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Berichte
Prädikat Sehenswert
„The Lodger“ von Phyllis Tate in Wuppertal
Von Guido Krawinkel
Die Musik von Phyllis Tate kann man als im besten Sinne polyglott bezeichnen. Der stilistische Bruch zur Moderne verlief auf den Britischen Inseln bei weitem nicht so krass wie auf dem Kontinent, was sich nicht nur bei Tate in einer allgemeinen stilistischen Versatilität äußert, die keine Angst vor modernen Klängen hat, gleichzeitig aber sangliches Repertoire produziert. Darüber hinaus hat Tates Musik durchaus filmische Qualitäten, die die Suspense-Elemente des mörderischen Gruselschocker-Stoffes angemessen unterstreicht, ohne allzu penetrant oder redundant zu sein. Zudem treibt die Musik die Handlung vorwärts, setzt pointierte Akzente und bleibt trotz aller Modernität auch für Ottonormalhörer immer noch nachvollziehbar.
Das Sinfonieorchester Wuppertal wird von Yorgos Ziavras souverän durch den Abend geführt. Tates Musik ist hier in den besten Händen und wirkt nicht minder packend als die Handlung. Aber nicht nur deshalb ist seine Oper „The Lodger“ eine durchaus runde und stimmige Angelegenheit. Die gelungene Inszenierung von Greg Eldridge ist very british: ganz dem Ambiente der Zeit verpflichtet, aber sehr stilvoll. Am Ende vergehen spannende zweieinhalb Stunden wie im Fluge.

Phyllis Tate, „The Lodger“ mit dem Opernchor der Wuppertaler Bühnen. Foto: Matthias Jung
Die 1987 gestorbene Tate war wohl eine der bedeutenden britischen Komponistinnen des 20. Jahrhundert. Hierzulande spielt sie bislang allerdings keine besondere Rolle. Nun hat sich das Theater Wuppertal ihres bekanntesten Opus angenommen. Der australische Regisseur Greg Eldridge lässt die Geschichte stilecht und detailgenau im 19. Jahrhundert spielen. Bühne (Alyson Cummins) und Kostüme (Evelien van Camp) sind zeittypisch: Der Spiegel über dem Wohnzimmerkamin ist angelaufen, die Tapete vergilbt, die Atmosphäre auf den Straßen düster. Das liegt zweifelsohne auch an der Story, hinter der sich kein anderer als Jack the Ripper verbirgt, jener legendäre Frauenmörder, der nie gefasst wurde. Eben jener zieht bei George und Emma Bunting als Untermieter ein, wird von der Hausherrin intuitiv durchschaut und scheint am Ende gar geläutert. Ob er das Morden aber wirklich einstellt? Das bleibt Spekulation, gehört aber zu der dezidiert weiblichen Perspektive, aus der Tate die Geschichte erzählt.
Eldridges Inszenierung arbeitet mit dem zeittypischen Ambiente und reichert selbiges mit filmischen Details an: Einblendungen wie beim Stummfilm und modernen Grafiken, die szenische Details illustrieren. Ein auch in der Partitur vorgesehener Erzähler (Alexander Wulke) führt von Zeit zu Zeit in die Handlung ein und kommentiert diese. Das macht alles in allem einen stimmigen Eindruck. Darüber hinaus weist es jedoch nicht. Der Regisseur setzt die Geschichte originalgetreu um, das ist absolut gelungen, aber dabei bleibt es dann über weite Strecken auch. Die doppelbödige Spannung entsteht im Wesentlichen durch die dramatische Musik und das großartige Ensemble. Trotzdem ist diese Inszenierung sehenswert: Sie nimmt das Stück wie es ist und stülpt ihm nicht einfach eine unter Umständen krampfhaft aktualisierte Interpretation über. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst der wie die Inszenierung vom Publikum einhellig gefeierten Besetzung. Gesungen und gespielt wird an diesem Abend ausgezeichnet.
Allen voran ist Edith Grossman als Emma zu nennen. Ihr ausgewogener Mezzo hat enormes dramatisches Potenzial, ebenso feine lyrische Qualitäten, die die Sängerin nicht zuletzt durch ihre darstellerischen Fähigkeiten sicher einzusetzen weiß. Andrew Nolan als ihr Gatte taut mit kultiviertem Bass bei der Ausformung seiner Rolle zusehends auf. Als Jack the Ripper zeigt Zachary Wilson sowohl baritonale Grandezza als auch die ganze Bandbreite des (vokalen) Wahnsinns. Denn der Ripper ist in Tates Oper ein fehlgeleiteter Fanatiker, was Wilson in seiner Darstellung der Figur sehr gelungen herausarbeitet. Darüber hinaus hinterlassen auch Marianna Ortugnos als Daisy und Merlin Wagner als ihr Verlobter ebenso wie der von Ulrich Zippelius einstudierte hauseigene Opernchor einen ausgezeichneten Eindruck. Prädikat: Sehenswert. |