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Berichte
Macht, Liebe, Klangrausch
John Adams’ „Antony and Cleopatra“ in Koblenz
Von Guido Krawinkel
John Adams verliert in „Antony and Cleopatra“ keine Zeit mit einer Exposition: Der Vorhang geht auf, das Orchester entfaltet sofort einen dichten, minimalistisch gefärbten Klangteppich, und schon tritt Cleopatra ins Geschehen. Der Bogen schließt sich, wenn Cleopatra in einer ergreifenden Szene ihr Leben aushaucht und die Oper ohne ausladenden Nachklang endet. Dazwischen spannt sich ein gut zweieinhalbstündiges Drama, das musikalisch wie szenisch konzentriert und packend auf die Bühne gebracht wird.
Adams’ Partitur wirkt wie ein durchkomponierter Soundtrack, der einerseits mit komplexem, vielfarbig strukturierendem Hintergrundgewusel fesselt und andererseits eng mit der dramaturgischen Spannungskurve verwoben ist. Das brillante Timing dieser Musik setzt das Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter Enrico Delamboye souverän um: Vom scheinbar endlosen Pulsieren bis zu präzisen, knappen Interventionen funktioniert die besondere Situation mit dem seitlich platzierten, elektronisch zugeschalteten Orchester im Koblenzer Theaterzelt erstaunlich gut.

John Adams, „Antony and Cleopatra“ mit Jongmin Lim, Tobias Haaks, Nico Wouterse, Opernchor und Extrachor des Theater Koblenz. Foto: Matthias Baus
Sängerisch ist der Abend durchweg stark besetzt. Danielle Rohr gestaltet Cleopatra mit atemberaubender Intensität und stimmlicher Souveränität. Ihr klar fokussierter Sopran verbindet Fülle in der Tiefe mit dramatischer Höhe. Andrew Finden steht ihr als Antony in nichts nach und bringt einen charakterstarken Bariton mit beträchtlichen Reserven ein. Tobias Haaks verbindet tenorales Feuer mit hoher Präsenz und zeichnet einen präzisen Caesar, dessen Charakter als kühler Machtmensch mit totalitären Zügen durch Kostüme von Bernhard Hülfenhaus treffend akzentuiert wird. Ebenfalls glänzen Christoph Plessers (Enobarbus), Nico Wouterse (Agrippa), Tábita Iwamoto (Charmian) und Jongmin Lim (Maecenas/Octavia). Der von Lorenz Höß vorbereitete Chor nutzt seine wenigen, aber punktgenauen Einsätze ausgezeichnet.
Die emotionalen Höhen und Tiefen der Verbindung von Antony und Cleopatra bedingen politische Verwerfungen, die aus heutiger Sicht zusätzlich durch die Rezeption antiker und späterer Chronisten überlagert werden. Adams’ Libretto speist sich aus Shakespeare, Plutarch und Virgil; während Shakespeare vor allem die persönlichen Verstrickungen ausleuchtet, ergeben sich die politischen Konsequenzen aus den Beziehungen der Figuren. Aus diesem Material formt der US-amerikanische Komponist ein spannungsreiches Bühnendrama, das in der Inszenierung von Intendant Markus Dietze durchweg fesselt und die Verzahnung von Privatem und Politischem spürbar macht.
Im Zentrum stehen Antony, Cleopatra und Caesar. Tatsächlich ist das Geflecht komplexer, auch weil Octavia und weiteres Personal markant in Erscheinung treten. Dietze destilliert daraus ein scharf konturiertes Spiel um Liebe und Macht: Cleopatra erscheint als kühle Strategin und zugleich als eine von Gefühlen zerrissene Frau, Caesar als berechnender Machthaber mit autoritärem Anspruch, Antonius als derjenige, der im Ringen dieser beiden Alphatiere aus Liebe unterliegt.
Das Bühnenbild von Bodo Demelius ist radikal reduziert: eine dunkle, spiegelnde Fläche, ein beweglicher Steg, eine große Bildschirmwand im Hintergrund und stilisierte Säulen an den Seiten. Mit wenigen, präzisen Mitteln entstehen so klar definierte Räume von großer atmosphärischer Dichte. Auch die Videos von Georg Lendorff und Live-Bilder von Britta Bischof tragen wesentlich dazu bei, die Stimmung und Figurencharakteristik scharf zu konturieren. Cäsars totalitärer Anspruch wird etwa über Bildperspektiven und Posen eindringlich vermittelt, während zwei Tänzer (Astrid Tinel, Francesco Pio Ricci) immer wieder seelische Zustände und Beziehungskonstellationen der beiden Hauptprotagonisten spiegeln.
Dietze führt Opernchor und Statisterie in eindrucksvollen Tableaus, setzt wirkungsvolle Akzente und nutzt die Masse fantasievoll – etwa als mobile „Paravents“, um den toten Antony diskret von der Bühne zu entfernen. Das Ergebnis ist ein in sich stimmiger, intensiver Opernabend, der vor allem dank des herausragenden Bühnenpersonals nachhaltig beeindruckt – unbedingt sehenswert. |