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Editorial
Vom Aufbau zum Abriss?
Editorial von Rainer Nonnenmann
1945 waren die Städte zerstört sowie Kunst und Kultur gleich doppelt ruiniert. Rund zwei Millionen Tonnen Bomben, die über Deutschland abgeworfen wurden, hatten Museen, Theater, Konzert- und Opernhäuser in Schutt und Asche gelegt; und was während der zwölfjährigen Nazi-Diktatur in den Häusern gezeigt, gesagt und gespielt wurde, war durch die nationalsozialistische Führer-, Volks- und Rassenideologie ebenfalls verbrannt. Die junge Nachkriegsavantgarde versuchte deswegen Tabula rasa zu machen. Karlheinz Stockhausen pries damals die Situation seiner Generation als Glücksfall: „Die Städte sind radiert, und man kann von Grund auf neu anfangen ohne Rücksicht auf Ruinen und geschmacklose Überreste.“ Zugleich wurden direkt nach Kriegsende wieder die ersten Orchester und Ensembles formiert, Trümmer beseitigt, das öffentliche Leben neu organisiert und dann während des „Wirtschaftswunders“ die Theater und Opernhäuser auf- und neugebaut. Nach Faschismus, Holocaust und Krieg schuf man in den jungen deutschen Teilstaaten in West wie Ost unter verschiedenen politischen Vorzeichen wieder Orte der kollektiven ästhetischen Selbstbespiegelung.

Rainer Nonnenmann. Foto: privat
Und heute? Achtzig Jahre später müssen viele Theaterbauten saniert oder gar abgerissen werden. Das bislang teuerste Beispiel ist die Oper Köln. Das von Wilhelm Riphahn entworfene Gebäude wurde 1957 als einer der ersten großen Kulturbauten der BRD eröffnet. Ab 2012 wurde das unter Denkmalschutz stehende Haus für aberwitzige 1,3 Milliarden Euro saniert. Vierzehn Jahre später soll es nun im September endlich wiedereröffnet werden. Gegenwärtig gibt es solche Großbaustellen auch in Augsburg, Berlin, Bonn, Karlsruhe, Koblenz, Chemnitz, Coburg, Mannheim, Nürnberg, Osnabrück, Würzburg, demnächst auch in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt, München, Stuttgart. Der Themenschwerpunkt des kommenden Doppelhefts 4/5 von „Oper & Tanz“ wird sich daher exemplarischen Interimslösungen, Um- und Neubauten von Theatern widmen. Zudem leiden die Stadt- und Staatstheater unter Mittel- und Personalkürzungen. Weil Kommunen die steigenden Betriebskosten nicht mehr stemmen können oder wollen, werden erste Theater geschlossen, aktuell in Ingolstadt, oder zwei Sparten ins selbe Haus verlegt, wie bei den Theatern Chemnitz, wo das Schauspiel ins Opernhaus umziehen soll, so dass beide Sparten sich die Bühne teilen müssen und fortan nur noch die Hälfte an Programm präsentieren können. Einst trotz Zerstörungen, knapper Mittel, politischer Verwerfungen und junger staatlicher Strukturen unter großen Kraftanstrengungen aufgebaut und über Jahrzehnte gepflegt, soll mit Musik-, Sprech- und Tanztheater ausgerechnet jetzt mancherorts Schluss sein trotz allgemeinem Wohlstand, gefestigter Demokratie, modernster Technik, effizienter Kommunikation, digitaler Verwaltung.
Diese Schließungen sind nur die offensichtlichsten Symptome einer gesamtkulturellen Krise. Die Spielstätten stehen zwar noch im Zentrum der Städte, sind aber nicht mehr der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Diskurses. Stattdessen okkupieren Internet, Streamings, Games, YouTube und Konsorten die Aufmerksamkeit und erzielen Millionen-Reichweiten – der „Baby Shark Dance“ erreicht sogar 17 Milliarden (!) Klicks. Eine lokale oder gar globale Öffentlichkeit schaffen diese Medien damit aber noch lange nicht. Außerdem verlieren Politik und Institutionen den Kontakt zu Kunst und Kultur. Intendanten des Öffentlich-rechtlichen-Rundfunks waren einst Theaterleute, Literaten, Komponisten, heute sind es kulturferne Politjournalisten, Juristen, Betriebswirte. Das ist symptomatisch. Je mehr der gesellschaftliche Rückhalt von Oper und Tanz schwindet, desto mehr schwingen Kämmerer und Finanzpolitiker die Abrissbirnen, zuerst in den Köpfen, dann öffentlich in Reden und Medien, schließlich real gegen Personalstellen, Produktionsetats, Gebäude.
Die Entfremdung von Kunst und Politik ist womöglich beidseitig bedingt. Der geschäftsführende Direktor der Bayreuther Festspiele Heinz-Dieter Sense gibt in diesem Heft (Seite 7–11) zu bedenken, dass sich auch die Kulturbetriebe von der Politik entfernt und nicht ausreichend aktiv um den Kontakt mit politischen Entscheidern gekümmert haben. Das Anbahnen, Pflegen und Ausbauen verlässlicher Verstehens- und Vertrauensverhältnisse zwischen Kunstschaffenden und Politik ist zeitaufwändig und „lässt sich kaum im Rahmen einer normalen Vierzigstundenwoche leisten, auf die inzwischen jedoch viele Geschäftsführer in den Kulturbetrieben ebenfalls bestehen“. Damit Musik, Tanz und Theater wieder im Zentrum stehen, braucht es – so die Handlungsempfehlung „Zukunftspakt Bühne“ des Deutschen Bühnenvereins – mehr Präsenz und Kommunikation aller Kulturschaffenden auch vor und neben der Bühne.
Rainer Nonnenmann |