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Berichte
Zu laute andere Cats
Hans Werner Henzes „Englische Katze“ im Münchner Cuvilliéstheater
„Von Gestern für Heute“ sollte gelten, wenn ein 1983 uraufgeführtes Werk gewählt wird. Henze und Librettist Edward Bond wollten etwas ganz anderes als das seit 1981 in London und seit 1982 in New York überaus erfolgreiche Musical „Cats“ der überragenden Bühnen-Profis Webber und Nunn. Zwar fehlen in Henzes umfangreicher Münchner Aufführungsgeschichte die attackenreichen politischen Werke, während „Die englische Katze“ nun schon die zweite Einstudierung bekam. Doch mit 18 Katzenrollen ist das Werk ein echtes „Revier“ für das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper – nur leider mit zwei Enttäuschungen.

Hans Werner Henze, „Die Englische Katze“ mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper München.
Foto: Geoffroy Schied
Bond war bekannt dafür, gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen theatralisch zu entlarven. Genau die stecken auch im niedlichen Katzen-Milieu. Doch die deutsche Übersetzung von Ken Bartlett kommt allzu brav und „normal“ daher. Für die verlogene Abgründigkeit der im Zentrum stehenden, sich äußerlich arriviert gebenden Londoner Katzengesellschaft – die sich vegetarisch (!) als „Königliche Gesellschaft zum Schutz der Ratten“ inszeniert, aber auch hinterhältig, geldgierig und schließlich mörderisch zeigt –, dafür muss es in den über zwei Stunden Spieldauer mehr geben als die Sätze „Der Menschheit Schicksal ist der Mensch“, „Wer Rechtes will, darf dabei auch ein wenig Unrecht tun“ und über einen vermeintlichen Hochstapler: „Er ist reich genug, um zehnmal zu beweisen, dass er keiner ist!“ Bonds Text sollte also – ähnlich wie bei dem von ihm geliebten Shakespeare – neu übersetzt werden: sprachlich deftiger, bissiger und deutlich gesellschaftskritischer. In unserer Sprache ist so viel Ungeheuerliches sagbar geworden, und das sollten Fabel und Parabel kritisch vorführen. Der Abend verlief jedoch als nette Unterhaltung mit nettem Lug, Betrug und ein bisschen Mord. Regisseurin Christiane Lutz zeigte alle Tierfabel-Figuren ohne Barthaare, Fury-Mode und Krallen ganz bürgerlich „à la 1970“ (Kostüme Dorothee Joisten). Ein paar Tierpfoten-Bewegungen waren zu wenig.
Die zweite Enttäuschung war das Dirigat von Katharina Wincor. Es sei ihr zugestanden, dass sie sich als Gast an der Staatsoper beweisen will und mit dem heiklen Raum des Rokoko-Juwels „Cuvilliés“ nicht vertraut ist. Doch hat ihr kein Assistent bei den Bühnenendproben gesagt „Alles viel zu laut!“ und „Du deckst immer wieder die doch sehr guten Stimmen zu!“? Schade! Ausdrücklich auszunehmen sind das Liebesduett zwischen Minette und Tom und einige wenige Stellen mit Piano. Doch die raffinierte Klangmixtur Henzes mitsamt Euphonium und vielfältigstem Schlagwerk „gab nur was auf die Ohren“. Und da der Gesangstext folglich zu oft unterging, war man dankbar für die Übertitel.
Gelungen an dieser Produktion aber ist Christian Andre Tabakoffs Bühnenbild. Mit hereinfahrenden Räumen wie Schlafzimmer, Notarsbüro oder aus dem Rückraum kommenden Dachschrägen für nächtliche Katzen-Begegnungen bis hin zum Liebesduett schuf er eine beeindruckende Spiellandschaft. Darin bewies Regisseurin Lutz aktionsreiche und differenzierte Personenführung. Das ist auch als Lob für alle 14 Solisten gemeint: Da war ein bisschen Gesellschaftskarikatur sichtbar – aber so richtig böse entlarvend wurde es nicht.
Es überwog die Freude an durchweg guten bis sehr guten Stimmen – auch wenn hier nur das Pauschallob möglich ist. Aber gänzlich unangemessen wäre es, nicht doch herauszustellen, dass Iana Aivazian eine bezaubernde Sopran-Maus Louise gelang. Mit der kleinen, zarten Seonwoo Lee war auch eine Idealbesetzung für die ausgenutzte und schließlich ertränkte Minette zu erleben, deren Sopransüße ihre Liebe zum Landstreicher-Kater Tom blühen und strahlen ließ. Und auch Armand Rabot muss erwähnt werden, der als männlicher Kerl mit fast Schrank-Format diesen Tom glaubhaft machte und mit Bariton-Wärme beeindruckte. Ähnlich Gutes wäre von den zwölf anderen Solistinnen und Solisten zu sagen. Doch ihre Leistung wirkte nicht so recht: zu viel Orchester-Wums, zu wenig Text-Biss, zu wenig „unbequem entlarvende Parabel vom tierischen Menschen-Gestern ins enthumanisierte Heute“.
Wolf-Dieter Peter |