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Wild und rund!
„Common Ground“ des Bayerischen Staatsballetts bei der Ballettfestwoche

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Wild und rund!

„Common Ground“ des Bayerischen Staatsballetts bei der Ballettfestwoche

Von Vesna Mlakar

Es war höchste Zeit, dass Arbeiten von Alexander Ekman (*1984) und Johan Inger (*1967) auch im Münchner Nationaltheater zu sehen sind. Die beiden schwedischen Choreografen zählen zu den führenden, weil unkonventionellen Vertretern des zeitgenössischen Balletts. In ihrem „Common Ground“ ist der Umgang mit Theaterkonventionen ausgesprochen rebellisch. Gerade das macht diesen Dreiteiler so richtig rund.

Gemeinsam mit dem Klassiker der Moderne Jiří Kylián (*1947) werden Werke aus drei Künstlergenerationen präsentiert. Was die drei Tanzschöpfer eint, ist ihre prägende Vergangenheit beim Nederlands Dans Theater – ihr „Common Ground“ eben. Inger und Ekman waren dort als Tänzer beschäftigt. Inger gehörte 1995 sogar zur Uraufführungsbesetzung von „Bella Figura“. Ihre beim experimentier- und innovationsfreudigen NDT uraufgeführten, humorvoll ins Schwarze treffenden Abrechnungen treten – getragen von höchst vitaler Dynamik – nun in einen Dialog mit Kyliáns stiller, stellenweise surrealistischer Erhabenheit. Dabei werden Münchens fantastische Interpreten einmal mehr zu verblüffenden Höchstleistungen angespornt. Absolute Präzision sieht hier toll-lässig aus. Gezeigt wird, was Tänzerkörper mit unglaublicher Power alles anstellen respektive inhaltlich differenziert transportieren können.

„Cacti“ mit dem Ensemble, Ballettfestwoche 2026 des Bayerischen Staatstheaters München. Foto: Nicholas MacKay

„Cacti“ mit dem Ensemble, Ballettfestwoche 2026 des Bayerischen Staatstheaters München. Foto: Nicholas MacKay

Aus dem Nebel tauchen vier Musiker mit ihren Streichinstrumenten auf. Köpfe lugen hinter weißen Podesten hervor. Da­rauf legt die Kompanie rhythmisch los wie ein Wirbelwind, der sich in geordnetem Chaos in alle Richtungen verbreitet. Atem ist zu hören. Man ruft und lacht. Jeder klopft sich selbst lautstark ab. Arme werden zu Schlegeln. Stachelige Kaktus-Requisiten tauchen auf. Schaueffekt und Wirkung sind grandios. Mit einer gehörigen Portion Witz und Sarkasmus nimmt zu Beginn Ekmans „Cacti“-XL-Fassung für 27 Tänzerinnen und Tänzer Schubladendenken, zwanghafte Suche nach Bedeutung und den Apparat Kunstbetrieb generell aufs Korn – stark ironisch unterfüttert. Technisch messerscharf bringen das Carollina Bastos und Osiel Gouneo in einem mimisch-gestischen Duett auf den Punkt, das den Gedankenstrudel eines probenden Paars versinnbildlicht.

In einem sich ständig verändernden Miteinander stellt Inger danach in „Impasse“ auf seine virtuos-skurrile Weise das Prinzip Hoffnung auf den Prüfstand. Sein Kernthema sind Verknappung von Ressourcen, Gruppenzwang und die Gefahr von Individualitätsverlust. Überbordende Heiterkeit konterkariert Sorglosigkeit und täuscht über Probleme hinweg. Ausgangspunkt ist die weite leere Bühne. Am Umriss eines einsamen Hauses lehnt eine Tänzerin. Zu ihr gesellen sich zwei Männer. Aus kindlicher Erwartung wird Zweisamkeit. Zu dritt Hand in Hand nimmt ein fröhlicher Reigen Fahrt auf. Jeder hängt seinen eigenen Träumen nach. Dennoch werden alle gemeinsam auf eine Zeitreise geschickt. Eine Gruppe hektischer Städter dringt mit alptraum­artigem Bewegungsdrang in ihren Lebensraum ein. Man interagiert, passt sich an. Als sechs knallbunt schillernde Gestalten hereinplatzen, ist tänzerisch Party angesagt, die in einem hemmungslosen Turnierkampf gipfelt. Am Kipppunkt verstummt die Musik.

Kyliáns „Bella Figura“ – eine Wiederaufnahme aus dem Dreiteiler „Wings of Memory“ der letztjährigen Ballettfestwoche – überzeugt am Ende mit ihrer akkurat-eleganten, menschliche Verletzlichkeit widerspiegelnden Ästhetik. Noch bevor das Publikum wieder Platz genommen hat, stimmen sich die Akteure auf offener Bühne auf die Vorstellung ein. Dann übernehmen Licht und schwarze Vorhänge die Regie, die den Raum wahlweise weiten oder verengen. Alles verändert sich permanent, auch die Partnerkonstellationen, der Look und sogar die Art des Ausdrucks der neun Tänzerinnen und Tänzer. Zum Schlussduett – einem Spiel mit Makeln, symbolisiert im wiederholten gegenseitigen Runterdrücken hochgerutschter Schultern – wird es still. Man vernimmt bloß noch das leise Lodern in zwei seitlich aufgestellten Feuerschalen – überwältigt von einer Manifestation exorbitanten Könnens. Mehr „Bella Figura“ – also „guten Eindruck“ – kann ein Ensemble nicht hinterlassen.

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