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Aktuelle Ausgabe

Herausforderung Kultur 2026
Editorial von Gerrit Wedel

Kulturpolitik

Brennpunkt
Kultur unter Haushaltsvorbehalt: Zusammenschlüsse gegen Kürzungen in Ländern und Kommunen

Auf ein Wort mit...
Theater im Theater lernen – Andreas Schmidt und Balázs Kovalik als Leiter des Masterstudiengangs Musiktheater/Operngesang der Bayerischen Theaterakademie August Everding

Skandale, Brüche, Ruhm, Vermächtnis
2026 feiert man den hundertsten Geburtstag von Hans Werner Henze

Ästhetik der Vielfalt
Die Choreographin Gerda König und ihre DIN A 13 tanzcompany

Berichte

Zu laute andere Cats
Hans Werner Henzes „Englische Katze“ im Münchner Cuvilliéstheater

Inszenierung wie ein Wimmelbild
„Die Ameise“ von Peter Ronnefeld am Theater Bonn

Kein Märchen, aber viel Menschliches
Peter Konwitschnys „theatralische Untersuchung“ von Richard Strauss’„Die Frau ohne Schatten“ am Theater Bonn

Schwindelfreie Jagd auf einen Hut aus Stroh
Nino Rotas „Il cappello di paglia di Firenze“ an der Opéra Royal de Wallonie-Liège

Königin-Bass und instrumentales Glitzern
Riesenerfolg an der Semperoper mit Hans Abrahamsens „The Snow Queen“

Was hätte ich getan?
Premiere des Musicals „Sinalco“ am Landestheater Detmold

Liebe besiegt den Teufel
Rimsky-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München

Schürzenjäger unter lebenden Statuen
Mozarts „Don Giovanni“ im Teatro Olimpico in Vicenza

Täterprofil als „Musik der Achtsamkeit“
Kaija Saariahos letzte Oper „Innocence“ in Nürnberg

Zwischen Krimi und Psychogramm
„Cardillac“ von Paul Hindemith am Aalto-Theater Essen

Marionetten der Manipulation
Die experimentelle Montage „Mensch Masse Macht“ beim Taschenopernfestival Salzburg

Oper für das 21. Jahrhundert
Der Siegerentwurf für die neue Staatsoper Hamburg

Tanzen in Theorie und Praxis
Zur neuen Buchpublikation „Die Philosophie des Tanzens“

Ein Theaterspaß für Groß und Klein
„Alice’s Adventures in Wonderland“ mit dem Royal Ballet

Liebe gegen Teufel
Rimsky-Korsakow: „Die Nacht vor Weihnachten“, Ensemble der Oper Frankfurt

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Spielpläne 2025/2026

Hintergrund

Skandale, Brüche, Ruhm, Vermächtnis

2026 feiert man den hundertsten Geburtstag von Hans Werner Henze

Von Roland H. Dippel

Das Henze-Jahr 2026 beginnt in Deutschland mit mehreren Konzertleuchttürmen: Simon Rattle dirigiert am 6. und 7. Februar in der Münchener Isarphilharmonie „Das Floß der Medusa“ in der Reihe musica viva. Es folgen die „Sinfonia N. 8“ unter Sylvain Cambreling mit den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle am 22. Februar und die „Sinfonia N. 9“ unter Vladimir Jurowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie am 24. Februar. Werke wie „Tristan – Preludes“ für Klavier, Tonbänder und Orchester wurden mit Igor Levit und dem Gewandhausorchester eingespielt und erklingen beim Musikfest Berlin 2026. Der am 1. Juli 1926 in Gütersloh geborene und am 27. Oktober 2012 in Dresden verstorbene Hans Werner Henze ist in seinem Jubiläumsjahr überaus präsent. Doch die lebhafte und greifbare Präsenz erzeugt im Falle dieses zuerst polarisierenden und später als epochale Persönlichkeit gewürdigten Komponisten, Festivalgründers und Lehrers das trügerische Gefühl von Wissen und Selbstverständlichkeit. Dabei wurde Henze in jungen Jahren und auch später oft missverstanden.

Konformismus und Satire

Henze beim Komponieren von „Gisela!“ in seinem Arbeitszimmer auf La Leprara, 2010. Foto: Hans Werner Henze-Stiftung

Henze beim Komponieren von „Gisela!“ in seinem Arbeitszimmer auf La Leprara, 2010. Foto: Hans Werner Henze-Stiftung

Henzes zahlreiche Opern, Ballette und szenische Kantaten sind in der Spielzeit 2025/26 kaum auf den Spielplänen zu finden. Die Salzburger Sommerfestspiele 2026 ehren ihn mit einer konzertanten Aufführung von „Der Prinz von Homburg“. Bis dahin ist „Die englische Katze“ mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper im Cuvilliéstheater München die einzige Inszenierung einer seiner Opern. Die im November 2025 herausgekommene beißende Satire über Korruption, Opportunismus, Doppelmoral und Anbiederung bleibt leider weit hinter dem zurück, was Henze und der Dramatiker Edward Bond in ihrer Adaption von Honoré de Balzacs Novelle „Herzeleid einer englischen Katze“ im Schilde führten. Die Inszenierung von Christiane Lutz spielte mit von Dorothee Joistens smarten Kostümen unter anderem in einem Vereinsraum, wo sich mehr oder weniger alle Figuren ähneln. Aus der 1983 im Schlosstheater Schwetzingen uraufgeführten „Geschichte für Sänger und Instrumentalisten in zwei Akten“ wurde ein eher mattes Konversationsstück über die Geschichte der Katze Minette, die im Umgang mit dem Kater Tom an ihrem Gutkatzentum scheitert, sich damit eine gutbürgerliche Heirat verbaut und zum wirtschaftlichen Vorteil der Katzen-Community hinrichten lässt.

Regisseurin Lutz und Dirigentin Katharina Wincor mit dem Bayerischen Staatsorchester wollten nicht hinter den glatten Fluss der virtuos komponierten Partitur blicken. So wirkte die formidable Nummernopern-Fortführung älterer Muster etwas anämisch. Dabei gab Henze in seinen umfangreichen Schriften gut zu verstehen, auf was es ihm ankam. Über „Die englische Katze“ veröffentlichte er sogar ein ganzes „Arbeitstagebuch 1978 bis 1982“. Wenn Minette sich einredet, „vor solchen Männern gewarnt zu sein“, ist das mehr als schlichter Gehorsam vor der Konvention. Seonwoo Lee singt und spielt die Partie akkurat, kann aber nicht emotional berühren. Es wird nicht recht erkennbar, dass Minette sehr wohl von der Attraktivität des Katers Tom (Armand Rabot) beeindruckt ist und dass sie im schmalen Zwischenraum von moralischer Selbstsicherheit und Verführungsgefahr einen Fehler macht. Schade. Immer wenn die Figuren anderes nach außen zeigen als sie meinen oder tatsächlich beabsichtigen, bleibt die Figurenzeichnung Lutz’ von harmloser Gediegenheit. Eine dem Verzehr von Mäusen abschwörende Katzen-Gemeinschaft mit Quoten-Ratte im Club sollte vorsichtig machen. Henze und Bond setzten feine Spitzen gegen einen mitunter paradoxen Konformismus. Der Komponist selbst wollte ein Doppelleben vermeiden und war doch zu einem solchen wiederholt gezwungen.

Polarisierungen

Henze machte es sich nicht leicht. Wenn er Schönheit und Musik vergötterte, war das keine Naivität. Ganz im Gegenteil: Komponierte Schönheit und Poesie entstanden bei ihm in Synergie und Kämpfen mit den penibel erarbeiteten Textbüchern prominenter Autor:innen. Ein Beispiel ist die Szene der Luise in der Oper „Der junge Lord“ nach Wilhelm Hauff mit dem Textbuch von Ingeborg Bachmann (1965). Henze schrieb bereits 1963: „Die Musik scheint sich ihres Machtanspruchs zu begeben, das Bühnenbild stagniert in Praktiken, die noch nicht alt genug sind, um historisch zu sein und doch zu alt, um dem zu entsprechen, was neuer Musik entspräche. Es verweilt bei den gewussten Dingen, ist nicht mehr das geeignete Gefäß für die neuen Klänge und diesen Klängen entspricht der Ausdruck der Darsteller nicht mehr. Alles scheint auseinanderzufallen, zusammengehalten nur noch durch oberflächliche Verabredung. Wir haben eine alternde Moderne, aber auch zur Renaissance scheint es noch früh.“

Henze, „Die Englische Katze“ an der Bayerischen Staatsoper 2025, mit Nontobeko Bhengu, Jess Dandy, Iana Aivazian und Elene Gvritishvili (v.l.n.r.). Foto: Geoffroy Schied

Henze, „Die Englische Katze“ an der Bayerischen Staatsoper 2025, mit Nontobeko Bhengu, Jess Dandy, Iana Aivazian und Elene Gvritishvili (v.l.n.r.). Foto: Geoffroy Schied

Als er dies schrieb, war Henze 37 Jahre alt, hatte schon viele Erfolge und einige Skandale hinter sich – zum Beispiel heftige Publikumserbosungen bei der Uraufführung seines „König Hirsch“ an der Städtischen Oper Berlin 1956. Wenig später folgte die Uraufführung seiner „Nachtstücke und Arien“ nach Gedichten von Ingeborg Bachmann bei den Donaueschinger Musiktagen 1957, die zum Bruch mit den damaligen Avantgardisten Boulez, Nono und Stockhausen führte, als diese demonstrativ den Saal verließen. Diesen Eklat betrachtete Henze letztlich als Befreiung von den formalen Diktaten der ambitionierten Avantgarde. Vor ihm lagen nun Jahre, in denen er einerseits vom konservativen Bürgertum der Bundesrepublik Deutschland aufgrund seiner Sympathien mit dem Kommunismus kritisch betrachtet, andererseits von musikalisch und auch politisch radikalen Gruppen zum Kultur-
Estab­lishment gezählt wurde. Höhepunkt der Polarisierung war die NDR-
Uraufführung seines Oratoriums „Das Floß der Medusa“ am 9. Dezember 1968 in Hamburg, obwohl die Widmung an den Freiheitskämpfer Che Guevara in deren Umfeld nicht genannt wurde. Die von Henze mit Sympathie betrachteten Studentenunruhen befeuerten den Eklat. Die Live-Übertragung im Rundfunk wurde abgebrochen und stattdessen die Aufnahme der Generalprobe gesendet.

Lehrer und Förderer

Im Rückblick wirkt es, als habe Henze in seiner zweiten Lebenshälfte die in der Mitte des 20. Jahrhunderts auseinandergedrifteten künstlerischen und moralischen Fronten nicht zu versöhnen, wohl aber in Diskursnähe zu bringen versucht. Neben seinem Komponieren wurden Tätigkeiten als Festivalgründer und Lehrer immer wichtiger. Eine ganze Reihe der von ihm unterrichteten und geförderten Komponierenden sind heute aktiv, darunter Detlev Glanert, Jörg Widmann, Jan Müller-Wieland, Mark-Anthony Turnage und andere. Bei der von Henze 1976 gegründeten und bis 1981 von ihm geleiteten Fondazione Cantiere d‘Arte Montepulciano kommt derzeit allerdings nicht Henzes Kinderoper „Pollicino“, sondern Mascagnis „Cavalleria rusticana“ zur Aufführung.

Doch die Stiftung ist immer noch aktiv. Vor allem aber hat sich die von Henze gegründete und 1988 erstmals stattgefundene Münchener Biennale für Neues Musiktheater als Hotspot aktueller Strömungen behauptet. Unter dem neuen Leitungsduo Katrin Beck und Manuela Kerer geht dieses international wichtige Festival mit interaktiven Begegnungsformaten, Eigen- und Koproduktionen 2026 in die zwanzigste Ausgabe. Henzes Absicht war es, mit Aufträgen an jüngere Komponierende Bühnenwerke zu entwickeln, die im regulären Spielbetrieb auch kleinerer Musiktheater ohne außergewöhnlichen Aufwand realisiert werden konnten. „Stallerhof“ von Gerd Kühr, „Bremer Freiheit“ von Adriana Hölszky und „Greek“ von Mark-Anthony Turnage wurden zu dauerhaften Erfolgen. So wirkt Henzes imponierender Aktionsradius bis heute.

Ein Jubiläum ermöglicht Vergleiche der Gegenwärtigkeit kompositorischer Vermächtnisse gemessen an Aufführungen und öffentlicher Wahrnehmung. Im Vergleich zu ähnlich bedeutenden Komponisten der Generation vor ihm ist Henze auf den Konzertprogrammen und Musiktheaterspielplänen mit einem weitaus breiteren Werkspektrum präsent. Zum hundertsten Geburtstag von Carl Orff 1995 hatte sich dessen Repertoire schon maßgeblich auf den Evergreen „Carmina burana“ sowie die Opern „Die Kluge“ und „Der Mond“ verengt. Zum hundertsten Geburtstag von Werner Egk 2005 erlebten fast nur dessen Opern „Die Zaubergeige“ und „Der Revisor“ Aufführungen, um danach wieder zu verschwinden. Anders dagegen Opern von Henze: „The Bassarids (Die Bassariden)“ kamen im 21. Jahrhundert in ambitionierten Produktionen bei den Salzburger Festspielen, in Mannheim, München, Rom, Madrid, Hannover und an der Komischen Oper Berlin heraus. Die bei den Salzburger Festspielen 1966 uraufgeführte Oper hat einen großen Chorpart und thematisiert als Adaption der Euripides-Tragödie „Die Bakchen“ wie Disziplin in einem restriktiven Gesellschaftsklima gegenüber rauschhafter Entfesselung letztlich unterliegt. Henzes Vertonung von „Der Prinz von Homburg“ in der Libretto-Fassung von Ingeborg Bachmann ist seit der Hamburger Uraufführung 1960 als eine der wichtigen Kleist-Vertonungen etabliert.

Bleibende Präsenz

Bei Henze sind Metamorphosen der Erfolgsgeschichte erkennbar. Zu seiner Lebenszeit waren es vor allem bürgerliche Sujets wie die Opern „Der junge Lord“, ferner die „Manon Lescaut“-Adaption „Boulevard Solitude“ mit ihrer Verschiebung der Handlung aus dem frühen 18. Jahrhundert in die Gegenwart des Uraufführungsjahres 1952 und auch „Die englische Katze“, die zu großen Bühnenerfolgen wurden. Die „Elegie für junge Liebende“ mit der für Dietrich Fischer-Dieskau komponierten Partie des Dichters Gregor Mittenhofer reüssierte zuletzt in Hochschul-Produktionen in Wien und Stuttgart. Heute ist auch Henzes Mishima-Vertonung „Das verratene Meer“ erfolgreich, und zwar in der während der Covid-Pandemie gestreamten Premiere an der Wiener Staatsoper 2020 unter Simone Young und bei der japanischen Erstaufführung in Tokyo 2023.

Henze mit Fausto Moroni, München 1988. Foto: unbekannt/Hans Werner Henze-Stiftung

Henze mit Fausto Moroni, München 1988. Foto: unbekannt/Hans Werner Henze-Stiftung

Trotzdem gibt es noch Wissenslücken im Henze-Kosmos. „König Hirsch“ gelangte 1956 in der auf siebzig Prozent der Partitur gekürzten Fassung „Il re cervo oder Die Irrfahrten der Wahrheit“ in Berlin zur Uraufführung. Erst 1985 folgte in Stuttgart die ungekürzte Fassung, die in Hannover in der Spielzeit 1996/97 mit großem Erfolg nachgespielt wurde. Die aus Henzes Begeisterung für Italianità entsprungenen Bearbeitungen von Paisiellos Opern „Il re Teodoro di Venezia“ und „Don Chisciotte“ dürften angesichts der aktuellen Vorliebe für historisch informierte Aufführungspraxis kaum Chancen auf Wiederaufführungen haben. Henzes „freie Rekonstruktion“ von Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ für die Salzburger Festspiele 1985 überraschte mit der Verwendung eines Banjo als einer exotischen Farbe zwischen den Ohren der Gegenwart und artifizieller Archaik. Das frühere Skandal-Opus „Das Floß der Medusa“ eröffnete 2023 in der Regie von Tobias Kratzer die Reihe von Aufführungen der Komischen Oper Berlin im Flughafen Tempelhof.

Homosexualität

Unter den wichtigen queeren Komponisten, die zwischen den Weltkriegen geboren wurden, hat Henze auch für die schwule Emanzipation seit 1980 eine wesentliche Bedeutung. In seiner Familie ging er zwangsläufig in Distanz zu seinem ihn ablehnenden Vater und fand schon früh in der Musik- und Kunstszene eine ihm gemäße Lebensform. Nach Erscheinen des Briefwechsels mit Ingeborg Bachmann 2004 kann man Henzes Freundschaft zu der äußerst sensiblen Dichterin ebenso als Bestätigung einer besonderen Affinität zweier Außenseiter betrachten und nicht nur als Schutzschild in einer heteronormativ fokussierten Gesellschaft. Der Bruch mit der Avantgarde sowie sein Beitritt in die kommunistische Partei Italiens und sein Spätwerk ohne provokative Angriffslust machten Henze verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verdächtig. Sein Werk handelt in indirekter Transformation von Blessuren, die queere Menschen im 20. Jahrhundert vor Entfaltung der Gay-Pride-Bewegung in weit stärkerem Maße betrafen. Es ist also kein Zufall, dass Henze neben seiner Tätigkeit an der Kölner Musikhochschule seit Mitte der 1980er-Jahre durch die Münchener Biennale und regelmäßige Aufführungen in der bayerischen Landeshauptstadt ein künstlerisches Zentrum mit hoher Akzeptanz fand. Nach 1980 setzte dort neben der rigorosen HIV-Politik eine urbane Selbstbefragung und Kritik am Image als konservative Kulturmetropole ein. Es entwickelte sich ein liberales, internationales und diskursoffenes Flair mit zunehmender Öffnung für queere Positionen. In diesem Klima fand Henze nicht nur als arrivierter Komponist Anerkennung, sondern auch durch sein Leben als oppositionelle Persönlichkeit gegen den Konservatismus der Nachkriegszeit. Dennoch war damals auf dem offiziellen Parkett die gleichwertige Präsenz queerer Paargemeinschaften noch nicht möglich. Als Henze 1993 die Medaille „München leuchtet“ überreicht wurde, saß sein Lebenspartner und Adoptivsohn Fausto Moroni nicht neben ihm, sondern im Publikum.

Bleibende Relevanz?

Henze, „Der Junge Lord“, an der Deutschen Oper Berlin 1965 mit Loren Driscoll als Lord Barrat und Edith Mathis als Luise. Foto: Ilse Buhs/ Deutsches Theatermuseum München

Henze, „Der Junge Lord“, an der Deutschen Oper Berlin 1965 mit Loren Driscoll als Lord Barrat und Edith Mathis als Luise. Foto: Ilse Buhs/ Deutsches Theatermuseum München

In der DDR-Zeit zählte Henze zum bürgerlichen Spektrum der kapitalistischen Staaten. Erst nach der Wiedervereinigung wurde er in den neuen Bundesländern auch aufgrund seines politischen Bekenntnisses zum Kommunismus anerkannt, nicht zuletzt wegen seiner über Mauergrenzen hinweg bestehenden Freundschaft mit dem Künstlerehepaar Paul Dessau und Ruth Berghaus, die das Magazin „Der Spiegel“ doppelzüngig als „Luxusdissidentin“ titulierte, während sie als Regisseurin sowohl an ostdeutschen wie westlichen Opernhäusern hoch angesehen war. Die Uraufführung von Henzes letztem Musiktheaterstück „Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“ in Gladbeck in der Regie von Pierre Audi war eine Koproduktion der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 und der Semperoper Dresden in der Regie von Elisabeth Stöppler. Es ist ein doppelbödiges Stück über platzende Sehnsuchtsträume von Italien und dem Dableiben in NRW. Die Komposition des damals längst weltweit arrivierten 84-Jährigen schlägt indirekt einen Bogen zu seiner Musik für Bernhard Sinkels „Taugenichts“-Verfilmung von 1977. Denn auch dieser Reflex auf die 1968er-Bewegung nach der Novelle von Joseph von Eichendorff zeigt eine Reise nach Italien und zurück. Wer in Henzes riesigem und für einen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts außerordentlich produktivem Schaffen nur elegante Oberfläche und genrespezifische Glätte vermutet, irrt. Doch mit zunehmendem Abstand zur Entstehung erschließen sich aus der Perspektive einer Gesellschaft mit Geschlechterdemokratie nicht mehr ohne weiteres die latenten Konfliktfelder seiner Sujets. Auch deshalb verfehlt die Münchner Neuproduktion von „Die englische Katze“ die diskursiven Möglichkeiten und Angebote dieser Oper. Es bleibt spannend, wie sich die Rezeption von Henzes Werken in den nächsten Jahren entwickeln wird – und mit welcher Intensität die Risse seines Lebens für eine sich derzeit rapide wandelnde Gesellschaft Relevanz behalten.

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