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Berichte
Oper für das 21. Jahrhundert
Der Siegerentwurf für die neue Staatsoper Hamburg
„Ein Gebäude, das sich volle 360 Grad zur Stadt hin öffnet; ein Park, der die Oper in buchstäblich jeder Windung seiner Wege mit der Welt und die Welt mit der Oper konfrontiert; und eine Silhouette, die in ihrer Leichtigkeit einfach gute Laune macht – der Entwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) verkörpert in seiner architektonischen Form all das, wofür wir an der Hamburgischen Staatsoper auch in unserer künstlerischen Programmatik stehen!“ So begeistert kommentierte Staatsopern-Intendant Tobias Kratzer Mitte November den Siegerentwurf für ein neues Opernhaus in Hamburg.

Fotosimulation: BIG & Yanis Amasri Sierra, Madrid
Die Entscheidung der 16-köpfigen Jury, der auch Kratzer angehörte, war einstimmig und der Enthusiasmus für den ikonischen Entwurf groß, auch wenn das Kopenhagener Architekturbüro gerade ein ähnliches Gebäude in Prag baut. Doch während die „Moldauphilharmonie“ leicht statisch wirkt, überzeugt der BIG-Entwurf für Hamburg durch seine organische Anmutung, die einen fließenden Übergang der als begehbare grüne Terrassen gestalteten Dächer mit den Freiflächen des Baakenhöft erlaubt. Das neue Opernhaus soll bis Mitte der 2030er-Jahre auf einer Landzunge in der HafenCity realisiert werden, umgeben von Wasser und Hafenflächen. BIG-Gründer Bjarke Ingels drückt es etwas poetischer aus: „Die Oper präsentiert sich wie eine Landschaft konzentrischer Terrassen – ausgehend von einem pulsierenden musikalischen Herzen, die sich wie Wellen auf der Meeresoberfläche in den Hafen ausbreiten.“
Herzstück des neuen Opernhauses mit einer Grundfläche von 45.000 m² ist der gestaltete Hauptsaal. Scheinbar fließend ineinandergreifende, geschwungene Balkone führen die organische Architektur innen weiter, mit dem erklärten Ziel, die Grenzen zwischen Zuschauern und Künstlern sowie Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Und das bei idealen Hör- und Sichtbedingungen für das Publikum einerseits und optimalen Arbeitsbedingungen für Künstler und Beschäftigte andererseits.
Ob alles wie geplant realisiert wird, entscheidet sich in den kommenden zwei Jahren. Das Juryurteil nach dem fünfmonatigen Qualifikationsverfahren ist der erste Schritt. „Jetzt treten wir in die entscheidende Planungsphase ein, in der wir Architektur, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit so in Einklang bringen müssen, dass wir Ende 2027 eine positive Durchführungsentscheidung treffen können“, erklärt Jörg Dräger, Geschäftsführender Stiftungsrat der Kühne-Stiftung des Kunstmäzens Klaus-Michael Kühne, der das Projekt mit 340 Millionen Euro maßgeblich mitfinanziert. Die Hamburger Bürgerschaft hat dazu Ende November grünes Licht gegeben. Die Stadt stellt das Grundstück zur Verfügung und beteiligt sich mit 147,5 Millionen Euro an den zu erwartenden Kosten für die Bauvorbereitung. Zusätzlich fließen 104 Millionen Euro in die Herrichtung des Grundstücks, die Erschließung, den Freiraum, die Promenade und die Ufereinfassung.
Und die „alte“ Oper? Das 1955 (wieder)eröffnete Gebäude ist als eines der Hauptwerke der Nachkriegsmoderne in Hamburg denkmalgeschützt. Es bleibt erhalten, und über seine Nachnutzung wird noch diskutiert. Kunstsinnige Hamburger Bürger ermöglichten 1678 an dieser Stelle „am Gänsemarkt“ ein erstes Opernhaus, und zwar gegen protestantischen Widerstand, der Sittenverfall und Kommerzialisierung der Musik befürchtete. Daher gibt es durchaus Befürworter für den Erhalt der Staatsoper am aktuellen Standort. Die erforderliche Generalsanierung würde Schätzungen zufolge jedoch teurer ausfallen als der „mäzenatisch finanzierte“ Neubau, der außerdem die Chance bietet, die Oper auf der Höhe der heutigen Anforderungen und Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Oder um Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zu zitieren: „Wir werden hier die Hamburgische Staatsoper für das 21. Jahrhundert neu denken und einen spektakulären Ort für alle schaffen.“
Yvonne Scheller |