umgebung einschlägt. In eine Umgebung, die ihre eigenen Abläufe hat, die eingehalten werden mussten. Die Züge fuhren, die Ansagen wurden gemacht und so weiter.

Niemand hatte mit dieser unglaublichen Menge an Menschen gerechnet, die da auf einmal im Bahnhof waren, so dass die Reisenden mit ihren Koffern, wenn sie zu den Gleisen wollten, nicht mehr durch die Bahnhofshalle gelangen konnten, sondern außen herum gehen mussten. Wir wussten von Anfang an, dass es auch technisch ein anspruchsvolles Unterfangen war. Ich muss sagen, am Ende hatten wir neben der hohen Professionalität der Mitarbeiter auch eine gute Portion Glück.

Kolb: Sie haben ein klassisches Format, die Oper, mit einem Massenmedium zusammen gebracht. Was ist passiert?

Marthaler: Diejenigen, die in den Bahnhof kamen, um eine Oper zu erleben, haben keine Oper erlebt. Die haben nur eine Fernsehproduktion mit Opernteilen erlebt, weil die Oper ja innerhalb des ganzen Bahnhofs – und der Zürcher Hauptbahnhof ist groß – stattgefunden hat. Da war eine Arie auf, ich sage jetzt mal, Gleis 9, dann war eine andere Arie in einem Bistro irgendwo in der Bahnhofshalle und so weiter. Die Leute haben auch immer nur das gehört, das dort war, wo sie gerade standen. Erst am Fernsehen hat sich alles zu einem Gesamtwerk zusammengefügt.

Kolb: Warum gerade Verdis „La Traviata“ und nicht etwas anderes?

Vittorio Grigolo als Alfredo u.a. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Vittorio Grigolo als Alfredo u.a. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Marthaler: Wir haben uns für die Traviata entschieden, weil diese Oper sich mit den Gefühl-Assoziationen, die einem Bahnhof zu eigen sind, am ehesten verheiraten lässt. Es geht auch um Abschied, es geht um Schmerz, um viele Dinge, die man mit dem Bahnhof assoziieren kann.

Kolb: Sie haben damals etwas angestoßen. Es ist aber kein Role-Model, das überall praktiziert wird, daraus geworden. Warum?

Marthaler: Das liegt daran, dass es auch eine Geldfrage ist. Für das Geld, das wir für diese Produktion in Zürich ausgegeben haben, kann man leicht vier, fünf Opernübertragungen machen.

Kolb: Das Vorhaben steht und fällt mit den Kooperationspartnern?

Marthaler: ARTE war ein Co-Produzent mit einem in Bezug auf die Gesamtsumme relativ kleinen Beitrag. Weitere Koproduzenten waren das Fernsehen der französischen Schweiz und der italienischen Schweiz – das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – und das Opernhaus in dem Sinne, dass es Chor und Orchester zur Verfügung gestellt und auch das Casting der Solisten mit uns zusammen betrieben hat. Allerdings mussten wir das Opernhaus dafür bezahlen.

Kolb: 2013 griffen Sie die Idee einer TV-Oper nochmals auf, im Rahmen einer sehr spektakulären Inszenierung für die Salzburger Festspiele mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

Eva Mei als Violetta. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Eva Mei als Violetta. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Marthaler: Von der „Entführung“ im Hangar-7 bin ich vom Resultat her nicht so begeistert. Das, was die Traviata ausgemacht hat, nämlich die Verbindung dieser Oper mit einem Ort, der eine hohe Gefühlsbedeutung für die Menschen hat, gab es beim Hangar-7 nicht. Der Hangar-7 war einfach ein fantastischer Drehort für eine Oper im Fernsehen. Mehr nicht. Auch wenn man da noch einige Leute reingestellt hat, um so zu tun, als wäre das ein wirklich öffentlicher Ort.

Kolb: Hat der Hauptsponsor Red Bull mitgeredet?

Marthaler: Nein, überhaupt nicht. Die Idee kam von Alexander Pereira, der inzwischen Intendant der Salzburger Festspiele war. Er kannte Dietrich Mateschitz von Red Bull. Red Bull war auch nur indirekt Hauptsponsor, über Servus TV, einen Sender, der zu Red Bull gehört. Die Mitarbeitenden von Servus TV haben mitgewirkt, aber nicht die Geschäftsleitung von Red Bull.

Kolb: Was machte bei diesen beiden Produktionen den speziellen Reiz für Sie als Regisseur aus?

Marthaler: Die Verbindung von Musik und Raum, die Verbindung einer Geschichte mit Raum, ist das, was mich am meisten fasziniert. Die Vorstellung, eine Oper in einem solchen Raum erzählen zu können, hat für mich etwas unglaublich Sinnliches.

Kolb: Wenn man sieht, dass es doch wenige zeitgenössische Opern ins Repertoire schaffen, glauben Sie, dass TV im Speziellen oder Film und Bewegtbild das Format zeitgemäßer machen könnten?

Eva Mei als Violetta. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Eva Mei als Violetta. Foto: SF/Martin Stollenwerk

Marthaler: Ich habe kürzlich mit einem Freund von ARTE über dieses Thema geredet. Er sagt ganz klar, mit zeitgenössischen Opern hat man beim Fernsehen keine Chance – wirklich keine. Er sagt, wenn heute noch Musik – also klassische Musik oder eben Musiktheater – im Fernsehen gebracht wird, dann funktioniert das mit zehn Opern, da gehören „La Traviata“, „Die Zauberflöte“ und „Carmen“ dazu. Wenn die Netrebko singt, dann ist das okay. Das funktioniert so noch, ansonsten funktioniert da nichts mehr.

Da gehört natürlich auch dazu, dass die Musiksendungen an den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten im deutschsprachigen Raum massiv zurückgegangen sind. Der ORF hat vielleicht noch am meisten, weil er Vertragsbindungen mit Salzburg, Bregenz und den Wiener Philharmonikern hat. Aber in Deutschland und der Schweiz wird das sehr oft an 3sat delegiert. Vor dreißig Jahren gab es noch viel mehr Musiksendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Kolb: Das scheint fast unumkehrbar zu sein, oder?

Marthaler: Wenn, dann müsste man sich formal etwas einfallen lassen, um die Menschen wieder – auch jüngere Menschen – für Musik im Fernsehen zu begeistern. Das Publikum, das heute solche Übertragungen im Fernsehen schaut, ist ein altes. Wenn diese Leute sterben, wird sich das Publikumsinteresse stark ausdünnen.

Kolb: Für mich war Ihr Film „Das Lied von der Vergänglichkeit – Mahlers Sechste“ ein zentrales Erlebnis. Ist es nicht auch eine gute Idee, mit der Oper und dem Konzert ins Kino zu gehen? Es gibt ja beispielhaft Opern-Liveübertragungen im Kino, etwa aus der Met oder aus Covent Garden.

Marthaler: Das bedient die Event-Gelüste der Menschen. Es gibt Leute, die ziehen sich schön an, um ins Kino zu gehen und Oper zu schauen. Das hat eine ganz andere Funktion.

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