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Berichte
Was hätte ich getan?
Premiere des Musicals „Sinalco“ am Landestheater Detmold
Heißt es Orange oder Apfelsine? Egal! Wenn man die Frucht verflüssigt, kommt ein wunderbar erfrischendes Getränk heraus: Sinalco. Am Landestheater Detmold hatte „Das Glück ist eine Orange. Sinalco – Das Musical!“ Premiere. Darin geht es nicht nur spritzig und fruchtig zu, sondern werden auch die Abgründe deutscher Geschichte thematisiert. Ein gelungenes Textbuch, schöne Musik und viel Stoff zum Nachdenken, Made in Germany.

„Sinalco“ am Landestheater Detmold mit Brigitte Bauma und Ensemble. Foto: Jochen Quast
„Von Detmold nach Dubai, von Neustadt bis Kuwait, von Lippe nach Laos, kein Weg ist uns zu weit, mit Euch und mit Ihnen und mit Apfelsinen!“ – Detmold ist sicher keine Stadt, deren Namen man bereits vor dem Ersten Weltkrieg in direktem Zusammenhang mit Dubai, Kuwait und Laos erwarten würde. Doch von hier aus startete ab 1902/03 die rasante Erfolgsgeschichte der Sinalco-Limonade. Zwar war bereits 1886 das heute weltweit bekannte Coca-Cola-Getränk erfunden worden, aber es konnte den Erfolgsweg der Sinalco (von lateinisch: sine alcohole = ohne Alkohol) nicht behindern.
Ein Getränk als musikalisches Sujet ist – nach Johann Sebastian Bachs Kaffeekantate und Daniel Behles Operette „Hopfen und Malz“ – eher selten. Im Fall von „Das Glück ist eine Orange“ ist das jedoch ein durchaus relevanter Aufhänger. Anlässlich seines zweihundertsten Geburtstages hatte das Landestheater Detmold bei Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text) ein Musical in Auftrag gegeben, das durchaus „kein Werbe-Musical werden muss und soll“. Herausgekommen ist ein Musical, das – dem Getränk entsprechend – viele wohltuende fruchtig-spritzige Seiten und Momente bietet. Es zeichnet die gleichermaßen regionale wie weltwirtschaftliche Geschichte der Firma nach, die vor gut 120 Jahren in der Detmolder Bahnhofstraße ihr Mutterhaus errichtete. Aber es geht auch um Menschen, die in ihren Charakteren und Problemen liebevoll und klar auskomponiert sind: hier die Entscheider in der Chefetage, dort die einzelnen Mitarbeiter, die die Seele des Betriebs ausmachen und ein Unternehmen durch ihre Arbeit erst am Leben erhalten.
Wer sich einen durch und durch unterhaltsamen Abend erwartete, wurde schnell eines Besseren belehrt. Die Geschichte des weltweit agierenden Unternehmens hat Höhen und Tiefen, glorreiche Zeiten im Guten wie im Schlechten. Da ist auf der einen Seite ein familiärer Betrieb mit großem innerem Zusammenhalt, in dem alle an einem Strang ziehen. Auf der anderen Seite geriert sich das Unternehmen auch als menschenverachtender NS-Vorzeigebetrieb, der mit Bespitzelung, Denunziation, Homophobie und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern Ängste schürt, die das Glück in der Orange vergällen.
Ein wesentlicher Teil des Musicals spielt in den 1940er- und 1960er-Jahren, in den tiefdunklen Zeiten des Nationalsozialismus und der Aufbruchsstimmung des Wirtschaftswunders. Für Komponist Zaufke sind diese beiden Zeitebenen reizvoll, weil sie für zwei unterschiedliche musikalische Idiome stehen: „Da haben wir einerseits die 1940er-Jahre mit dem humorigen Sound der Comedian Harmonists – und auf der anderen Seite die 1960er-Jahre mit einer Caterina Valente, die sich singend und tanzend zu Horst Buchholz aufs Moped gesellt.“ Aber auch die Breite dessen, was zu einem Musical gehört – „von intimer Ballade bis zu großer Revuenummer“ –, hat den 1966 in Bremen geborenen Komponisten gereizt, dieses Musical zu schreiben. Die Handlung startet in den 1960er-Jahren mit der Einstellung einer neuen Chefsekretärin, Franziska Hinkler (Sandra Leitner). Sie begreift schnell, dass nicht alles so ist, wie es scheint oder wie sie es von ihrer Mutter erfahren hat, weder bei Sinalco noch in Deutschland. Immer wieder macht die Handlung Zeitsprünge und zeigt die Verstrickungen des Unternehmens. – Zaufke und Lund gelingt ein großer und absolut sehens- und hörenswerter Wurf ohne pädagogischen Zeigefinger. Am Ende des Musicals fehlt die ganz große Schlussrevue und wird es nachdenklich. Vor dem eingefrorenen Schlussbild gilt Franziskas Gedanke ihr selbst: „Was hätte ich getan?“
Ralf-Thomas Lindner |