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Vom Aufbau zum Abriss?
Editorial von Rainer Nonnenmann

Kulturpolitik

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Theater Chemnitz – Tod auf Raten?

„Das Theater steht an einem Scheidepunkt“
Auf ein Wort mit dem geschäftsführenden Direktor der Bayreuther Festspiele Heinz-Dieter Sense

Das grässliche Lachen alten Golds
Aspekte aus 150 Jahren Deutungsgeschichte von Wagners „Ring des Nibelungen“

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Vom interaktiven Kind zum Performance-Greis
Die 20. Münchener Biennale für neues Musiktheater 2026 unter neuer Doppelspitze

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Wild und rund!
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Macht, Liebe, Klangrausch
John Adams’ „Antony and Cleopatra“ in Koblenz

Versprechen brechen
Enttäuschende Uraufführung von Sara Glojnari
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Ergebnisoffene Endzeiterzählung
„Die Walküre“ von Paul-Georg Dittrichs „Ring“-Inszenierung in Köln

Prädikat Sehenswert
„The Lodger“ von Phyllis Tate in Wuppertal

Sinnestaumel
Neuer Ballett-Dreiteiler „Rock to Heaven“ des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Drama und Revolution
Laurenz Lüttekens Annäherungen an Richard Wagners „Ring“

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Berichte

Ergebnisoffene Endzeiterzählung

„Die Walküre“ von Paul-Georg Dittrichs „Ring“-Inszenierung in Köln

Von Rainer Nonnenmann

„Das Rheingold“ spannte den Bogen vom Kasperletheater mit Flügelhelm-Germanen, Insta-Fashion-Girls und Marvel-Superhelden über Sklavenhalter, Zombies und Mafiosi bis zum Untergang in Krieg, Terror, Feuersbrunst. Was Wagners kosmogonischer „Ring“ in vier Teilen erzählt, zeigte Paul-Georg Dittrichs Neuinszenierung der Tetralogie an der Oper Köln gleich alles am Vorabend. Wie sollte es nach dem Ausblick auf die Apokalypse weitergehen? Die Lesart des Regisseurs irritiert und provoziert Fragen, die meist erst in späteren Szenen beantwortet werden. Für Neugierige ist das spannend, für orthodoxe Wagnerianer ein Frevel.

Nun präsentierte Dittrich „Die Walküre“ getreu Wagners Partitur in der ersten Szene mit Hundings Hütte, Quelle, Weltesche, Schwert und Wonnemond. Gewollt naturalistisch war das Bühnenbild von Pia Dederichs und Lena Schmidt dennoch als künstliche Staffage erkennbar. Zudem zeigten großformatige Videos von Überwachungskameras die Szenerie samt der auftretenden Personen. Wie Störungen wurden kurze Schnappschüsse von medizinischem Personal eingeblendet. Der im Hintergrund tief hängende Vollmond diente als Projektionsfläche für Schattenspiele aus der Kindheit der Wälsungen. Als sich Siegmund (Daniel Johansson) und Sieglinde (Astrid Kessler) als Bruder und Schwester erkennen, verschmelzen ihre Gesichter auf den Monitoren zu ein und demselben Zwillingsgesicht. Welchen Sinn macht das? Aufklärung gab dann der zweite Aufzug.

Richard Wagner, „Die Walküre“ an der Oper Köln mit Jordan Shanahan und Trine Møller. Foto: Matthias Jung

Richard Wagner, „Die Walküre“ an der Oper Köln mit Jordan Shanahan und Trine Møller. Foto: Matthias Jung

Videos von Robi Voigt zeigen kriegsverheerte Städte, zerschossene Gebäude, verwüstete Anlagen. Walhall ist das Hauptquartier eines faschistoid in rosa Uniform gekleideten Wotan (Jordan Shanahan), in dessen Schaltzentrale die Überwachungskameras zusammen­laufen. Zu sehen sind außerdem 3D-Kon­struk­tionszeichnungen von Hütte, Esche, Schwert, Röntgen- und Ultraschallbilder von Föten. In diesem Labor wurde offenbar der gesamte erste Akt designt, alles wurde programmiert, einschließlich der Personen. Auf deren Arbeitslagerkleidung prangte dieselbe geflügelte Doppelhelix, die jetzt als großes Herrschaftszeichen oder Firmenlogo die Bühne flankiert. Fricka (Bettina Ranch) vertritt zwar noch die alten Gesetze der Ehe und menschlichen Fortpflanzung, ist aber selbst unfruchtbar, weshalb Wotan serienweise Klone züchtet und hinaus in die „Arena“ schickt. Wie das Zwillingspaar sind alle Nachkommen genetisch genormte Fabrikware. Brünhilde wird daher ebenfalls geschwisterlich zu Siegmund hingezogen, den sie küsst und verbotenerweise schirmt. Hunding (Tijl Faveyts) entstammt lediglich einer anderen Baureihe.

Der dritte Aufzug zeigt ein Entbindungsheim, in dem die Walküren – alles Brünhilde-Replikanten – unter Marschmusik, Wehen und Kreischen „Hoiotoho!“ am Fließband Babys gebären. Chefarzt Wotan entscheidet als Gott in Weiß über Leben oder Tod ganzer Klonserien. Am Ende schickt er Brunhilde (Trine Møller) in die Tiefkühltruhe und codiert am Computer den Feuerzauber, so wie er schon zuvor sämtliche Kulissen animierte. Der finale Ausblick aus dem Kreissaal entlarvt alles als digitale Matrix. Dank Jordan Shanahan ist Wotan auch sängerisch und schauspielerisch die alles beherrschende Kraft. Der Bariton verkörpert den cholerischen Machthaber stimmlich flexibel mit starker physischer Präsenz. Die übrigen Vokalleistungen bleiben blasser, wenngleich auf gutem Niveau. Als vielfarbig charakterisierender Leitmotiv-Erzählstrang agiert das Gürzenich-Orchester Köln unter souveräner Leitung von Marc Albrecht.

In welche Welt führt die nächste Station „Siegfried“ im April 2027? Wer oder was ist dann der Drache Fafner? Welche technologischen und humanen Katastrophen können die Götter noch untergehen lassen, nachdem sie sich längst selbst entzaubert haben? Paul-Georg Dittrich zielt mit seiner sukzessiven Neuinszenierung des „Ring“ an der Oper Köln auf eine große Endzeiterzählung über die menschen- und naturverachtenden Allmachtsfantasien digitaler Techgiganten. Das ist hörens-, sehens- und verstehenswert, selbst wenn am Ende doch mehr Fragen als Antworten bleiben sollten.

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