|
Berichte
Königin-Bass und instrumentales Glitzern
Riesenerfolg an der Semperoper mit Hans Abrahamsens „The Snow Queen“
Wenn Holger Schultze das Theater Osnabrück zu seiner Intendanz als Zweitinszenierungshaus für Schauspiel bezeichnete, muss man die Semperoper Dresden konsequenterweise und mit hoher Wertschätzung als Folgeinszenierungshaus für Oper würdigen. Nach Kaija Saariahos letzter Oper „Innocence“ – 2021 beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführt – brachte Intendantin Nora Schmid im gleichen Jahr auch die englischsprachige Fassung von Hans Abrahamsens „The Snow Queen“ heraus. Wie die Münchener Uraufführung 2019, der in Kopenhagen 2018 eine Fassung in dänischer Sprache vorausgegangen war, legte man die Dresdner Premiere in die Weihnachtszeit. Mit vollem Erfolg.

Hans Abrahamsen, „The Snow Queen“, mit Simeon Esper (Waldkrähe), Louise McClelland Jacobsen (Gerda), David DQ Lee (Schlosskrähe), im Hintergrund: Mario Lerchenberger (Prinz), Jasmin Delfs (Prinzessin), Sächsischer Staatsopernchor Dresden. Foto: Semperoper Dresden/Mark Schulze Steinen
In der zweiten Vorstellung am „Dresdentag“ waren zwar nur wenige Kinder, dennoch zeigte sich: Immo Karamans Inszenierung spricht zu allen Generationen. Arne Walthers Holzlattenrahmenbau steht in einer weißmagischen und die phantastischen Ebenen verdichtenden Szenerie; voller Poesie und – der Adaption eines Märchens von Hans Christian Andersen gemäß – voller mysteriöser Gefahren, abweisender Schönheit sowie einer Emotionalität, die zwischen vager Distanz und Sehnsucht nach Nähe fluoresziert. Neben illustrativen Kontrasten von Schwarz, Weiß und Grau finden die Kostüme von Nicola Reichart im Licht von Fabio Antoci zu milden Sandfarben für die heile Welt der Großmutter und für das Ende, wo der von böse und blind machenden Glassplittern befreite Kay und die ihn auf einer abenteuerliche Reise zur Schneekönigin rettende Gerda als Erwachsene zurückkommen und auf ihre kindlichen Doubles hinunterblicken.
Karamans Theatersprache ist mit Fabian Poscas sinnreicher, sich nie in den Vordergrund spielender Choreographie ein Musterfall poetischer Ordnung, sinnvoller Formung und strukturierender Phantasie. Bei der weiten Bühnenfläche wird bis zum Ende dieser ästhetisch höchst anspruchsvollen Inszenierung nicht bewusst, wie viele Darstellende aus Chor und Komparserie tatsächlich neben dem zwölfköpfigen Tanzensemble beteiligt sind. In der Inszenierung verhält es sich mit dem personellen und dekorativen Aufwand wie in der Musik. Man schöpft bei Bedarf aus dem Vollen, verhält sich für den Ausdruck und die dadurch desto größere Wirkung aber mit geradliniger, die Phantasie noch mehr beflügelnder Ökonomie.
Hinter dem Schönen lauert immer Gefahr, sei es beim gutmütigen Rentier, bei der unter ihrem weiten Rock brennenden Finnenfrau oder bei der schwarz-goldenen Düsternis und gespenstischen Blässe von Prinzessin (Jasmin Delfs) und Prinz (Mario Lerchenberger). Mit somnambuler Verlorenheit bewegen sich der Knabe Kay zur glatzköpfigen Schneekönigin und Gerda auf ihre Reise zu seiner Rettung. In ähnlicher Verfassung erklingen die Solostimmen in der sanften wie tragfähigen Akustik der Semperoper – und damit optimal für Abrahamsens tausendstimmige Partitur.
Louise McClelland Jacobsen als Gerda hat Wärme, Leichtigkeit und auch die Kraft für große Fortissimo-Woge inmitten fein ziselierter Kleinst-Klangarbeit. Valerie Eickhoff bringt frauliche Intensität in die Partie des Kay. Georg Zeppenfeld liegt mit seinem schlankhellen Basso cantante in der Titelpartie, als Rentier und Uhr ideal über dem luziden Orchester. Christa Mayer ist als Großmutter, Alte Frau und Lappenfrau die einzige, die voll vital und vokal kräftig anpackt. Simeon Esper als Waldkrähe und David DQ Lee als Schlosskrähe singen in weißen und hier deshalb goldrichtigen Farben.
Der für Neue Musik höchst affine Dirigent Titus Engel erläuterte im Programmheft die strapaziösen, aber lohnenden Herausforderungen von Abrahamsens Partitur. Die Sächsische Staatskapelle meistert unter seiner Leitung alle polyrhythmischen Feinheiten, die in Myriaden von Filigrantönen und faszinierenden Reibungen mit abgründiger Schönheit ein breites Publikum in ihren Bann ziehen. Musik und Szene sind bei der Drittinszenierung der englischen Fassung in perfektem Lot. Auf allerhöchstem Niveau geht es weniger um Psychologie als um theatrale Magie und sensible Überwältigung.
Roland H. Dippel |