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Neustart am Hamburg Ballett?

Ein verschwitzter und wundgetanzter Tänzer ist ein glücklicher Tänzer

Von Yvonne Scheller

Der erste Stabwechsel nach der 51-jährigen Ära von John Neumeier an Demis Volpi endete abrupt. Inzwischen hat jedoch Lloyd Riggins als kommissarischer künstlerischer Leiter Ruhe in die Kompanie gebracht. Und er hat eine klare Vorstellung davon, wie es weitergehen soll. Das Grand Jeté war für ihn auf der Bühne immer ein Kinderspiel. Doch nun muss er mit dem Hamburg Ballett einen ganz anderen Spagatsprung meistern: Eine neue künstlerische Relevanz entwickeln, ohne die Neumeier-Tradition mit ihrer internationalen Strahlkraft und durchschnittlichen Auslastung von 90 Prozent zu zerstören.

Demis Volpi ist dieser Spagat nicht gelungen. Nach nur neun Monaten hatte der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper im Juni 2025 die Reißleine gezogen und sein Aus verkündet. Vorausgegangen waren Vorwürfe, Volpi habe ein toxisches Arbeitsklima geschaffen, und der Weggang von fünf Ersten Solisten. Daraufhin wurden Lloyd Riggins, Nicolas Hartmann und Gigi Hyatt als Interims-Dreierspitze berufen. Ihnen gelang es, den Ballettbetrieb zu sichern – und noch einiges mehr.

Tänzerin Charlotte Kragh bei FAST FORWARD in „Annonciation“ von Angelin Preljocaj. Foto: Kiran West

Tänzerin Charlotte Kragh bei FAST FORWARD in „Annonciation“ von Angelin Preljocaj. Foto: Kiran West

Wie ist die Kompanie in und durch die Intendanten-Krise gekommen? „Tatsächlich sind wir“, erzählt Riggins, „sehr positiv gestartet. Beeindruckt von Demis Volpi sind wir in dieses neue Kapitel unserer Geschichte mit dem Wunsch gegangen: Lets make it work!“ Als stellvertretender Ballettdirektor hatte er die Entwicklungen hautnah erlebt. „Leider wurde diese positive Energie enttäuscht. Die Atmosphäre verschlechterte sich immer weiter und da war diese Angst, unsere Einzigartigkeit zu verlieren.“ Der 56-Jährige New Yorker erklärt alles mit ruhiger Eindringlichkeit im Ton, begleitet von sprechender Mimik und gezielten Gesten. Schließlich lacht er auf und sagt: „Darum sind wir Tänzer. Wir drücken uns mit unserem Körper aus. Das geht viel besser als mit Worten. Tänzer wollen tanzen. Sie wollen nicht in Meetings sitzen und diskutieren. Sie wollen bis und über ihre Grenzen gehen, um sich weiterzuentwickeln und brauchen ein Umfeld, das ihnen das ermöglicht.“ Ein Aspekt, der dieses Umfeld auszeichne, sei etwa der Grundsatz: Es gibt keine unwichtigen Rollen. „Selbst ein kurzer Auftritt wird mit großer Aufmerksamkeit entwickelt, denn nur das Gesamtbild führt zum Erfolg. Unsere Tänzer wissen das. Sie wissen, sie werden gesehen und in ihrer individuellen Entwicklung unterstützt. Dieses Wissen trägt die Compagnie.“

Tatsächlich hat dieses Gemeinschaftsgefühl durch die Krise getragen. Nur 18 Tage blieben Riggins, um die ursprünglich geplante Volpi-Eröffnungspremiere zu ersetzen. Er entschied sich für John Neumeiers „Kleine Meerjungfrau“. „Wir haben einen Berg versetzt, um damit eröffnen zu können. Alle diese wunderbaren Talente waren an Bord. Sie arbeiteten nicht Hand in Hand, sie arbeiteten Herz an Herz, um dem Publikum zu geben, was es verdient: Den bestmöglichen Theaterabend“, schwärmt Riggins.

Lloyd Riggins. Foto: Kiran West

Lloyd Riggins. Foto: Kiran West

Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper hat im März 2026 die Interimsleitung des Hamburg Ballett bis Mitte 2027 verlängert. Wohin soll nun die Reise gehen? Riggins spricht von einem evolutionären Wandel, der die Einzigartigkeit des Ensembles weiterentwickelt. „Die Menschen kommen in die Staatsoper, um das Hamburg Ballett zu erleben, nicht das New York City Ballett. Doch das, was uns ausmacht, dürfen wir nicht konservieren. Wir müssen es mit neuem Leben füllen.“ Etwa mit Werken der „Jungen Choreograf:innen“. Das Format wurde 1974 von John Neumeier ins Leben gerufen. Tänzer des Ensembles entwicklen nicht nur eigene Stücke, sie verantworten zudem die gesamte Inszenierung – von der Choreografie über die Musik bis zu Licht, Kostümdesign, Bühnenbild, Projektionen und Requisiten. Die so entstehende Kreativität will Riggins stärker in das Repertoire einbinden.

Bereits in der kommenden Spielzeit stehen zwei Premieren an, beide unter Mitwirkung ehemaliger „Junger Choreografen“. Bei „Neue Welten“ (Premiere 5. Dezember 2026) gibt es als europäische Erstaufführung Justin Pecks „Copland Dance Episodes“ sowie die Uraufführung eines in Auftrag gegebenen neuen Ballettabends von Edvin Revazov. Bei den „Jungen Choreograf:innen“ präsentierte Revazov 2011 seine erste Arbeit. Inzwischen hat der langjährige Erste Solist mit dem Hamburger Kammerballett eine eigene Kompanie gegründet, um geflüchteten ukrainischen Tänzern eine neue künstlerische Heimat zu bieten. Die zweite Premiere „Mittsu“ – japanisch drei – (13. März 2027) besteht aus einem abendfüllenden Ballett der drei Choreografinnen Neshama Nashman, Yuka Oishi und Kristina Paulin. Oishi und Paulin tanzten früher beim Hamburg Ballett und konnten bei den „Jungen Choreograf:innen“ experimentieren und Erfahrung sammeln, um ihre inzwischen international erfolgreiche Tanzsprache zu entwickeln.

16 bemerkenswerte Werke der „Jungen Choreograf:innen“ waren Ende März in Kooperation mit Kampnagel zu erleben. Der nächste Auftritt am 1. Juli 2027 findet in der besonderen Atmosphäre der Kuppel Hamburg statt. In die Zeltlandschaft neben der Trabrennbahn in Hamburg-Bahrenfeld weichen sämtliche Künstler der Staatsoper Hamburg vom 22. Mai bis 4. Juli 2027 aus, weil am Orchestergraben dringende Reparaturarbeiten vorgenommen werden müssen. Für Riggins ist das ein „zauberhafter Ort“ und wie gemacht für die adaptierte Neufassung von Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ (ab dem 19. Juni 2027) bei dem die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen.

Wie Riggins Vergangenheit und Erneuerung verbinden will, hat er im Februar schon bei der Premiere von „Fast Forward“ gezeigt. Der Ballettabend lud ein zur Reise durch die Tanzgeschichte von George Balanchines „Serenade“ über Marcos Moraus „Totentanz“ und Angelin Preljocajs „Annonciation“ bis zur Uraufführung von „The Moon in the Ocean“ von Xie Xin. „Mit Fast Forward haben wir“, so Riggins, „die Richtung gezeigt und das ist wunderbar aufgegangen. Balanchines Serenade von 1935 mit 18 Tänzerinnen wurde gespiegelt durch Xie Xins Moon mit wiederum 18 Tänzern.“ Xins fließende und äußerst dynamische Bewegungssprache schien die raumgreifenden und schwingenden Bewegungen Balanchines aufzugreifen, obwohl die chinesische Choreografin nicht davon beeinflusst ist. Die Arbeit mit international gefeierten Gästen habe der Kompanie viel gegeben. „Es herrschte eine empathische Atmosphäre. Was nicht heißt, dass Choreografen und Ballettmeister es unseren Tänzern leicht gemacht hätten. Sie waren sehr klar in ihren Forderungen, ließen nicht nach, bis alles ins letzte Detail stimmte. Und genau so muss es sein. Nur ein verschwitzter und wundgetanzter Tänzer, ist ein glücklicher Tänzer“, lacht Riggins.

Er muss es wissen. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist Tanz ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens. Die Kreativität liegt ihm im Blut. Seine Mutter gründete das „Southern Ballet Theatre“ (heute Orlando Ballet), sein Vater ist Opern- und Theatersänger, sein Bruder tanzte am New York City Ballet, bevor er Direktor und Chefchoreograf des Ballet Fleming in Philadelphia wurde, und seine Schwester tritt als Musical-Darstellerin am Broadway auf. „Ich bin hinter der Bühne und mit den internen Abläufen einer Kompanie aufgewachsen“, erzählt Riggins, „auch mit den finanziellen Zwängen eines Kulturbetriebs. Um Tänzer bezahlen zu können, bestand das Abendbrot bei uns dann eben auch mal nur aus Sandwiches mit Erdnussbutter und Gelee.“ Diese Leidenschaft und absolute Hingabe an die Kunst haben Riggins geprägt. Und das würde er gern auch über 2027 hinaus unter Beweis stellen. „Ich denke, wir konnten als Interimsteam beweisen, dass wir den Job können. Sollte es eine Ausschreibung für die Ballettintendanz geben, bin ich der erste, der seine Bewerbung auf den Tisch legt.“

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