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Berichte
Versprechen brechen
Enttäuschende Uraufführung von Sara Glojnarićs „Station Paradiso“ in Stuttgart
Von Rainer Nonnenmann
Im Zuge der Anwerbeabkommen mit Italien, Griechenland, Jugoslawien und der Türkei wurde die Bundesrepublik zum Einwanderungsland – und ist es geblieben. Seit den 1960er-Jahren kamen Millionen williger, billiger Arbeitskräfte. International besetzt sind längst auch Ensembles von Oper und Tanz. Höchste Zeit, sich auch in diesem Rahmen mit Arbeitsmigration auseinanderzusetzen. Sara Glojnarićs „Station Paradiso“ versucht das, vergeudet aber das wichtige Thema.
Das Libretto zur „Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause“ schrieb Tanja Šljivar auf der Grundlage von Interviews, die die 1991 in Zagreb geborene und teils in Stuttgart ausgebildete Komponistin mit hier lebenden Migranten aus Bosnien, Kroatien, Serbien, Italien und der Türkei führte. Alle kamen ins Ländle, um bei Daimler, Bosch, in Wäschereien oder als Reinigungskräfte zu arbeiten. In den Sommerferien fuhren sie über die Europastraße 5 zu ihren zurückgelassenen Familien nach Neapel, Belgrad, Vojvodina, Split, Sofia, Edirne, Athen, Antalya, Istanbul… Die Oper erzählt von den Hoffnungen und Enttäuschungen dieser Fahrten von und zur – wo immer das sein mag – „Station Paradiso“. Der Busfahrer (Goran Jurić) fordert von den Reisenden Lieder statt Fahrkarten. Prompt erklingen Ausschnitte bekannter Popsongs und Schlager, die je nach Biografie starke Gefühle auslösen. Dann folgen jedoch die Mühen langer öder Autobahnkilometerfresserei: kongenial langweilig gestaltet mit endlosen Wiederholungen immer gleicher Worte und Klänge.

Sara Glojnarić, „Station Paradiso“ mit Fanie Antonelou, Stine Marie Fischer, Diana Haller, Joseph Tancredi, Martina Mikelić, Matthias Klink, Goran Jurić. Foto: Matthias Baus
Glojnarić überlagert quirlige Läufe und Kreisfiguren wie Minimalist Phil Glass im wuselnden Kultfilm „Koyaanisqatsi“. Die agil perlenden Instrumental-, Keyboard- und Elektronik-Sounds wirken wie KI-generiertes Gedudel, das unterschiedslos über Freude, Sehnsucht, Trauer, Liebe oder Hochzeit hinwegströmt. Statt die verschiedenen Herkünfte durch Anklänge an Lieder und Tänze expressiv mit Leben zu füllen, legen die Sänger:innen austauschbare Ariosi über gleichgültig und unbeteiligt wirkende Einheitselektronik. Statt exemplarisch diasporische Schicksale theatral zu verdichten, erzählen Libretto, Musik und Statistiken bloß trocken davon, so dass ungreifbar bleibt, was es heißt, entwurzelt zu sein und – wofür die deutsche Sprache keinen Plural kennt – zwischen zwei „Heimaten“ zu leben.
Nach einer Dreiviertelstunde setzt die Dauerbedudelung erstmalig aus. Ein türkischer Vater (Matthias Klink) singt zu schlichter Begleitung auf Gitarre – nicht Bağlama – ruhig und eindrücklich ein Liebeslied von Orhan Gencebay auf seinen großen, schwarzhaarigen Sohn, den Sopranistin Fanie Antonelou mit aufgeklebtem Oberlippenbärtchen verkörpert. Dann feiert die „Yugo-Tochter“ (Diana Haller) in höchsten Lagen trotzig ihr Leben und tanzt wild zu furiosem E-Gitarren-Solo. Für diesen seltenen Energieschub dankt das Publikum mit spontanem Szenenapplaus. Das Orchester unter Leitung von Peter Rundel ist oft völlig abgemeldet, als hätte es die Komponistin vor lauter elektronischem Zuspiel vergessen.
Anika Rutkofskys Regie, Christina Schmitts Bühnenbild und Adrian Stapfs Kostüme kompensieren die fehlende Dramatik durch szenischen Aktionismus. Der Reisebus klappt in zwei Hälften auf, die fortan von Kulissenschiebern im Blaumann wie bei Daimler am Band sinnbildlich für Verkehr, Zerrissenheit und Desorientierung hin und her gedreht und geschoben werden. Manuela Hartels Videos zeigen dazu Straßen, Autos und Menschen beim Kochen, Tanzen, Feiern. Am Ende aller Träume und Erinnerungen sind die Reisenden schließlich wieder zurück „in diesem postmigrantischen Deutschland“, wo man sie ständig fragt, „Woher kommst Du?“, was man in den Heimatländern ihrer Eltern und Großeltern freilich ebenso tut, weil die „Yugo-Schwabos“ auch diesen längst entwachsen sind. Zum Schlusschor sitzen dann alle wie bei einer schwäbischen Hocketse am Tisch und singen: „Diese Stadt strahlt ein Versprechen aus, wie alle Städte.“ Auch diese Oper strahlte ein Versprechen aus – und löste es nicht ein. |