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Zu laute andere Cats
Hans Werner Henzes „Englische Katze“ im Münchner Cuvilliéstheater

Inszenierung wie ein Wimmelbild
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Kein Märchen, aber viel Menschliches
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Schwindelfreie Jagd auf einen Hut aus Stroh
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Königin-Bass und instrumentales Glitzern
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Schürzenjäger unter lebenden Statuen
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Täterprofil als „Musik der Achtsamkeit“
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Zwischen Krimi und Psychogramm
„Cardillac“ von Paul Hindemith am Aalto-Theater Essen

Marionetten der Manipulation
Die experimentelle Montage „Mensch Masse Macht“ beim Taschenopernfestival Salzburg

Oper für das 21. Jahrhundert
Der Siegerentwurf für die neue Staatsoper Hamburg

Tanzen in Theorie und Praxis
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Ein Theaterspaß für Groß und Klein
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Liebe gegen Teufel
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Marionetten der Manipulation

Die experimentelle Montage „Mensch Masse Macht“ beim Taschenopernfestival Salzburg

Das Taschenopernfestival Salzburg wird seit 2005 als Biennale vom Verein Klang21 unter der künstlerischen Leitung von Regisseur Thierry Bruehl veranstaltet. Der Autor und Dramaturg Hans-Peter Jahn wählt dazu jeweils vier bis fünf Komponist:innen aus, die neue Stücke zu einem vorgegebenen Thema schreiben. Die Kurzopern werden dann im Rahmen einer durchinszenierten Veranstaltung uraufgeführt und drei weitere Male gespielt. Text, Musik und Theater gehen dabei neue Allianzen ein. Im 20. Jahr des Festivals wurde die übliche Arbeitsfolge von Libretto, Vertonung und Inszenierung vertauscht und begleitete ein Chor gleichsam als Orchesterersatz szenisch agierende Schauspieler.

Hans-Peter Jahn/Thierry Bruehl, „Mensch Masse Macht“ mit Michael Günther als Cipolla und Joshua Miro Ebsen als Mario. Foto: Klang21/Bernhard Müller

Hans-Peter Jahn/Thierry Bruehl, „Mensch Masse Macht“ mit Michael Günther als Cipolla und Joshua Miro Ebsen als Mario. Foto: Klang21/Bernhard Müller

Jahn schrieb das Theaterstück „Masken des Bösen“ in Anlehnung an Thomas Manns „Mario und der Zauberer“. Auf die Novelle sollten sich dann auch die vier neuen Chorwerke beziehen, allerdings ohne Texte zu vertonen. Einzig Elena Mendoza setzte sich über das Konzept hinweg und vertonte Günter Kunerts thematisch verwandtes Gedicht „Der Zauberkünstler“. Die Auftragswerke wurden ein Jahr im Voraus vom SWR Vokalensemble in Stuttgart einstudiert und aufgezeichnet, um dem Autor und Regisseur genug Zeit zu geben, die Kompositionen nachträglich mit dem Theatertext zum Musiktheater „Mensch Masse Macht“ zu verweben, nicht homogen, sondern eher als frei verfügbarer Materialsteinbruch, um beide Dimensionen kleinteilig ineinandergreifen und sich auch gegenseitig attackieren zu lassen. Ein ebenso vielversprechendes wie klippenreiches Experiment.

Schauplatz war erstmalig das Odeïon im Rudolf Steiner-Schulzentrum in Mayrwies unweit von Salzburg. Das Konzept sollte die alte Streitfrage „prima la musica poi le parole“ oder eben umgekehrt elegant aushebeln. Gegenüber dem traditionellen Opernbetrieb bot es den Vorteil, dass sich Theater und Musik mit speziellen Kräften besetzen und dadurch herausragende Leistungen erzielen ließen: hier exzellente Textverständlichkeit und schauspielerische Intensität, dort brillanter Chorgesang und höchste Konzentration auf die Musik. Nachteil war freilich, dass Szene und Musik wenig bis nichts voneinander wussten. Statt sich gegenseitig zu kommentierten und dramatisch zu intensivieren, liefen sie nur lose nebeneinander her oder störten sich gegenseitig: die Textpassagen unterbrachen die Spannungs- und Formverläufe der Musik, die tranchierten Chorstücke zerstückelten umgekehrt die Handlung des Theaters.

Zudem kürzte der Regisseur Theaterstück und Chorkompositionen, so dass die treibende Kernfrage kaum mehr eine Rolle spielte: „Kann es Freiheit des Denkens und Handelns in einer solchen Gegenwart der proklamierten Gegensätze geben?“ Thomas Mann hatte in seiner Novelle 1930 den wachsenden Einfluss des aggressiven Nationalismus im faschistischen Italien auf eine zunehmend illiberale und radikalisierte Gesellschaft beleuchtet. Doch statt seine Zeitdiagnose auf unsere politisch ähnlich polarisierte Gegenwart zu übertragen, handelte „Mensch Masse Macht“ bloß von Gewinnern und Verlierern des Massentourismus in dem von Mann beschriebenen ligurischen Badeort Torre di Venere.

Der einflussreiche Padrone Luigi (Maarten Güppertz) kann gar nicht genug zahlende Badegäste und neue Hotelkomplexe bekommen. Der junge Kellner und Eisverkäufer Mario (Joshua Miro Ebsen) kritisiert dagegen Überfüllung, Verbauung, Verschmutzung und die verlotterte Gastronomie in seinem Heimatdorf, wo man als Salsiccia in Wirklichkeit russische Bockwurst verköstigt. Übertüncht wird die zur bloßen Staffage ausgehöhl­te Italianitá durch umso mehr Lokalkolorit. Bruehl inszeniert das sinnlich detailverliebt, aber mit nichtssagendem Klamauk. Und auch Jahns Text ist voller italienischer Redewendungen. Der Zauberer Cipolla verspeist – von Mario bedient – ein mehrgängiges Menü in der Trattoria und zwischendurch singt der „Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor“ wunderschön Verdi-Chöre und Aida-Trompeten. Je mehr Aktionen und Requisiten bis zur Pappnase die Bühne füllen, desto mehr verliert sich die allegorische Dimension des von Mann beschriebenen Verhängnisses: der dämonische Hypnotiseur Cipolla (Michael Günther) lässt Luigi und Mario als willenlose Marionetten nach seinen Fäden tanzen. Die Kinderschar mit der selbstbewussten Anführerin Giulietta (Hermine Schrattenecker) wird vom Zauberer zwar eingespannt, bleibt aber stets niedlich, herzig, süß und schreit allenfalls frech nach dem nächsten Gelato. Mit einer von manipulativen Populisten aufgehetzten sowie in Filterblasen eingesponnenen fanatisierten Masse, die andere Menschen ausgrenzt, bedroht, verfolgt, hatte das nichts zu tun.

Hans-Peter Jahn / Thierry Bruehl, „Mensch Masse Macht“ mit Michael Günther als Cipolla und dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Foto: Klang21/Bernhard Müller

Hans-Peter Jahn / Thierry Bruehl, „Mensch Masse Macht“ mit Michael Günther als Cipolla und dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Foto: Klang21/Bernhard Müller

Immerhin bildeten die Chorkompositionen gesellschaftliche Verhältnisse nach, etwa durch den Gegensatz von verletzlichen Einzelstimmen und kollektiven Klangmassen. Vito Žurajs „IOMENA“ überlagerte sanfte Arabesken zu einem hypnotisch wogenden Gesamtklang, der am Schluss in gutturales Knurren der Männer- und helles Zischen der Frauenstimmen zerfiel. Das schien immerhin etwas von der beklemmenden Gereiztheit und Bösartigkeit anzudeuten, die der Erzähler in Manns Novelle während der italienischen Sommerfrische registriert. Im zweiten Akt legten sich bei Nikolaus Brass’ „Chorszenen für ein Musiktheater“ klar gesungene Töne über schlürfendes Ein- und keuchendes Ausatmen. Die Stimmen verzweigen und überschlagen sich schließlich zu ekstatischen Glissando-Orgien, bis alles wieder in ruhigen Wechseltönen ausschwingt, als sei nichts vorgefallen beziehungsweise sorgfältig unter den Teppich gekehrt.

Im dritten Akt sorgte Elena Mendozas „Über Zauberei“ für eine engere Verzahnung von Musik und Theater. Indem der Magier verschiedene Bücher auf- und wieder zuklappte, setzte jedes Mal kurz der Chor ein, als sängen Stimmen aus den Büchern. Schließlich zwingt der Zauberer durch Hypnose Mario dazu, seinen Gegner Luigi zu küssen. Die Musik wird zum rhythmischen Konsonanten-Rap „Ti-ke-ta-ke, Bu-tze-ke-be…“, und Mario steigert den vielmals wiederholten Satz „Er nahm mein Gesicht und benutzte es als Maske“ aus Kunerts Gedicht zum Verzweiflungsschrei. Aus der Trance erwacht, ersticht Mario seinen Vergewaltiger. Die Szene erstarrt, und es folgt ohne weitere Bühnenaktion als Nachspiel das furiose Chorstück „Massenkristall“ von Bernd Richard Deutsch.

Das SWR Vokalensemble gestaltete mit packender Energie effektvolle Wechsel von Frauen- und Männerchor, zwei- und dreihebigen Rhythmen, homophoner Pracht- und Machtentfaltung, schnellem Stakkato, energetischem Klatschen, vielstimmigem Pfeifen, temporeichem Lachen, jubilierendem Jauchzen sowie am Ende sanft gleitendem Klagegesang. Mit großer Virtuosität und klanglicher Verführungskunst schien Deutsch ein musikalisches Porträt der schillernden Hauptfigur zu zeichnen und damit den Eindruck zu vermitteln, das eigentliche Kraftzentrum des Geschehens sei von Anfang an der facettenreiche Chor gewesen und der Zauberer lediglich eine Art Katalysator des fatalen Dreischritts „Mensch Masse Macht“, heiße der Demagoge nun Cipolla oder Mussolini, Hitler, Stalin, Putin, Trump oder sonst wie.

Die Strahlkraft des von Peter Rundel ebenso präzise wie gestisch sprechend geleiteten SWR Vokalensembles sprengte das sonst übliche Taschenopern-Format weniger Vokalsolisten mit kleinem Instrumentalensemble. Weil der Rundfunkchor ein reiner Konzertchor ist, war von vorneherein klar, dass er nicht szenisch agieren würde. Mit Notenständern zuerst neben der Bühne und dann im Bühnenhintergrund platziert, bewältigten die 28 Sängerinnen und Sänger souverän die schwierigsten Partien, beteiligten sich aber nur ganz vereinzelt mit wenigen Gesten an der Handlung. Am Ende blieb das Publikum ähnlich ahnungslos zurück wie die Kinder in Thomas Manns „Mario und der Zauberer“, die bei der Vorstellung des Hypnotiseurs nicht verstanden, „wo das Spektakel aufhörte und die Katastrophe begann“.

Rainer Nonnenmann

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