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Berichte
Täterprofil als „Musik der Achtsamkeit“
Kaija Saariahos letzte Oper „Innocence“ in Nürnberg
Die Figurenzeichnung der Regie von Generalintendant Jens-Daniel Herzog ist so zielsicher strukturiert wie ein guter Krimi. Auch Mathis Neidhardts in zwei Hemisphären geteilter Bühnenraum setzt deutlich Schwarz gegen Weiß. Man vermutet eine pointierte Kontrastierung von mindestens zwei Zeitebenen über den Amoklauf eines finnischen Schülers, dessen Haftstrafe und die Blessuren der Hinterbliebenen. Sofi Oksanens finnisches Originallibretto und Aleksi Barrières Textstücke aus neun europäischen Sprachen entschlüsseln zwar Hergang, Hintergrund und Motive des gewaltsamen Todes von neun Mitschülern und eines seine Stieftochter missbrauchenden Lehrers, doch ein Rest Geheimnis bleibt in Kaija Saariahos letzter Oper „Innocence“.

Kaija Saariaho, „Innocence“, am Staatstheater Nürnberg mit (von links) Taras Konoshchenko, Julia Grüter, Martin Platz, Chloë Morgan sowie im Hintergrund Manuel Ried, Lou Denès, Fredrika Brillembourg, Caroline Ottocan und Emanoel Velozo. Foto: Bettina Stoes
Zehn Jahre nach der Untat feiert die sozial geächtete Familie in bedrückender Atmosphäre die Hochzeit der Rumänin Stela mit Tuomas, dem Bruder des vor kurzem aus der Strafe entlassenen Täters. Die Szenen springen zwischen Festtafel, Erinnerungen und dem Tatort Klassenzimmer. Die Kellnerin Tereza hat beim Amoklauf ihre Tochter Markéta verloren. Weitere Opfer und Überlebende offenbaren eine Reihe persönlicher Attacken gegen den Täter, so dass sich die wertende Balance verschiebt, obwohl der Täter keine Stimme erhält und nach dem ausdrücklichen Willen der Komponistin nicht auftreten darf.
Saariahos schwebende „Musik der Achtsamkeit“ entwickelt sich in meist kleinen Intervallen und feinen Übergängen von Sprechtext in Gesang, dazu einem irisierenden Gemisch aus weicher Instrumentation und pointierten Schlagwerkeffekten. Das episch-dramatische Partiturgewebe von 105 Minuten Dauer könnte zu einem vom Publikum mit ehrlicher, gebannter Spannung aufgenommenen Erfolg werden, nicht nur in Nürnberg.
Herzogs Regie zeigt eine Reihe von psychologisch genauen Bewegungen der Mitschüler Lilly (Caroline Ottocan), Anton (Manuel Ried), Jerónimo (Emanoel Velozo) und Alexia (Martha Sotiriou) sowie der Lehrerin (Fredrika Brillembourg). Besondere Bedeutung hat Terezas Tochter Markéta (Erika Hammarberg), die mit finnischer Folkstimme hämische Spottlieder gegen den Täter erfand, und Iris (Lou Denès), die ihn bei Schießübungen filmte und – wie der Bräutigam – keinen Mut zur brutalen Eigeninitiative aufbrachte.
Im stillen Fluss gerät gerade jene Figur etwas beiläufig, auf die sich der Titel des Werks bezieht, die Braut Stela (unauffällige Lichtfigur im Schatten: Julia Grüter). Sie stellt sich die essenzielle Frage, ob sie wirklich mit ihrem Bräutigam zusammenbleiben will. Saariahos tastende Klangsprache verhindert affektive Schuldzuweisungen und zeigt durch die Besetzung der Schwiegereltern mit Charakterbariton (Jochen Kupfer) und lyrischem Sopran (Chloë Morgan) die noch immer keine Worte und angemessene Töne findende Bestürzung, Ratlosigkeit und lähmende Verzweiflung. Weil Herzog eine kriminologische Linearität entwickelte, fallen weiße Flecken im dramatischen Konstrukt von Saariahos Oper umso deutlicher auf – etwa die ritualisierte, keineswegs vertiefte Anteilnahme des Priesters (Philipp Kranjc als Einspringer aus der Gelsenkirchener Produktion) und die hilflos wirkende Verzweiflung des Bräutigams. Martin Platz setzt in dieser zerrissenen Figur ein imponierend karges und absichtlich dünnblütiges Porträt. Kapellmeister Jan Croonenbroeck leitet mit absichernder wie sparsamer Zeichengebung durch die Partitur. Die Staatsphilharmonie Nürnberg betont in der 2021 beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten und bisher am Musiktheater im Revier und an der Semperoper Dresden nachgespielten Oper das Mikromosaik und Fragmentierte der Komposition. Kantiger Fluss verdichtet die Unerbittlichkeit, vor allem den immer schmerzlicheren Läuterungsprozess Terezas (zutiefst expressiv: Almerija Delic). Der Chor des Staatstheaters Nürnberg unter Tarmo Vaask steigert die Erschütterung zum säkularen Requiem.
Roland H. Dippel |