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Berichte
Inszenierung wie ein Wimmelbild
„Die Ameise“ von Peter Ronnefeld am Theater Bonn
Er war jüngster GMD in Deutschland und Assistent von Karajan, auch Harnoncourt hielt große Stücke auf ihn: Peter Ronnefeld, 1935 in Dresden geboren, Pianist, Dirigent und Komponist. Heute dürfte der Name dieses außergewöhnlichen Musikers nur noch wenigen Kennern vertraut sein, dabei war er ein musikalisches Wunderkind von immenser Begabung, mit unfassbarer Energie und einer enormen Produktivität. Diesen Eindruck bestätigt die Bonner Neuinszenierung im Rahmen der Reihe „Fokus ’33“. „Die Ameise“ erweist sich als ein schillerndes Kaleidoskop skurriler bis genialer musikalischer Einfälle. Zu der schrägen und zugleich vielschichtigen Geschichte eines Gesangsprofessors, der im Gefängnis einer Ameise das Singen beibringen will, kommt eine ebenso originelle wie raffinierte Partitur. Das Ergebnis ist ein Ereignis aus kluger Regie und packender musikalischer Umsetzung.

Peter Ronnefeld, „Die Ameise“, mit Dietrich Henschel, Ján Rusko und dem Chor des Theaters Bonn. Foto: Bettina Stöß
„Die Ameise“, seit 1969 erstmals wieder auf der Bühne zu sehen, wurde von Kateryna Sokolova mit sicherem Gespür für die surreale Erzählung und reale Bezüge umgesetzt. Die Inszenierung gleicht mitunter einem ebenso überbordenden wie vielschichtigen und komplexen Wimmelbild, in dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Nikolaus Weberns reduziertes, aber einfallsreiches Bühnenbild und Constanza Meza-Lopehandias expressive Kostüme formen zusammen mit den sängerisch und schauspielerisch ungemein intensiven Darstellerleistungen und dem differenziert aufspielenden Beethoven Orchester Bonn einen fesselnden Opernabend. Sokolova entwirft eindrucksvolle Szenen von großer atmosphärischer Dichte, dramaturgischem Tiefgang und zuweilen zutiefst symbolhafter Natur – sei es die geifernde Volksmenge im Gerichtssaal, einem wie der Gekreuzigte posierenden Gesangsprofessor Salvatore oder einer rein orchestralen Traumsequenz im letzten Akt, die ganz ohne Gesang nur durch die Wirkung von Musik, Bild und Darstellung trägt. Auch musikalisch ist der Abend ein Ereignis. Daniel Johannes Mayr führt das Beethoven Orchester Bonn mit präziser Leidenschaft durch die komplexe Partitur. Stilistisch entzieht sich diese Musik eindeutiger Zuordnung: Ronnefeld schöpft frei aus dem Reichtum der europäischen Musikgeschichte bis hin zu Messiaen und der Avantgarde und erschafft daraus eine Sprache ganz eigener Prägung – voller rhythmischer Raffinesse, überraschender Harmonien, ungewöhnlicher Instrumentierungen und zuweilen auch einer gehörigen Portion Humor und Anarchie. Die Musik stellt sich dabei stets in den Dienst der Handlung und wird von Orchester und Dirigent gleichermaßen sensibel wie differenziert und lustvoll umgesetzt.
Die Besetzung ist stimmlich wie darstellerisch herausragend. Dietrich Henschel wurde in Bonn bereits als Moses in Schönbergs „Moses und Aron“ gefeiert. Nun verleiht er dem Gesangsprofessor Salvatore eindrucksvolle Tiefe und eine enorm suggestive Präsenz. Nicole Wacker glänzt als dessen Schülerin Formica mit einer bis in höchste Höhen brillanten, wandlungsfähigen Sopranstimme und sichtbarer Spiellaune, auch ihre Darstellung ist ein Ereignis! Ebenso stark sind die Nebenrollen: Susanne Blattert gibt eine überspannte, das Rampenlicht durchaus liebende Mutter Formicas, Ralf Rachbauer glänzt als herrlich überdrehter Diener mit tenoraler Exaltiertheit, Ján Rusko überzeugt markant im gleichen Fach als Gefängniswärter und Mark Morouse mit wohlklingendem Bass als selbstgefälliger Gesangsprofessorenkollege. Für heitere Momente sorgen Carl Rumstadt und Tae Hwan Yun, die in einem hinreißend überdrehten und schrägen Duett unter anderem auf Kochtöpfen frappierende Akzente setzen.
In prägnanten Sprechrollen sind Roland Silbernagl und Svenja Wasser zu erleben. Eine zentrale dramaturgische Funktion übernimmt der von André Kellinghaus einstudierte, ebenso druckvoll wie sicher agierende Chor des Theaters Bonn, der als gierige Menge im Gerichtssaal oder im Varieté mit wuchtiger Präsenz auftritt. Das Ganze entwickelt eine szenische und musikalische Kraft, die schlicht überwältigt – ein Opernereignis von außergewöhnlicher Intensität.
Guido Krawinkel |