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Sinnestaumel

Neuer Ballett-Dreiteiler „Rock to Heaven“ des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Von Vesna Mlakar

Rockmusik trifft auf Tanz – das ist eigentlich nichts Neues. In „Rock to Heaven“ darf das Ballettensemble des Gärtnerplatztheaters – stilistisch von der Leine gelassen – allerdings in einen live gespielten Rockkosmos abtauchen, der auf berühmte Songs und legendäre Hits verzichtet. Stattdessen erweist sich der bei Leonhard Kuhn (Komponist und Arrangeur der Münchner Jazzrausch Bigband) in Auftrag gegebene Soundtrack als ebenso klischeelos wie absolut konzerttauglich mit viel rockigem Drive und Schlagzeugpower.

„Rock to Heaven“ Teil II in der Choreografie von Jacopo Godani mit Yunju Lee. Foto: Marie-Laure Briane

„Rock to Heaven“ Teil II in der Choreografie von Jacopo Godani mit Yunju Lee. Foto: Marie-Laure Briane

Zusammengehalten wird das Ganze von einer Live-Band, um die herum Heiko Pfützner die Bühne in ein kulissenloses, heruntergekommenes Industriegelände verwandelt hat. Norbert Nagel (Reed), Julian Hesse (Trompete), Jan Zehrfeld (E-Gitarre), Elias Bohatsch (Drum-Set) und Eley Ellmer (E-Bass) gelingt es unter Leitung von Andreas Partilla am Keyboard immer wieder, das Feuer in den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer anzufachen, um mitunter frei zu improvisieren. Choreografisch werden drei motorische Konzepte vorgestellt: drei Perspektiven auf Rock, die das Publikum mal mehr, mal weniger explosiv elektrifizieren.

Die hierzu ohne eigene Stücktitel entwickelten Uraufführungen von Karl Alfred Schreiner, Jacopo Godani und Frédérick Gravel verzichten auf allzu wummernde Bässe und E-Gejaule. Die impulsiven, wechselhaft-reizvollen Stimmungen brechen Erwartungen. Der Fokus liegt stets auf dem Happening-Charakter schwer zu bändigender musikalischer Energie. Als vor allem unterhaltsames Erlebnis bleibt die Produktion ein zweischneidiges Schwert. Doch genau darauf scheint es anzukommen: Rock lässt sich eben in keine Schublade pressen. Er steht für Freiheit, bricht mit Regeln und vermag Grenzen zu überschreiten. Er kann laut sein oder poetisch leise.

Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner hat sich zu Beginn als einziger so etwas wie eine kurze Handlung vorgenommen. Inspiriert vom Nirvana-Frontmann Kurt Cobain beleuchtet er die Schattenseiten eines Lebens als Rockstar. Sein Hauptinterpret Joel Distefano schlendert nach vorne, streckt einen Arm aus und verdreht seine Hand. Aus der Proszeniumsloge krabbelt Courtney (sehr eindrücklich im emotionalen Taumel konfliktgespickter Anziehung: Montana Dalton) im offenen Pelz auf die Bühne. Sie wirft sich Distefano an den Hals. Die Pas-de-deux-Figuren einer tragischen Amour fou werden immer wilder. Ethan Ribeiro interpretiert den Part von BoddAH – Cobains imaginärem Freund. In seinem goldenen Anzug (Kostüme: Thomas Kaiser) tanzt er wie Quecksilber auf einer wackelnden Unterlage. Mittendrin wird er in die Tiefe geschubst – symbolhaft wie vieles bei „Rock to Heaven“.

Jacopo Godanis unmittelbar darauffolgendes Stück – ein langer, technisch überwältigender Pas de deux als Höhepunkt dieser Premiere – kommt so extrem daher, als hätten beide Interpreten ihr Knochengerüst in der Garderobe gegen ein Gummiskelett getauscht. Für ihr höchst ungewöhnliches Stelldichein, das ihnen der Ex-Forsythe-Tänzer und bis 2023 künstlerischer Leiter der Dresden Frankfurt Dance Company auf den Leib choreografiert hat, verlassen Yunju Lee und Gjergji Meshaj die zuvor ekstatisch aufgekratzte Nachtclub-Atmosphäre. Vergleichbar wilden Tieren, die sich nahekommen und dann wieder eigene Wege gehen, loten sie Facetten einer Begegnung aus, im Tempo zurückgenommen, voller Eleganz und ebenso flüchtig wie intensiv.

Im finalen Teil, der sich nach der Pause mit Alexander Quetell am Mikrofon als Live-Konzert oder Dance-Album ausgibt, versucht Frédérick Gravel mit humorvollen, selbstreflexiven Seitenhieben aufzuzeigen, wie die kreative Erarbeitung eines zeitgenössischen Tanzstücks aussehen kann. Schonungslos lässt der franko-kanadische Choreograf – selbst ein leidenschaftlicher Musiker – alle zwanzig Tänzerinnen und Tänzer Strukturelemente von „Stop and Go“ in allen möglichen tragischen Dimensionen durchexerzieren – stets neu angekündigt durch den Tänzer Alexander Quetell. Wie der gesamte Abend: ein konzeptionelles Wagnis, das schön anzusehen ist, aber im choreografischen Zugriff noch mehr Schärfe vertragen könnte.

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