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Berichte
Schürzenjäger unter lebenden Statuen
Mozarts „Don Giovanni“ im Teatro Olimpico in Vicenza
Auf der Bühne erhebt sich eine prächtige Palastfassade mit Triumphbogen, hinter der lange Gänge scheinbar endlos in die Tiefe fluchten. Die von Iván Fischer geleiteten Opernfestspiele im norditalienischen Vicenza finden vor einer wahrlich spektakulären Kulisse statt. Das Teatro Olimpico aus dem späten 16. Jahrhundert – entworfen vom berühmten Renaissance-Architekten Andrea Palladio – gilt als ältestes überdachtes Theater der Welt. Palladios Schüler Vincenzo Scamozzi vollendete den von der Antike inspirierten und inzwischen als UNESCO-Weltkulturerbe geschützten Bau.

Wolfgang Amadeus Mozart, „Don Giovanni“ im Teatro Olimpico Vicenza. Foto: Alberto Storti
Vor der illusionistischen Bühnenarchitektur führte Fischer mit hervorragenden Solisten, dem Budapest Festival Orchester und Tänzern seiner Opernkompagnie Mozarts „Don Giovanni“ auf. Der ungarische Dirigent übernimmt bei seinem Festival auch die Inszenierungen. Dabei verzichtet er bewusst auf provokante Regieeffekte. „Ich möchte einfach ,Don Giovanni‘ machen – so, wie er ist. Ich weiß, dass ich damit allein stehe“, sagte er vorab in einem Interview mit der FAZ. Er finde es schizophren, dass der Regisseur alles auf den Kopf stellen dürfe, während die Musiker dem Urtext folgten wollten.
Die Protagonisten der Oper wurden von tanzenden Pantomimen und Akrobaten begleitet, so als wären die vielen steinernen Statuen im Theater plötzlich zum Leben erwacht. Immer wieder erklommen die Mitwirkenden zwei drehbare Podeste als einziges Beiwerk auf der Bühne. Andrea Tocchios Lichtdesign sorgte für wohldosierte Hell-Dunkel-Kontraste, und die Kostüme von Anna Biagiotti passten sich harmonisch in die Szenerie ein. Durch den Verzicht auf visuelle Schockmomente erreichte Fischer, dass die Musik den ganzen Abend über unangefochten im Fokus stand.
Der charismatische Bariton André Schuen aus Südtirol überzeugte stimmlich und schauspielerisch in der Titelrolle des notorischen Schürzenjägers. Seinen Diener Leporello verkörperte der Bassbariton Luca Pisaroni mit Witz und großer Vitalität, die aber nie in Klamauk umschlug. Die Sopranistin Miah Persson brillierte als von Don Giovanni schnöde verlassene Donna Elvira. Als ideale Besetzung für die tragische Rolle der Donna Anna erschien die Sopranistin Maria Bengtsson, wie Persson eine der weltweit führenden Mozart-Interpretinnen.
Für Giulia Semenzato sprang kurzfristig Samantha Gaul als Zerlina ein. An der Seite ihres Bräutigams Masetto, gesungen von Daniel Noyola, brachte sie einen Hauch von Frische in die Düsternis der Oper. Bernhard Richter gab Don Ottavio, und Krisztián Cser interpretierte eindrücklich den von Don Giovanni gemeuchelten Commendatore, der den Wüstling schließlich ins Verderben schickt – die einzige Statue, die Mozart tatsächlich in seiner Oper vorgesehen hat.
Das vorzügliche Festivalorchester bot einen weichen, transparenten Klang und eine gute Balance zwischen den Instrumentengruppen. Fischer entschied sich für die sogenannte Wiener Fassung der Oper, die bereits mit Don Giovannis Höllenfahrt endet, ohne das moralisierende Schluss-Sextett. Nach der Premiere in Vicenza – wie alle Folgevorstellungen schon lange ausverkauft – spendeten die Zuschauer, unter ihnen viele Gäste aus dem Ausland, begeistert Applaus.
Am Rande der Proben in Budapest hatte Fischer bereits deutlich gemacht, warum ihm die in der Wiener Fassung getilgte „scena ultima“ scheinheilig vorkommt: „Im Grunde ist Don Giovanni ein Symbol für völlige Freiheit“, erklärte er in einem Videointerview. Und die Statue des Komtur stehe für die Gesellschaft, die solche Grenzüberschreitungen nicht zulassen wolle. Das Publikum solle erkennen, dass es einerseits von Don Giovanni angezogen sei und ihn am Ende dennoch in die Hölle schicke.
Auf Initiative einer Unterstützerin des Festivals entwickelte der Komponist und Arrangeur Federico Pelle außerdem den musikalischen Stadtrundgang „Walking Mozart“, der durch das Zentrum von Vicenza führte. Auf einem Platz konnten die Teilnehmer auf zwei Großleinwänden eine „Don Giovanni“-Vorstellung verfolgen, die per Livestream aus dem Teatro Olimpico übertragen wurde.
Corina Kolbe |