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Berichte
Vom interaktiven Kind zum Performance-Greis
Die 20. Münchener Biennale für neues Musiktheater 2026 unter neuer Doppelspitze
Von Roland H. Dippel
Nach Übernahme der Leitung des weltweit einzigen Uraufführungsfestivals für Musiktheater von Manos Tsangaris und Daniel Ott stellten nun die Kulturmanagerin Katrin Beck und die Komponistin Manuela Kerer vom 8. bis 20. Mai ihren ersten Zyklus vor. 38 Jahre nach dem Stapellauf 1988 und kurz vor dem hundertsten Geburtstag ihres Gründers Hans Werner Henze (1926–2012) war es die zwanzigste Biennale. Während dreizehn Tagen gab es zwölf Uraufführungen bei imponierend plastischem Zeitmanagement: Veranstaltungen ereigneten sich zu fast allen Tageszeiten. In als progressiv angekündigten Modulen wie „Was gibt’s?“, „Zeitgespräche“ und „Absacker“, welche dann doch bloß die üblichen Einführungen, Nachgespräche und Triggerwarnungen boten, ereignete sich die Emanzipation der vermittelnden Rahmenprogramme zu eigenen Veranstaltungen. Das wirkte sich natürlich auf die angebotene Menge der Einzelveranstaltungen aus: Kaum eine Stunde dauerte bei dieser Biennale genau so lange wie eine andere. Vieles begann mit Verspätung, weil Saaleinlass und mobile Abendkassen-Teams nicht ganz so schnell waren wie das oft in großer Zahl herbei strömende Publikum. Es kamen dem Festival seit 1988 über den konzeptionellen Wandel treugesinnte Biennale-Veteran:innen ebenso wie einige Trend-Hipster und junges Publikum. Es wurde immens viel mit einfacher Sprache und niederschwelligen Informationen realisiert: Eine ganze Seite im Festival-Magazin gab „exklusiven Einblick“ in die Chatverläufe der Leiterinnen Beck und Kerer, einfach „pur“ abgedruckt, ohne Mehrwert-Anreicherungen durch Werbebotschaften oder Insidernews.

Piyawat Louilarpprasert, „Wie das flunkert“. Foto: Frol Podlesnyi
Für Beck und Kerer sind „Fragen, Zweifeln und Zuhören“ ein integraler Teil des Programms, wichtig auch „Begegnungen“ und die „Energie der Probenprozesse“. Dazu brauchen sie „Räume“, in denen „die Unbegreifbarkeit des Ist-Zustandes ausgehalten werden kann“. „Archive als musikalisches Material“ waren dieses Jahr ein wichtiger Anstoß. Andererseits erweiterten sich die Definitionskriterien für „Musiktheater“ und „Neue Musik“ – je nach Standpunkt – und sind noch rissiger als bei den Vorgängern. Die zunehmend postdramatische Hybridisierung von Sinn und Form durch die ineinander fließenden Mittel Equipment, Musikgestaltung, Präsentation und Spielraum wird noch mehr bemerkbar.
In „V01CES//B0D1EZ“ rieb sich Piyawat Louilarpprasert an acht Stücken aus Hans Werner Henzes sozialkritischem Zyklus „Voices“ (1973), die er mit seiner eigenen Komposition „R3SIST4NC3 B0D1EZ“ verschmolz. Der thailändische Komponist nimmt „alles, was Klang erzeugen kann“ als „gleichwertig“. Und so gewannen alle Figuren des sechsköpfigen Ensembles, alle Statist:innen und Instrumentalstimmen in dieser Produktion der Bayerischen Theaterakademie August Everding und des Münchener Kammerorchesters ihr eigenes Gewicht. Am anderen Pol aktueller Musiktheater-Manifestationen stand eine sich fluid und progressiv gebende, dabei der Struktur einer konventionellen Oper jedoch sehr nahe stehende Produktion „Isithunzi“ von Monthati Zenzile Masebe, eine Koproduktion mit dem Staatstheater Wiesbaden. Shanice Ndlovu, die „beste Erzählerin Afrikas“, schrieb einen Text über drei Personen sowie deren Suche und Besinnung auf ihre ethische und spirituelle Mitte. Masebe nutzt die Mittel nicht als Häppchenkonserve, sondern wirft sie in einem geschlossenen Werkgebilde zusammen. Fragen sind hier Teil eines dramaturgischen Plans, durch den die Figuren mehr mit ihrem Inneren als mit den anderen kommunizieren.
Es wirkte erfrischend, dass hier kein Trampolin in die Defragmentierung eingebaut wurde wie bei anderen Biennale-Kopfgeburten. Mit der Spieldauer von 75 Minuten war „Isithunzi“ eines der längsten Stücke der diesjährigen Biennale, doch die Dauer war hier substanziell gefüllt und dank eines klug entwickelten Spannungspotenzials ein Gewinn.

Maximiliano Soto Mayorga, „Xochiyaoyotl“, Foto: Frol Podlesnyi
Nach der „Isithunzi“-Erfahrung manifestierte sich Sehnsucht ganz anders in dem auf den ersten Blick verblüffend körperlichen, doch zugleich formal wirkenden und beeindruckenden Musiktheater „Endlich“ der Regisseurin Franziska Angerer. Diese Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin gelangte in der Freiheitshalle zur Aufführung. Drei „Nornen“ schwebten über dem Geschehen und sangen expressive Linien. Asia Ahmetjanova schwang ihre kompositorischen Lassos auf der Jagd nach Sakralmusik-Partikeln der Vergangenheit. Zitathaftigkeit wurde dabei wesentlicher als kreatives Eigenpotenzial. Die Inszenierung zeigt eindringliches Verständnis für die Konstruktion eines säkularen Ritualtheaters und Kenntnisse der Zahlensymbolik. In der Arena bewegen sich Nackt-Performende älterer Jahrgänge mit Kopfhörern, aus denen meist nur für sie selbst, seltener für das Auditorium deren Lieblingsmusik erklingt. Es reihen sich Improvisationen über das Älterwerden sowie über die Anstrengung, die schwindende Zeit mit friedvoller Gelassenheit, Zweck und Sinn zu nutzen.
Ein Lamento auf die vergangene Endlichkeit war „Xochiyaoyotl“, das Gewinnerprojekt des Open Calls der Biennale zum Thema „Martial Arts“. Durch die spanische Eroberung ausgelöschte Kampfkunstpraktiken der Azteken erlebten hier eine bestechend ästhetische Fiktionalisierung. Maximiliano Soto Mayorga setzte in den Musiker:innen beträchtliche, aber untergeordnete Sensibilitäten frei. Immerhin war das eine Komposition, die sich auch den leisen Regionen dieser Performance mit vieldeutigen, meist getragenen Posen anschmiegte. So entstand ein kurzweiliges Ritual mit suggestiver Wirkung. Auch an anderen Produktionen wie „crypt_“ des in Europa durchstartenden Komponisten Yuri Umemoto mit dem non-binären Autor Gareth Mattey zeigte sich, dass Musiktheater nicht mehr als integrales Gesamtkunstwerk gedacht wird, sondern allenfalls als Summe von Teilen seiner möglichen Mittel. Hier gab es keine Zuordnung von Partien an die Namen der Singenden. Nicht einmal der Countertenor Sean Bell, Vertreter einer der derzeit begehrtesten Stimmgattungen, durfte gesanglich glänzen. Stattdessen artikulierte seine Figur Mangelerscheinungen und Minderwertigkeitsgefühle.
Im Kinderstück „Wie das flunkert“ verzichtete Piyawat Louilarpprasert im Schauburg Labor auf Gesang. Da will eine Sprechrolle zum fünften Mitspieler eines Brassquartetts werden. Der Unterschied zur vitalen, vielschichtigen Freude an Brillanz in Brett Deans Oper „Of One Blood“ – der parallelen und nicht zur Biennale gehörenden Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper – sticht in Auge und Ohr. Niederschwelligkeit, pädagogischer Impetus, technokratische Zukunftsvisionen und hochsubventionierter Interaktivsport bei der seichten Performance „FOOSBALL[D]“ halten den visionären Biennale-Ball in der ersten Runde von Beck und Kerer ziemlich flach. Da ist für 2028 noch vieles auf- und ausbaufähig. Und wie es scheint, haben im Biennale-Kontext Tanzende höhere Bedeutung als Chöre. Die klassischen Musiktheater-Kollektive haben bei den Biennale-Visionen dagegen weiterhin keine große Zukunft. |