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Berichte
Liebe besiegt den Teufel
Rimsky-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München
Einst groteske Zensur-Turbulenzen um das 1895 fertiggestellte Werk; zweimal Aufführungsverbot; Rettung der Uraufführung durch Transponierung der Mezzosopran-Zarin auf einen Bariton-Großfürsten in der Hofgarderobe einer Zarin, der ihre, beziehungsweise seine „goldenen Schuhe“ verschenkt … Im Werk nimmt dann Nikolai Rimsky-Korsakow künstlerische „Rache“: Drei Ortshonoratioren, darunter ein Diakon, besuchen eine allen sinnlichen Freuden zugetane „Hexe“, betrinken und verstecken sich voreinander in Kohlesäcken. Höflinge besingen formal banal die Zarin als „herrschende Frau“, aber das begeisterte Lied der Dorfburschen rühmt Oksana als die „fürstliche Schöne, vor der sich selbst die Herren neigen“.

Nikolai Rimsky-Korsakow, „Die Nacht vor Weihnachten“, an der Bayerischen Staatsoper München mit Tansel Akzeybek als Teufel und Ensemble. Foto: Geoffroy Schied
Daraus ließe sich eine bösentlarvende Inszenierung um Wintersonnenwende und Weihnachtsvorabend filtern. Doch Rimsky-Korsakow hat über Nikolai Gogols im slawischen Raum populäre Erzählung hinaus noch viel mehr geschaffen: einen turbulenten Mix aus Mythen, Teufel, Hexe, heidnischen Sonnenkulten und ukrainisch-christlicher Folklore in einer Dorfgemeinde. Geblieben ist die zunächst unerfüllte Liebe Wakulas, eines Schmieds, zur reichen, schönen, sich eitel spreizenden Oksana: Heiraten kann er sie nur, wenn er ihr ein Paar Schuhe der Zarin aus dem fast weltenfernen St. Petersburg bringt. Da kann nur der Teufel helfen…
Regisseur Barrie Kosky hat ein Faible für turbulente Aktion und Bühnen-Zauber. Die offene Bühne zeigt aber eine eher ärmliche Dorfgesellschaft von heute (Kostüme Klaus Bruns), die wartend plaudert und dann den Dirigenten mit Beifall empfängt. Später gruppiert sich der Staatsopernchor klanglich glänzend (Einstudierung Christoph Heil) auf den zwei Etagen eines dumpf braun-roten und befremdlich konstruktivistisch-modernen Halbrunds in der Art einer Zirkusarena oder von Shakespeares Globe Theatre oder einer abstrakten Häuserfront um einen Markplatz. Die unentschiedene Bühne von Klaus Grünberg erweist sich bald als Korsett, das der Weite der Handlung nicht genügt.
Zu dieser Schwäche kommt eine dramaturgische: Kosky lässt gleich die musikalische Einleitung von einem sich ironisch entlarvenden Teufel dirigieren, der dann aus einer Schachtel auf dem Souffleurkasten auch das erforderte glitzernde Schuhpaar präsentiert, darüber hinaus aber nicht zur inszenierenden, alles tragenden Figur wird. Kosky und Choreograph Otto Pichler bebildern all das. Sechs Tänzer und Akrobaten in Gespenstermasken tanzen mal um den Teufel und die Hauptfiguren, mal in befremdlichen Unisex-Kostümen Mazurka und Rituale, schließlich „unterhalten“ sie mit einer großen Akrobatik-Schleuder-Seil-Nummer. Ausgenommen Teufel und Liebespaar sind alle anderen Hauptfiguren in grotesk-bunten Fat-Suits kostümiert. Als final die Liebe triumphiert, stürmen Oksana und Wakula als „Brautpaar in Weiß“ zum volltönenden Schlussjubel herein.
Musikalisch kennt GMD Vladimir Jurowski all das aus seiner Kindheit: Vater Michael dirigierte einst die Ersteinspielung des Werks. Mit dem vielfältig aufspielenden Staatsorchester war der ganze Reichtum der Partitur zu hören: die Wodka-Trink-Linien, die Solo-Violine für das Edelstein-Geglitzer um die Schuhe, Cello-Trauer bei Oksanas Ängsten und dann natürlich die hierzulande wenig bekannten Koljada-Gesänge, dazu Anklänge an christliche Lieder zu Wintersonnenwende und Weihnachten im Kontrast zu Fanfaren um den Zarenhof. Auch vokal blieben keine Wünsche offen: Tansel Akzeybek gab dem Teufel Tenor-Schärfe; die differenziert tönenden Hauptfiguren wurden von Ekaterina Semenchuks Hexe Solocha und dem kapitalen Vater Tschub von Bassbariton Dmitry Ulyanov angeführt, überstrahlt von Tenor Sergey Skorokhodov als kernigem Wakula und Elena Tsallagova, die Anmut und Caprice mit Sopranglanz vereinte. Ob das die in der Vorweihnachtszeit dauerstrapazierten „Hänsel und Gretel“ verdrängen kann, muss sich in München erst noch erweisen. Der Regie-Zauber desselben Werks von Christof Loy in Frankfurt – erfreulicherweise greifbar auf Naxos Bluray (NBD0154V) – stellt sich jedenfalls nicht ein.
Wolf-Dieter Peter |