|
Berichte
Folkloristische Märchen-Nazis
Uraufführung von Philipp Krebs’ Oper „Zornfried“ am Staatstheater Kassel
Von Rainer Nonnenmann
Der Premiere gehen zwei Vorspiele voraus. Eine Gruppe „Omas gegen rechts“ demonstriert am Haupteingang gegen die bevorstehende Uraufführung. Im Theater folgt dann eine Gesprächsrunde anlässlich des Sensationsfunds von Resten einer spätmittelterlichen Raubritterburg direkt unter dem Interim des Staatstheaters Kassel. Doch Protest und Diskussion sind bloß fingiert. Beides ist Teil der Inszenierung und will bloß spielen. Der Austausch belangloser Worthülsen über Geschichte, Kunst, Kultur und Demokratie wird schließlich von einer Wehrsportgruppe abgebrochen. Spätestens jetzt sollte es ernst werden.
Reporter Jan Brock (Schauspieler Aljoscha Langel) betritt lässig mit zerrissener Jeans die Theaterbühne als die titelgebende Burg „Zornfried“ von Philipp Krebs’ Oper auf ein Libretto von Jörg-
Uwe Albig nach dessen gleichnamigem Kurzroman. Hier formieren sich deutschnationale Rassisten und völkische Naturanbeter um den Dichter Storm Linné, dessen Lyrikband „Weiße Weihe“ mit dunkel raunenden Bildern gegen Ausländer, Schwule, Moderne, Sittenverfall hetzt und zu Manneskraft, Härte, Familie, Nation aufruft. Mit Betreten der Burg verkehrt sich das bisherige Sprechtheater plötzlich zur Oper. Burgherr (Johannes Strauß) und Freifrau (Maren Engelhardt) steigern ihre Gesänge von starren Rezitativen immer arioser und kraftvoller bis zum ekstatischen Duett.

Philipp Krebs, „Zornfried“ im Interim des Staatstheaters Kassel mit Maren Engelhardt als Wilhelmine Freifrau von Schierling. Foto: Sylwester Pawliczek
Mit Beschwörung des „ewigen deutschen Waldes“ dreht sich die Publikumstribüne zu raumgreifenden Videos von Rosa Wernecke. Die Burgherrin schreitet durch projizierte Baumstämme und singt Linné-Hymnen auf Stein, Moos, Huflattich, Farn, Buche, Esche, Eiche. Dazu spielt das Staatsorchester Kassel unter Leitung von Viktor Jugović strahlende Quint-Quart-Motive wie bei Wagner, gefolgt von schmetternden Jagdfanfaren, triumphalen Akkorden und weit gezogenen Geigenkantilenen. Der 1994 geborene Komponist beschwört spätromantische Pathosformeln, um sie als Inventar der deutschnationalen Klamottenkiste zu entlarven. Doch die Demontage gelingt nur teilweise. Denn die Stilanleihen sind vieldeutiger und meist wirkungsvoller als die ironischen Brechungsversuche.
Die Figur des Reporters lässt Rückgrat, Scharfsinn und kritische Nachfragen vermissen. Weil der Journalist nur spricht, wird er schnell zum stummen Zaungast der singenden Opernfiguren. Der geheimnisvolle Dichter Storm Linné (Filippo Bettoschi) erscheint schließlich wie weiland Gurnemanz in Mönchskutte und wie Gralsritter Lohengrin von hohen Violinen umschwirrt. Der Poet ist eine Parodie seiner selbst, kann nichts außer Verse klopfen, irrt orientierungslos umher und ist offenkundig nicht ganz bei Sinnen. Am Ende wird der Barde vollends zur Witzfigur, faselt von Fackel und Schwert, fuchtelt aber mit einer Salatgurke herum und stottert wie eine hängende Schallplatte manisch dieselben Verse.
Regisseurin Kerstin Steeb und Kostümbildnerin Hanne Lenze-Lauch kleben an Klischees. Die nach Wagner-Figuren benannten Burgtöchter haben blonde Zöpfe, tragen züchtige weiße Röckchen, lächeln unentwegt, legen die Hände artig in den Schoß und schrubben Böden in munterem Wiegeschritt. Daneben hantieren Halbstarke mit Sportbänken, posieren mit geballten Fäusten, hissen Standarten.
Doch mit solchen Folklorismen und Märchen-Nazis haben die heutigen neuen Rechten kaum mehr zu tun als Siegfrieds Schwert mit den Propagandawaffen der Sozialen Medien. Statt Wagner hören Nationalisten heute rechtsradikalen Metal, Rock, Rap und Partyschlager. Sie lesen auch nicht mehr Ernst Moritz Arndt, Josef Weinheber, Hermann Löns oder was sonst für das Geraune des Storm Linné Pate gestanden haben mag. Sie sind keine verträumten Waldläufer und Mittelalter-Schwärmer auf einer abgelegenen Burg, ewiggestrig, lächerlich, ungefährlich. Stattdessen sind es kühle Strategen, Demagogen und global vernetzte Medienprofis, die Meisterschwurbler von Kassel dagegen nur harmlose Pappkameraden. |