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Ästhetik der Vielfalt

Die Choreographin Gerda König und ihre DIN A 13 tanzcompany

Von Dagmar Petrick

Mit dem Tanz ist es so eine Sache: Es geht nun mal nur mit dem Körper. Arme, Beine, Füße, Kopf und Hals. Und doch ist jeder Körper anders. Und manchmal bewegt er sich auf Rollen vorwärts.

Ich treffe Gerda König an einem der wenigen regenfreien Tage im August in ihrem Kölner Veedel. Sie kommt im Rollstuhl. Ihr Assistent bestellt uns Wasser, Espresso und einen Cappuccino. Das geht nur mit dem Smartphone. Vielleicht ist das fortschrittlich, bewundernswerte Hightech, oder man hat schlichtweg das Personal wegrationalisiert. Was aber tun, wenn man kein Smartphone besitzt, der Akku mal wieder leer ist (wie bei mir) oder viele Alltagsbewegungen eingeschränkt sind, weil man keine Finger hat, um das Display zu öffnen oder die Stimme versagt, um Siri zu bedienen? Wir sind schon mittendrin: Menschliche Erfahrungswelten gibt es zuhauf, aber längst nicht alle kommen gleichberechtigt in der Öffentlichkeit vor.

Gerda König. Foto: Meyer Originals

Gerda König. Foto: Meyer Originals

Gerda König, geboren 1966 in Köln, studierte zunächst Psychologie, doch schon 1991 wendet sie sich dem Tanz zu. Sie tanzt im Ensemble Mobiaki und der Paradox-Dance-Company. 1995 gründet sie die DIN A 13 tanzcompany, „deren Mitglieder sich aus Tänzern mit unterschiedlichen Körperlichkeiten zusammensetzen“, wie es auf der Homepage din-a13.de heißt, die heute eines der weltweit führenden Mixed-abled-Tanz­ensembles ist. König hat zahlreiche abendfüllende Produktionen inszeniert; ihre langjährige Erfahrung in der künstlerischen Arbeit von Tänzer:innen mit und ohne körperliche Behinderung gibt sie auch international weiter. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut entstehen Koproduktionen, unter anderem in Äthiopien, Südafrika, den USA, Kenia, Ghana, dem Senegal, Venezuela, Sri Lanka, Israel und Brasilien. Nun will ich wissen, wie alles angefangen hat.

Jeder kann tanzen

„Alito Alessi“, antwortet König ohne zu zögern. Alessi, der US-amerikanische Choreograph, Begründer der DanceAbility, einer Tanz- und Bewegungsmethode, die keinen ausschließt, gilt als Pionier des Mixed-abled-Tanzes. An einem Workshop in Bregenz nahm auch eine Frau mit schwerer Spastik teil. „Ihre Bewegungen waren ganz ungewöhnlich“, erinnert sich König, „das hatten wir noch nie gesehen. Alle Profitänzer wollten eigentlich nur mit ihr zusammenarbeiten.“ Alessi bringt auf den Punkt, was allen vor Augen liegt, aber niemand ausspricht: „Is there anybody here who can move like her?“

„Das war’s“, sagt König. Fortan dreht sich ihr gesamtes Schaffen um diesen einen Satz. Sie ist auf der Suche nach einer Ästhetik, die alle Körper einbezieht. Und alle würdigt. „Jeder, der atmen kann, kann tanzen“, sagt Alessi. Dem stimmt auch König zu, doch ist der Tanz bei ihr weder Beschäftigungstherapie noch soziale Arbeit. Sie ist Künstlerin durch und durch; mit ihren Choreographien will sie die Qualitäten jedes einzelnen Körpers sichtbar machen. Das kann höchst kleinteilig geschehen wie etwa in São Paulo der stets angewinkelte Arm einer Frau mit einer Halbseitenlähmung, die zudem die Hand zur Faust ballte. König nutzte die Geste, zeichnete sie aus und machte sie zum Bewegungsrepertoire des gesamten Ensembles.

„techNOlimits“. Foto: Meyer Originals

„techNOlimits“. Foto: Meyer Originals

Sie sieht genau hin, nimmt, was ihr die Tänzer:innen anbieten, ist fasziniert von der Verschiedenartigkeit der Körper, ihrer mannigfaltigen Bewegungsqualitäten und ästhetischen Ausdrucksformen – sowohl der Tänzer:innen mit wie auch derer ohne Behinderung. Sie, die sich seit ihrer Kindheit im Rollstuhl bewegt, denkt ohnehin nicht in (festen wie festlegenden) Diagnosen; alle Körper, insbesondere die, die keiner Norm folgen, sind für sie eine ästhetische Bereicherung. Wenn etwa ein Tänzer im Rollstuhl auf Rädern balanciert, kennzeichnet König das als eigenständige Ausdrucksform, die das herkömmliche Bewegungsspektrum erweitert. Das ist ein Gewinn – für alle. Darum spricht König auch von körperlichen „Besonderheiten“, weil Besonderheiten kostbar sind. Und sie wird nicht müde zu betonen, was in einer Gesellschaft, die die unantastbare Würde des Menschen in ihrem Grundgesetz verankert hat, eigentlich selbstverständlich sein sollte: „Es nimmt uns nichts, wenn Menschen mit und ohne körperliche Behinderungen zusammen tanzen, es bereichert den Tanz.“

1999 kam ein entscheidender Moment. Die Kunststiftung NRW förderte Königs Projekt mit 30.000 DM. „Das war neu“, sagt sie. Und mehr als das, „es war der Startschuss“. Denn nun konnte sie umsetzen, was ihr von Anfang an vorschwebte: eine professionelle Tanzkompanie mit professionellen Tänzer:innen und Bühnenbildner:innen. Darüber hinaus war es ein Symbol. Dass das Geld eben nicht von der „Aktion Mensch“ kam, bewies, dass man ihre Arbeit ernst nahm – als Kunst.

Festgefahrene Haltungen verändern

Das Tanzensemble Mobiaki ging auseinander. Mit dreizehn Mitstreiter:innen gründete König die DIN A 13 tanzcompany. Der Name ist Programm und in Bezug auf die Anfänge eine wunderbare Koinzidenz. Denn laut der Deutschen Industrie­norm-Verordnung ist DIN A 13 ein Format, das es gar nicht gibt, und doch waren die dreizehn Tänzer:innen – mochten ihre Körper auch abseits der Norm liegen – unverkennbar da. Gerda König verhalf ihnen auf die Bühne, seit dem Jahr 2000 gemeinsam mit ihrer engen Kollegin und Wegbegleiterin Gitta Roser, die sowohl künstlerisch wie konzeptionell entscheidend zur Entwicklung der DIN A 13 tanzcompany beigetragen hat. „Gitta musst du unbedingt erwähnen“, beharrt König. „Ohne Gitta geht es nicht.“

Gerda König weiß ohnehin, dass es nicht alleine geht. Sie ist ein Teamplayer, der die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, auch von anderen einfordert und zum Merkmal der gesamten Kompanie macht. Das beginnt schon beim Casting, wenn sie die stets wechselnde Gruppe zusammenstellt, denn ein festes Ensemble gibt es nicht. „Ein spannender Moment sind die Pausen“, sagt sie und lächelt geradezu verschmitzt.

DIN A 13 tanzcompany, „Body distance“ mit Gerda König. Foto: Jo Kirchherr

DIN A 13 tanzcompany, „Body distance“ mit Gerda König. Foto: Jo Kirchherr

„In den Pausen sieht man am besten, wie sich Menschen aufeinander einlassen.“ Genauso gilt: „Ein guter Tänzer ist jemand, der bereit ist zu geben, der neugierig ist, Grenzen auszutesten.“ Ihre hellwachen Augen mustern mich durchdringend. Mit denselben hellwachen Augen verfolgt sie auch die Proben. Ich will wissen, wie ein Stück entsteht.

„Es gibt ein Thema, das oft sehr politisch ist. Dann geben wir Improvisationsaufgaben. Von den Tänzer:innen kommen immer Angebote. Die sind oft sehr persönlich, biografisch.“

Dass dem so ist, liegt natürlich auch an ihr, weil sie mit ihrer Persönlichkeit eine Atmosphäre schafft, in der Menschen sich gerne ausprobieren und trauen, sich zu zeigen. Vertrauen ist das Schlüsselwort. Daraus resultiert wohl auch die große Glaubwürdigkeit ihrer Stücke.

Gerda König sieht in jedem Menschen das Potenzial zu tanzen – wir erinnern uns: Jeder Mensch kann tanzen –, doch für die Professionalität, die sie ihrem Ensemble abverlangt, bedarf es ausgereifter Technik. Die kann man lernen. Aber insbesondere hier hapert es. „Gerade weil es eine Frage der Technik ist, muss man Menschen ausbilden“, sagt König. Zumindest jene, die tanzen wollen, wobei es dort bereits beginnt: Denn welches Kind mit Behinderung erlebt zum Beispiel schon jemanden, der im Rollstuhl tanzt? Und wenn es ihm niemand vormacht, wie kann es eine Vorstellung von sich selbst als tanzendem Menschen entwickeln? Das ist das eine, es setzt sich jedoch fort bis in die höchsten institutionellen Strukturen, die Ausbildungsstätten, die nach wie vor an normativen Idealkörpern ausgerichtet sind und oftmals das klassische Ballett zum Kriterium erheben, was viele Tänzer:innen mit Behinderung bereits an der Aufnahmeprüfung scheitern lässt.

Gerda König und Gitta Roser wollen das ändern. „Zu oft sind Menschen mit körperlichen Behinderungen die Türen verschlossen. Dabei bräuchte es gar nicht viel.“ Beide wissen freilich selbst, dass es nicht so einfach ist. „Eine Universität, die ganz auf die Möglichkeiten normativer Körper ausgerichtet ist, neu zu strukturieren, wird länger dauern, als sie neu zu gründen“, sagt König. Das geht ihnen zu langsam. Deshalb wurde M.A.D.E. gegründet.

Im M.A.D.E. (Mixed-abled Dance Education Program) wurden 2019 neunzehn Tanzschaffende mit und ohne körperliche Behinderungen in einem dreijährigen Programm weitergebildet. M.A.D.E. schloss eine Lücke, ersetzte aber keine grundlegende mehrjährige Ausbildung und ist deswegen auch wieder vorbei. Mit UNIqu@dance geht König deshalb mit Gitta Roser gezielt weiter, um an den neuralgischen Punkten der Ausbildung anzusetzen: an den Hochschulen und Universitäten mit ihren Tanzstudiengängen, damit auch Menschen mit Behinderung eine professionelle Tanzausbildung erhalten.

Doch König will mehr. Sie will festgefahrene Haltungen verändern, was nur gelingt, wenn sich auch die körperlichen Leitbilder im zeitgenössischen Tanz wandeln, indem man alle Körper mit ihren je eigenen Bewegungsqualitäten von Anfang an mitdenkt. Dazu gibt es öffentliche Symposien zu Themen wie Diversität, Behinderung und Ableismus, „ThinkTanks“, in denen man sich theoretisch austauscht, und „MoveTanks“ als praktische Erprobungsfelder. Hier wie dort geht es darum, dass Tänzer:innen mit und ohne Behinderung zusammen üben, reflektieren, lernen. Viel hat sich schon getan. Und doch ist es noch ein weiter Weg.

Normativität und ein Dilemma

König, die mit einer Muskelerkrankung höchst kreativ umgeht – wenn sie an ihrem Cappuccino nippen will, klemmt ihr ihr Assistent die Tasse in den angewinkelten Arm –, hat anfänglich, als es irgendwie noch ging, selbst mitgetanzt, sich herumwirbeln lassen im Rollstuhl, den Oberkörper eingegipst. Die Reaktionen hätten nicht krasser ausfallen können. „Diverse Körper auf der Bühne gab es damals nicht. Das war ein Unding, eine Provokation.

„techNOlimits“. Foto: Meyer Originals

„techNOlimits“. Foto: Meyer Originals

Vollkommen undenkbar“, erzählt sie. Und lacht. Denn natürlich war es kein Versehen. Auch das Publikum muss sich verändern, sich hinterfragen in seinen vorgefertigten Wahrnehmungen, die einer normierten Ästhetik folgen. Wer aber schreibt uns eigentlich vor, was „schön“ ist oder „normal“, wie ein Mensch auszusehen und sich zu bewegen hat, wo es doch ganz offensichtlich diverse Körper mit diversen Bewegungsmustern gibt? „Wir haben diverse Körper, normative wie nicht normative, und das ist für den Tanz natürlich noch einmal ein anderer Aspekt, weil wir eben von diesen klassischen Vorstellungen von Ästhetik und Schönheit wegkommen.“ Genau das macht König seit nunmehr 30 Jahren mit ihrer Arbeit sichtbar.

Ich will es selbst erleben. Ich fahre nach Reutlingen und sehe mir Königs Stück „extREmD“ an, das sie gemeinsam mit dem Choreographen Paolo Fossa erarbeitet hat und das nun im Rahmen des Festivals „Kultur vom Rande“ gezeigt wird. Ein Kubus aus Stangen auf der ansonsten leeren Bühne (Bühnenbild: Martina Kock), darin eingespannt vier Tänzer:innen an roten Bändern wie Ausziehhunde­leinen. Zur wummernden Musik von Frank Schulte und dem farbintensiven Lichtdesign von Marco Wehrspann arbeiten sie sich in allen Facetten daran ab. König hat die Farbe Rot als Thema gewählt mit all den extremen Assoziationen und Gefühlen (daher der Titel), die damit verbunden sind: (ekstatische) Liebe, das Streben nach Macht, Wut, Aggression, Hingabe, Widerstand, Flucht. Das Bild ist ästhetisch stark, aber auch rasch verstanden: Die Menschen sind in Beziehungen und Strukturen verstrickt wie die vier Tänzer:innen in die roten Gummibänder. Danach verharrt der Abend auf einem Erregungsniveau, und ich merke, ich bin enttäuscht.

Im Gespräch verrät mir dann Gerda König, dass eine der beteiligten Tänzerinnen starkes Rheuma hat. Das ändert meinen Blick auf das Gesehene schlagartig. König erzählt, wie die junge Frau eine bestimmte Drehung nur in eine Richtung ausführen konnte. Hätte ich das gewusst, hätte ich das Geschehen auf der Bühne vermutlich anders wahrgenommen und mehr zu schätzen gewusst. Ich schäme mich für mein schnelles Urteil. Zugleich verdeutlicht meine Reaktion ein Dilemma, in dem sich Mixed-abled-Kompanien häufiger befinden: Einerseits sollen die unterschiedlichen Körperlichkeiten sichtbar gemacht werden, um herkömmliche Auffassungen von Ästhetik zu hinterfragen, andererseits geht es nicht darum, dass das Publikum etwas Exotisches bestaunen soll. Wie aber lassen sich solche Informationen dem Publikum vermitteln, ohne dass es ins Paternalistische abgleitet? Man kann der Tänzerin ja schlecht ein Zettelchen anheften, auf dem zu lesen ist: „Tanzt mit Rheuma.“ Was also tun?

Solche Fragen können wir auch an diesem sonnigen Tag im ansonsten verregneten August in einem Kölner Café nicht lösen. Zwei Stunden sind vergangen wie im Flug. Wir verabschieden uns herzlich voneinander. Während Gerda König, begleitet von ihrem Assistenten, in die eine Richtung rollt, gehe ich nachdenklich in die andere. Und da geschieht doch noch etwas, als mich ein feiner kaum merklicher Ruck durchzuckt und mir plötzlich klar wird, wie einseitig ich selbst auf die Aufführung geblickt habe, als würde ich einem exotischen Ereignis beiwohnen. Wie verhaftet ich in meinen Erwartungen und Wahrnehmungsweisen bin. Dabei will Mixed-abled-Tanz genau das bewirken: dass wir anders sehen, unser Augenmerk richten auf den Körper selbst. Nicht, was er kann, sondern wie er es macht.

„Das Publikum soll jedenfalls nicht bekommen, was es erwartet“, hat Gerda König einmal gesagt. Ich schmunzele. Bei mir ist ihr das geglückt.


2021 wurde Gerda König für ihre künstlerische Arbeit im Dialog mit internationalen Künstler:innen das Bundesverdienstkreuz durch Frank-Walter Steinmeier verliehen. Der Dokumentarfilm MOVEMENT UNBOUND von Miriam Jakobs und Gerhard Schick (D 2026, 115‘, DCP, DF, R) porträtiert die mittlerweile 30 Jahre währende Arbeit der DIN A 13 tanzcompany. Immer dicht am Geschehen, hautnah, begleitet die Kamera Gerda König und ihre Mitsteiter:innen, die Tänzer:innen mit und ohne Behinderung, über die Kontinente und Jahre hinweg in ihrem unermüdlichen Einsatz für mehr Diversität auf der Bühne und in der Gesellschaft. Am 15. Januar feierte der Film im FILMFORUM NRW in Köln seine Premiere.

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