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Berichte
Kein Märchen, aber viel Menschliches
Peter Konwitschnys „theatralische Untersuchung“ von Richard Strauss’„Die Frau ohne Schatten“ am Theater BonnZugegeben: diese Aufführung verlangt Strauss-Kennern und Werktreue-Verfechtern einiges ab. Von ursprünglich viereinhalb Stunden Musik erklingen gerade zweieinhalb, es gibt weder kaiserliche Gärten noch Armutsromantik in der Färberhütte. Auch sonst bleibt in dieser Inszenierung so gut wie kein Stein auf dem anderen. Vom Pulp-Fiction-Kolorit in der Tiefgarage bis zum minutenlangen Sex im Behandlungszimmer einer Kinderwunschklinik wird alles aufgefahren und kein Klischee ausgespart. Das kann man mögen oder nicht, die feine Ironie herauslesen oder sich schlicht brüskiert fühlen. Dennoch gelingt am Theater Bonn mit dieser quasi zersägten „Frau ohne Schatten“ ein wunderbarer, eindringlicher und vor allem zutiefst menschlicher Opernabend.

Richard Strauss, „Die Frau ohne Schatten“ am Theater Bonn mit den Damen des Chores sowie Aaron Cawley, Aile Asszonyi, Anzhelika Bondarchuk, Alyona Guz, Valerie Haunz, Ruxandra Donose und Anne-Fleur Werner. Foto: Matthias Jung Die drei Protagonistinnen Amme, Färberin und Kaiserin erscheinen als leuchtend singende und hingebungsvoll agierende „Vollweiber“ im allerbesten Sinn. Wir begegnen großartig komischen und gleichsam anrührenden Momenten, wenn etwa im ersten Akt die Amme einen Geldkoffer minutenlang mit immer gewaltigeren Werkzeugen zu öffnen versucht und schließlich ein Pistolenschuss zum ersehnten Erfolg führt. Oder wenn Barak nach handfestem Ehekrach sich mit einem Kassettenrekorder am Ohr ins Bett zurückzieht und den Stimmen der Wächter sehnsüchtig wie seinem Lieblingsschlager lauscht: „Ihr Gatten in den Häusern dieser Stadt…“
Mit der Leitmotivik von Schwangerschaft und Geburt jongliert Regisseur Peter Konwitschny in raffinierter Hütchenspielermanier: Die Damen haben andauernd dicke Bäuche, und man glaubt, sie wären schwanger, bis sie sich das Kissen unterm Kleid plötzlich hervorziehen und später wieder drunterstecken, dabei aber jedes Mal komplett echt wirken. Wenn sie dann im zweiten Teil wirklich schwanger sind (wenn auch von den jeweils „falschen“ Männern), hat man nach den vielen Scheinschwangerschaften längst den Überblick verloren – und führen die Mittel des Theaters einmal mehr deutlich vor Augen, wie dicht alles Sein und alles Scheinen beieinander liegen.
Anne-Fleur Werner lässt als Kaiserin ihren ausdrucksvoll und bruchlos strömenden Sopran durch sämtliche Anforderungen der schwierigen Partie fließen. Ihr hingebungsvolles Spiel und ihr enormer körperlicher Einsatz runden ein tiefgehendes Rollenportrait aufs Schönste ab. Die Färberin der Aile Asszonyi stürmt, wütet und fegt über die Bühne, dass es eine wahre Freude ist. Darüber hinaus entfacht sie eine vokal hochdramatische Kraft, die ihresgleichen sucht. Als Amme präsentiert sich Ruxandra Donose souverän und klug gestaltend. Die Stimme des Falken erleben wir in der klangschönen und subtil agierenden Verkörperung von Alyona Guz. Aaron Cawley begeistert als Kaiser sowohl mit kraftvollen Spitzentönen als auch in den lyrischen Passagen. Der Barak von Giorgos Kanaris ertönt warm, ausgeglichen – und gern hätte man ihn auch in der ungestrichenen Fassung gehört.
Der Damenchor in der Einstudierung von André Kellinghaus darf als entzückend spielende und brillant singende Schwesternschar die nicht einfache Partie auf der Bühne präsentieren. Am Pult des Beethoven Orchesters beweist Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, dass die opulent instrumentierte Partitur selbst im größten Klangrausch noch durchhörbar bleiben und kammermusikalisch atmen darf. Johannes Leiacker schuf mit Bühnenbild und Kostümen erneut ein feinfühliges Meisterstück als unaufdringlichen Spielraum für Darsteller und Regie.
Konwitschny führt seine Figuren mit psychologischer Genauigkeit ebenso liebevoll wie radikal durch alle schrägen, neuralgischen und anrührenden Momente. Zwar schallen dem Regieteam am Premierenabend teils zornige Buhsalven entgegen, aber auch wenn das Regiekonzept nicht jedermann zu überzeugen vermochte, so bleibt dieser Opernabend trotz allem eine ebenso einleuchtende wie berührende Arbeit, deren sorgfältige und sichere Handschrift nach wie vor Maßstäbe in der Musiktheaterlandschaft zu setzen vermag.
Sybille Eichhorn |