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Schuss geht nach hinten los
„Der Freischütz“ als Anti-AfD-Belehrstück in Bonn

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Berichte

Schuss geht nach hinten los

„Der Freischütz“ als Anti-AfD-Belehrstück in Bonn

Von Guido Krawinkel

In Bonn wird ausgeteilt: Volker Lösch macht aus Webers „Freischütz“ unverhohlenen Anti-AfD-Agitprop, das eigentliche Stück interessiert ihn dabei nur am Rande. Ihm geht es primär um eine politische Agenda. Heimat, Liebe, deutscher Wald – all die romantischen Ur-Topoi treibt Lösch seinem „Freischütz“ mit seiner plakativen, von plumpen Plattitüden geprägten Inszenierung radikal aus und ersetzt sie durch ein frontal gegen die AfD gerichtetes (Be)Lehrstück. Wie schon bei seinem Bonner „Fidelio“, der 2020 als tendenziöser Agitprop in Erinnerung blieb, nutzt er auch hier die Oper als Vehikel für missionarisches Erziehungstheater. Tragisch daran: Für eine freie Kulturlandschaft wäre eine solche „Gurkentruppe“ an der Macht tatsächlich hochgefährlich. Das Anliegen ist somit im Kern ehrenwert, wird aber durch eine schablonenhafte und über weite Strecken erschreckend unterkomplexe Inszenierung konterkariert.

„Der Freischütz“ als Anti-AfD-Belehrstück in Bonn

„Der Freischütz“ als Anti-AfD-Belehrstück in Bonn

Lösch siedelt den „Freischütz“ im Bonner Bundestag an, ein inzwischen von der Natur zurückeroberter Lost Place. Aus Webers Duell um Macht, Vaterland und Liebe wird ein Lehrstück über politische Verführung und die Verrohung der Massen. Der Probeschuss gerät zum von der AfD inszenierten Attentatsversuch auf den Bundeskanzler, und als „Happy End“ gibt es eine Koalition mit der vermeintlichen Retterin. Es ist der von Lösch mit gewaltigem Nachdruck herbeiinszenierte Alptraumfall. Doch geht der Schuss nach hinten los. Das liegt nicht zuletzt an Löschs drastischen Mitteln. Die Musik bleibt zwar unberührt, doch werden die gesprochenen Texte durch Dialoge von Lothar Kittstein ersetzt, die genauso grobschlächtig in die gleiche politische Kerbe schlagen. Zudem wird in das Libretto eingegriffen, um die Dramaturgie der intendierten Botschaft anzupassen. Statt Webers Scheinidylle klug zu demaskieren, kippt Lösch ins andere Extrem und rückt ihr mit der Brechstange zu Leibe. Birte Schrein hält als Parteivorsitzende (aka Samiel) endlose Propagandamonologe, die sie glänzend mit trockenem Witz ausfüllt – etwa, wenn sie aus der Intendantenloge durchaus selbstironisch droht: „Wenn ich Bundeskanzlerin bin, gibt es auch wieder einen anständigen Freischütz.“ Der Satz wirkt als AfD-Ansage wie eine Drohung – und bei Lösch wie ein Menetekel.

Das Publikum wird unablässig mit AfD-Parolen und erschreckenden O-Tönen aus Partei-Mund bombardiert, projiziert auf die Bühnenwand, flankiert von Bildern realer Opfer rechten Terrors. Hauptsache drastisch, viel und laut. Reflektiert wird indes wenig. Stattdessen wird ein holzschnittartiges Klischee nach dem anderen plattgewalzt. Auch die Figurenzeichnung leidet: Agathe und Ännchen mutieren zu Tradwives, die in Herd, Pfanne und Staubwedel ihre AfD-genormte Erfüllung finden, Kaspar ist ein eifersüchtiger Nazi, Max ein rückgratloses Werkzeug der Parteichefin. Peinlich ist der Eremit als grotesker Deus ex Machina, den Samiel herbeizitiert und mit doppelnden Armverrenkungen zur scheinbar bedeutungsstrotzenden Lichtgestalt stilisiert – das ist näher am ambitionierten Laienspiel als an großer Oper.Während die Inszenierung schon zwischendurch heftige Zwischenrufe erntet, erhält die musikalische Seite deutlichen Jubel. Lothar Koenigs führt das Beethoven Orchester Bonn zu einer exzellenten Leistung: Der Klang ist frisch, homogen, feinnervig, mit viel frühromantischem Schwung à la Mendelssohn. Koenigs hält das turbulente Bühnengeschehen weitgehend souverän zusammen und bleibt nah an den Sängerinnen und Sängern.

Das Ensemble zeigt sich in Bestform. Kai Kluge gestaltet einen innerlich zerrissenen Max, der am Ende zum willenlosen Parteiinstrument wird. Sein strahlender Tenor wirkt kräftig, kernig und doch geschmeidig. Alyona Rostovskaya gibt eine jugendliche, verletzliche Agathe mit leuchtend klarem Sopran, Nicole Wacker ein deutlich erfahreneres, raffiniertes Ännchen mit virtuos geführter, lupenreiner Stimme. Tobias Schabel zeichnet mit dunklem Bass den Bösewicht Kaspar ungemein plastisch. Christopher Jähnig setzt als Eremit mit kultiviertem, noblem Ton einen eigenen Akzent, Johannes Mertes liefert einen pointiert persiflierten „Bundes-Merz“, und auch Martin Tzonev (Kuno), Ralf Rachbauer (Kilian) sowie der von André Kellinghaus vorbereitete, spielfreudige Opern- und Extrachor hinterlassen starke Eindrücke.

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