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Editorial
Herausforderung Kultur 2026
Editorial von Gerrit Wedel
Ein neues Jahr beginnt – und mit ihm eine Gemengelage aus Erwartungen, Unsicherheiten und notwendigen Entscheidungen, wie wir sie lange nicht erlebt haben. Die darstellenden Künste stehen erneut an einem Wendepunkt. Kulturpolitik, Finanzierung, Wahlen und Arbeitsbedingungen sind enger miteinander verknüpft als je zuvor – und sie verlangen nach Haltung, Klarheit und gemeinschaftlichem Handeln.

Gerrit Wedel. Foto: VdO
Die darstellenden Künste sehen sich erneut mit einer politischen und finanziellen Realität konfrontiert, die weniger von Gestaltungswillen als von Sparrhetorik der politisch Verantwortlichen geprägt ist. Kultur steht vielerorts wieder unter Rechtfertigungsdruck, als sei ihre Bedeutung verhandelbar. Diese Entwicklung ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und genau dort muss diese Entwicklung auch beeinflusst und bestenfalls wieder umgekehrt werden.
Die Haushaltslagen der Länder sind angespannt, das ist unbestritten. Doch zu oft werden Kulturhaushalte zur vermeintlich einfachen Manövriermasse erklärt, kulturpolitische Zusagen stehen vielerorts auf dem Prüfstand (siehe Brennpunkt Seite 6). Dabei ist längst erwiesen, dass Theater, Oper und Tanz keine verzichtbaren „Freiwilligkeitsleistungen“ sind, sondern elementare Bestandteile einer demokratischen Gesellschaft. Wer hier Mittel und Planstellen streicht, verkennt die strukturelle Fragilität unserer Theater- und Tanzlandschaft. Unterfinanzierung gefährdet nicht nur einzelne Häuser, sondern ein System, das auf Kontinuität, Vertrauen und langfristige Planung angewiesen ist. Kulturpolitik darf sich nicht in Lippenbekenntnissen erschöpfen, während faktisch Substanz abgebaut wird.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, globaler Krisen und wachsender Verunsicherung braucht es Orte der Reflexion, der ästhetischen Erfahrung und des offenen Diskurses. Kulturpolitik muss sich daran messen lassen, ob sie dieser Verantwortung gerecht wird – auch und gerade finanziell.
In diesem Kontext kommt gerade den anstehenden Landtagswahlen besondere Bedeutung zu, die kulturpolitische Weichen stellen werden – angefangen im März mit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und im September dann in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Angesichts wachsender politischer Kräfte, die die Freiheit der Kunst und Kultur zu delegitimieren drohen, ist die Demokratie mehr denn je gefordert.
Wird Kultur auch künftig noch als gesellschaftliche Aufgabe verstanden oder zum Spielball kurzfristiger politischer Kalküle? Gerade jetzt braucht es eine klare, hörbare Stimme aus der Branche. Wir dürfen nicht darauf warten, adressiert zu werden. Wir müssen selbst adressieren: die Parteien, die Parlamente, die Verantwortlichen. Wir müssen unsere Anliegen sichtbar machen, den Dialog suchen und deutlich benennen, was auf dem Spiel steht. Die kulturelle Infrastruktur darf nicht Sparzwängen zum Opfer fallen, verlässliche Finanzierung und künstlerische Freiheit sind keine Selbstverständlichkeiten – sie müssen immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden. Kulturpolitische Lobbyarbeit muss intensiviert und Politiker müssen auch von den Beschäftigten vor Ort mehr in die direkte Verantwortung genommen werden.
Dabei endet Verantwortung nicht an den Grenzen der Länder. Der Föderalismus entbindet die Bundespolitik nicht von ihrer Mitverantwortung für die kulturelle Infrastruktur dieses Landes. Wenn der Bund kulturpolitische Programme auflegt, Impulse setzt und internationale Sichtbarkeit reklamiert, dann muss er sich auch an der strukturellen Absicherung der Kunst beteiligen. Es braucht auch ein abgestimmtes Zusammenspiel von Bund und Ländern – und den politischen Willen, Kultur als gesamtstaatliche Aufgabe ernst zu nehmen.
Die anstehenden Tarifverhandlungen zum NV Bühne sind dabei kein Randthema, sondern zentral für die Zukunftsfähigkeit unseres Systems. Der Tarifvertrag NV Bühne prägt die Arbeitsrealität tausender Künstlerinnen und Künstler an deutschen Bühnen. Erste Verbesserungen wurden mit dem sogenannten „Kleinen Paket“ erreicht, dies darf jedoch nicht zum Stillstand führen (s. VdO-Seite 37 zum Stand der Verhandlungen). Verlässliche soziale Absicherung bei künstlerischen Arbeitsverhältnissen, klare Arbeitszeiten und verbesserte Mitbestimmung sind keine Privilegien, sondern Voraussetzungen für künstlerische Qualität. Wer künstlerische Exzellenz fordert, muss auch bereit sein, dafür faire und zeitgemäße Rahmenbedingungen zu schaffen. Die anstehenden Verhandlungen sind daher mehr als ein tarifpolitischer Prozess – sie sind ein Gradmesser für die Wertschätzung künstlerischer Arbeit.
Das neue Jahr fordert uns heraus. Es verlangt nach Solidarität innerhalb der Branche, nach klarem kulturpolitischem Engagement und nach einem langen Atem in den Verhandlungen. Zugleich bietet es die Chance, entscheidende Schritte nach vorn zu gehen. Nutzen wir sie – mit Sachlichkeit, Entschlossenheit und dem festen Glauben an die gesellschaftliche Bedeutung von Theater, Oper und Tanz.
Gerrit Wedel
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