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Berichte
Schwindelfreie Jagd auf einen Hut aus Stroh
Nino Rotas „Il cappello di paglia di Firenze“ an der Opéra Royal de Wallonie-Liège
Das Pferd hat ganze Arbeit geleistet. Nur ein winziges Etwas ist übrig vom Strohhut der Anaide, und das bringt erst sie, dann ihren Galan in die Bredouille und schließlich auch Fadinard. Ausgerechnet am Tag seiner Hochzeit muss er retten, was zu retten ist: zunächst die Ehre der Gattin des herrschsüchtigen Beaupertuis und dann sein eigenes Glück. Denn Emilio, Anaides heimlicher Geliebter, droht ihm mit einem Duell, sollte er nicht ein passendes Pendant der vom Pferd gefressenen Kopfbedeckung auftreiben. Fadinard hat keine Wahl. Er folgt der Fährte des Huts. Quer durch Paris, mit dem Schwiegervater im Nacken und der Festgesellschaft auch. Er wähnt sich durchweg im falschen Film, bleibt aber bis zum Happy End letztlich immer Herr der Situation.

Nino Rota, „Il cappello di paglia di Firenze“ mit Ensemble und Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège. Foto: ORW-Liège/J.Berger
Die heitere Geschichte erzählt der italienische Komponist Nino Rota (1911–1979) in seiner komischen Oper „Il cappello di paglia di Firenze“. Das Libretto dieser Farce schrieb Rota gemeinsam mit seiner Mutter Ernesta auf der Basis der gleichnamigen Komödie von Eugène Labiche und Marc-Michel. Die Uraufführung fand 1955 im Teatro Massimo von Palermo statt. 2024 wurde Rotas Oper in Koproduktion mit dem Teatro Felice in Genua neu eingerichtet und nun an der Opéra Royal de Wallonie-Liège unter dem Saisonmotto „Sein – Schein“ neu inszeniert.
Einen langen Tag muss Fadinard (stimmlich wie darstellerisch große Klasse: Tenor Ruzil Gatin) die Fassade wahren, einfach tun, als sei alles in bester Ordnung – in Haus und Hof, im Herzen. Er täuscht vor, was er nicht ist: schon gar nicht der berühmte Geiger Minardi (Léonid Anikin). Und so liegen ihm im Salon der schönen Baronessa (Josy Santos) plötzlich Publikum und Paparazzi zu Füßen, ein lustig-dramatisches Highlight dieses Vierakters. Ein anderes: die Szene im Bad des Beaupertuis. Mit Grandezza und Stimmgewalt taucht Bariton Marcello Rosiello als Herr in der Wanne erst ab und dann wieder auf! Absolut authentisch und auch komödiantisch gezeichnet ist Fadinards Gegenspieler Nonancourt (grandios: Pietro Spagnoli), der Vater der Braut Elena (mit herrlich variablem Sopran: Maria Grazia Schiavo). Er denkt, niemand mache ihm etwas vor, steckt aber mit einem Mal in den Schuhen eines anderen.
Durchweg bewegt sich das auf jeder Position erstklassig besetzte Ensemble trittsicher und schwindel(!)frei auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Klamauk. Die Inszenierung von Damiano Michieletto konzentriert sich auf die Figuren, die sich auf einer spielbrettartigen schrägen Ebene in immer wieder neuen Konstellationen und räumlich veränderten Situationen finden. Sechs weiße Wände mit jeweils zwei Türen verengen oder weiten die Kulisse. Mal ist hinten vorn, wird das Drinnen zum Draußen, und niemand soll wissen, was auf der jeweils anderen Seite geschieht. Das Farbspektrum der Kostüme (Silvia Aymonino) und Bühnenbilder (Paolo Fantin) konzentriert sich auf Weiß mit starken roten Akzenten und einem Hauch von Violett. Diese Reduktion wirkt. Kunterbunt ist ja der Plot und vielfarbig die Musik. Musikalisch geht diese Oper in die Vollen. Nino Rota, Oscar-prämierter Filmmusikkomponist (u.a. „Der Pate“), spielt mit all dem, was er an motivischen und stilistischen Mitteln zur Verfügung hat; bestechend ist sein Sinn für Stimmung und Timing – beides setzt das Orchester der Lütticher Oper mit Brillanz und ansteckender Frische um. Auch vom Operngraben aus wird erzählt. Unter Leitung von Leonardo Sini entsteht ein absolut rundes Ganzes, in jedem Augenblick auf dem Punkt. Große Freude hat das Publikum dabei auch an den Auftritten des hochpräsenten Chors (Einstudierung: Denis Segond), dem man gern, zum Beispiel, auf seiner Tour de Force durch das Paris der 1850er-Jahre folgt.
Das Spektrum der Emotionen, die Oper bedienen kann, ist weit. Mit „Il cappello di paglia di Firenze“ setzt die Opéra Royal de Wallonie-Liège einen wohltuend heiteren Akzent. Ernsthaft!
Claudia Irle-Utsch |