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Berichte
Apotheotische Schockstarre
Grandiose Erstaufführung von Pascal Dusapins Kleist-Oper „Penthesilea“ in Hannover
Von Roland H. Dippel
Schon „Schwanensee“ von Ballettdirektor Goyo Montero entwirft als „Rotbarts Geschichte“ ein extrem düsteres Präludium. Auf die faszinierende und notorisch ausverkaufte Premierenserie dieses Märchenalbtraums folgte in Bodo Busses erster Spielzeit als Intendant der Niedersächsischen Staatsoper die nicht minder finstere Umdeutung von Heinrich von Kleists Tragödie „Penthesilea“ durch Pascal Dusapin. Bereits am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken hatte Busse Werke des französischen Komponisten vorgestellt. In Hannover holt er nun zum dreiteiligen Dusapin-Schwerpunkt aus. Den Anfang macht die 2015 in Brüssel uraufgeführte „Penthesilea“, ein ebenso rigides wie bildmächtiges „Theater der Grausamkeit“. Es ist ein Glücksfall, dass Lorenzo Fioroni für seine Inszenierung keine Scheu vor der Brutalität des Stoffes hat. Der Regisseur ließ sich vom opulenten Sog der Musik nicht überwältigen und schuf mit der Ausweitung auf mehrere Zeitebenen eine alles andere denn tröstliche Überhöhung. GMD Stephan Zilias, der zur Spielzeit 2026/27 als Musikdirektor an die Flämische Oper Gent wechselt, hielt bei dieser deutschen Erstaufführung das brachial, überwältigend und immer wieder auch betörend schön klingende Niedersächsische Staatsorchester unter dem imposanten Sounddesign von Marko Junghanß zusammen.

Pascal Dusapin, „Penthesilea“ an der Staatsoper Hannover. Foto: Bettina Stoess
Die Synergie von physischer bis hybrider Tonerzeugung fand angemessene Entsprechung in Paul Zollers vieldeutigem Bühnenraum mit Wänden, Schleusen und Nebel. Im musikdramatischen Schlachtfeld trat der von Lorenzo Da Rio sicher geleitete Chor mal entmaterialisiert wirkend, mal martialisch auf. Anschmiegsam dazu verhielten sich die mehrere Epochen mischenden Kostüme von Sonja Blickenstorfer. Mit Verweisen an die Symbolik barocker Malerei und betuliche Nierentisch-Bürgerlichkeit flirtete Isabel Robsons Videodesign mit der Livekamera von Enes Akargül. Da hätte es während der hundert Minuten apotheotischer Schockstarre in der Nachmittagsvorstellung keinen der beiden im Bühnennebel auftauchenden Schäferhunde gebraucht, um die Gräuel des psychotischen Kriegs und der Psycho-Kannibalen an der Schlachten-Spitze zu verdichten.
Das Geschehen bleibt gleichermaßen abstoßend, egal ob nach dieser Episode aus dem Sagenkreis des trojanischen Kriegs bei Kleist der Grieche Achilles die Amazonenkönigin Penthesilea umbringt oder sie ihn erschlägt und von Hunden zerfetzen lässt wie in Beate Haeckls Textfassung bei Dusapin. Fioroni setzt dafür drei Bild- und Zeitebenen. Der Barock steht für die idealen Zuweisungen und Regulative einer geordneten Gesellschaft. Am Ende versucht Penthesilea in einer Gruppe von adretten Seniorinnen mit Dauerwelle die Bewältigung von Terror und Seelenfolter. Davor erfolgt nicht weniger als die Pervertierung einer genderkratischen Utopie auf einem dystopischen Schlachtfeld. In diesem stählen, pfählen und meucheln sich gegenseitig das maskulin ausstaffierte Soldier Girl Penthesilea und der mit glamourösen Show-Textilien umhüllte Heroe Achilles.
Mezzosopranistin Katrin Wundsam und Bariton Peter Schöne leisten Außerordentliches an exponierten Tönen und intensiver Deklamation. Bei Dusapin dominieren die Amazonen, wobei die Männerpartien längst nicht ein solcher Bedeutungsverlust ereilt wie in der früher als revolutionär gerühmten Vertonung von Othmar Schoeck. Aber Prothoe (Olga Jelínková) und die Priesterin (Anthea Barać) fahren bei Dusapin weitaus kontrastreichere Vokal-Krallen aus als Odysseus (Yannick Spanier) und der Bote (Juhyeon Kim). Letztere haben im Krieg noch nicht alle Emotionalität verloren. Dusapins Musik erhellt das Untergangspektakel mit einigen trügerischen und schnell wieder zunichte gemachten Hoffnungsblitzen. Im Opernhaus Hannover werden alle Aspekte des komplexen, in der Raumexplosion subtilen und sogar in den leisen Momenten ätzenden Werkes deutlich. Ein großartiger Wurf, der die Dialektik von Aggression und Harmonie, frenetischem Hass und der Unmöglichkeit von Liebe zwischen patriarchalen Reibungen und emanzipatorischen Antiutopien deutlich macht. |